Viele feiern diesen Film als gelungenen Comeback-Versuch von Jean-Claude Van Damme. Man kann das auch so abstempeln. Allerdings - wer sich davon verspricht, dass man wieder ein auf Hochglanz getrimmtes Nonstop-Action-Feuerwerk a la "Timecop", "Universal Soldier", "Sudden Death" etc. bekommt, kann die Finger wieder vom Regal wegnehmen und sich lieber was anderes ausleihen/kaufen, um sich abends vor´m Fernseher mit seinen dementsprechend bevorzugten Drogen leichte Kost zu konsumieren. "JCVD" bietet fast gar keine Action, er liefert eine Tragikomödie ab, nicht unterhaltsam für das Massenpublikum serviert, sondern will zeigen, dass Van Damme auch mehr bieten kann als Hau-Drauf-Action.
Die Idee ist natürlich nicht neu, Bruce "B-Gott" Campbell hat es 2007 vorgemacht, sich selbst als abgefuckten, abgehalfterten Film-Star zu spielen (was jedoch durch zu wenig Blut und die beschissene deutsche "Ash"-Stimme gründlich in die Hose ging). Van Damme nimmt sich ernster, verpackt seine Figur in einen unspektakulären Banküberfall rein und spricht über sein Leben. Van Damme wirkt menschlich, wenn auch manchmal "mutig", trotzdem wurde sehr drauf geachtet, dass eine gewisse Portion Humor und Pointen vorhanden sind, die sich aber im Hintergrund des sich selbst schauspielerenden Schauspieler bewegen. Hier geht es um den Menschen himself. Van Damme´s Drogenprobleme werden angesprochen, seine (fiktiven) Eltern sind mit von der Partie - wenn man diesen Punkt "fiktiv" auch erst im Abspann betrachten kann, da es sich auch um die richtigen Eltern handeln könnte.
"JCVD" beginnt, wie man es von einem "Action-Film" aus Claude´s besten Zeiten kennt. Eine fünfminütige Anfangssequenz in denen er Terroristen einen Kick in die Fresse nach dem anderen verpasst, hat verdammt viel Qualität. Das besondere da dran ist, dass dieser Prolog gänzlich ohne Schnitte auskommt, wie man es nur aus dem Meisterwerk "Children of Men" kennt (auch wenn dort die Kulisse etwas bombastischer rüberkommt). Das verdient Anerkennung, so was kann man nicht ohne perfektes Timing spielen. Aber, da diese Einführung nur "fiktiv" ist, also quasi als neuste Film-Rolle des B-Stars ausgelegt wird und am Ende die ganze Requisite auseinander fällt (und als Querverweis John Woo die Fist im Anus spürt...), sollte man nicht mehr an (vielen) weiteren Handkantenschlägen des Belgiers erwarten.
Denn, das war es dann auch mit der Action, soweit so gut. Nun sollte sich JEDER drauf einstellen, dass es sich danach nur noch um ein Drama mit minimalistischen Action-Elementen handelt, was eingefleischten Fans wohl echte Probleme bereiten wird.
Der Überfall wird vor- und rückwärts erzählt, man weiß nur, dass Van Damme eine Rolle zu spielen scheint, als Opfer oder Täter weiß man vorerst nicht. Natürlich wird man im weiteren Verlauf aufgeklärt: Es sind drei Verbrecher die den Banküberfall machen, wovon zwei in eine beschissene französische Asterix-Adaption reinfallen können. Brunzhohl, und nix in der Birne. Nur der Anführer strahlt eine gewisse Bedrohbarkeit aus. Einer der beiden Tollpatsche trägt auch zum Ende hin noch eine tragische Rolle.
Der Höhepunkt in den sehr braun-weiß gehaltenen Farbtönen stellt mit Sicherheit Van Damme´s Monolog da, der völlig überraschend in Szene gesetzt wird, aber genau ab diesem Zeitpunkt bleibt die Uhr stehen und man fühlt, dass Van Damme sich nicht mehr spielt sondern er selbst ist. Tränen fließen, Kritik an Hollywood werden angesprochen sowie die Drogenprobleme (die Big "Hollywood" zwangsläufig für viele mitbringt).
Und so wabert sich der Film zum einigermaßen Happy End, dass sich in einer alternativen Einstellung genial auf die Schippe nimmt.
"JCVD" ist ein intensives Drama mit wenig Bezug auf Action, daher rate ich Leuten, die Van Damme Leute zermatschen oder gerne im Spargat zwischen zwei Wohneinrichtungen sehen, davon ab. Natürlich könnte der Film etwas bissiger sein. Aber auch so kommt er verdammt gut über die Runden, in meinen Augen hat Van Damme mit "JCVD" viele totgeschwiegene Punkte aus L.A. angesprochen, die für Medien tabu sind. Hier zählt nicht die Knete, sondern das Ergebnis. Und das dafür Jean Claude Van Damme seinen Pint hinhält, rechne ich ihm hoch an.
9/10