Review

Jeder will irgendwann mal was anders machen, wenn die Maschinerie um einen herum so richtig schön rund läuft oder noch schlimmer: bedenklich zu eiern beginnt. Actionstars sind da besonders betroffen, denn das Alter ist zu ihnen so ungnädig wie zu mimisch talentierten Comedystars und es kommt der "point of no return", wo die Körperfülle oder die Beweglichkeit einfach keine Highlights mehr zulassen und man gezwungen ist, im Billigsten vom Billigen das "star billing" einzukassieren.

Zwischendurch bemüht man sich dann mal um anderes: wandert ins dramatische Fach, gönnt sich eine einprägsame Nebenrolle und stirbt ganz überraschend (siehe auch Steven Seagal in "Einsame Entscheidung") oder macht auf Comedy.
Was Jean-Claude van Damme dazu bewogen hat, mal eine realistische Performance zu versuchen (das Verb ist bewußt gewählt), die sowohl Drama als auch Parodie als auch Tragik als auch Realismusanspruch als auch Kunstfilm-Odem umfaßt, kann wohl nur mit einem enthusiastischen Filmemacher erklärt werden, der dem schlingernden Haudraufkumpanen solange die Ohren vollgeleiert hat, bis dieser überschnappend alles gemacht hätte oder sich im Mustopf gar nicht mehr wehren konnte.

Das wirklich Faszinierende an diesem Film ist jedoch nicht das Produkt selbst, sondern die beharrlich devote Reaktion, die dieser Selbstversuch bei der Actionfilmgemeinde hinterlassen hat, die weitestgehend sofort der Meinung war, van Damme hätte alle Arroganz und jeden Schutz fallen gelassen und sich nackt und bloß präsentiert (also sein Innerstes), um sich augenzwinkernd selbst zu parodieren. Mußte also ein Bombenfilm sein.
Bloß ist Mabrouk El Mechri niemand, der soviel Erfahrung hat, ein schlüssiges Statement zu so einer ikonenhaften Figur abzuliefern. Da wurde vorab besprochen, geformt, abgeschliffen, um dann beim Dreh plötzlich ein breites Eckchen für Improvisation übrig zu lassen, ein Risiko, das man nur Fachleuten zumuten sollte, aber nicht darstellerisch begrenzten Personen wie dem Belgier mit dem imposanten Kick.

Also wird munter alles in einen Topf geworfen: in düsterem Sepiaton folgen wir dem guten JCVD, wie er scheinbar ein Postamt überfällt, als er in enormen Geldnöten ist, um den Anwalt für den Sorgerechtsprozess um seine Tochter weiter zahlen zu können. El Mechri formt die Story zu überflüssigen Kapiteln und kleistert alles mit ein paar realistischen Bezügen zu van Dammes finanzieller und kreativer Situation zu, die dem Mischmasch dramatisch-realistischen Gehalt vermitteln soll. Schlimm, wenn man also auf dem Balkan für billig noch billigere Filme runterkurbeln muß, um dann auch noch monströse Teile des Budgets an sich zu reißen - eigentlich sollte man als Gutmensch das gar nicht machen, ist man doch, vollkommen unerwartet in erster Hinsicht Vati und hingebungsvoller Arbeiter.

Womit wir wieder auf den zentralen Plot zurückkommen, der auf dem Gag beruht, daß alle denken, van Damme hätte die Post überfallen, dabei ist er nur drei bereits vorhandenen Räubern vor die Flinte gelaufen. Das denkt man sich dann schon in den ersten 15 Minuten, wenn man die Außensicht von Passanten, Fans und Polizisten inne hat, was El Mechri aber nicht daran hindert, mit seinen gefürchteten Improvisationen dann die offensichtliche Backstory des echten Überfalls noch einmal zu rekapitulieren. Fast eine Stunde ist rum, bis man wieder an dem Punkt ist, der schon beim ersten Schuß offensichtlich war.
In diese Konfliktsituation schmeißt man dann einen devoten Räuber und Fan der ersten Stunde, der ihn zu seinen Kunststücken animiert, während der Star müde und verschreckt in der Ecke sitzt, während sich die übrigen beiden Räuber zeitfressend doof anpaulen. Derweil werden draußen eine ewig labernde Taxifahrerin interviewt, der Kommissar kotzt fast vor besorgter Ergebenheit, zwei Videothekenbesitzer machen das große Geschäft und schließlich karrt man auch noch die Eltern an, die natürlich alle vollheulen.

Noch bevor es zum achso inspirierten Chaos-Finale kommt, hat man schon jedes Interesse verloren. Daß man keine Action von dieser Spiegelvorhalterei erwarten darf, ist klar; ärgerlich ist aber, das hier van Damme nicht die Hosen vor dem Spiegel runter läßt, sondern vor einem idealisierten Portrait von sich selbst oder vom Regisseur womöglich.
Es ist aber wirklich zu schrecklich: alle wollen Geld von einem, die ganze Welt ist gegen dich, deine Tochter verzichtet auf deine elterliche Sorge wegen deines schlechten Rufs, deine Exfrau ist gar nicht im Bild, alle wollen Fotos oder texten dich zu, kein Agent bietet dir etwas Brauchbares an und du lächelst, nickst und bist ansonsten der kompatibelste Schwiegersohn überhaupt. Allein glauben will man das nicht in einer Sekunde.
Und wenn es dann zur Apotheose kommt, wenn van Damme seine künstlerischen sechs Minuten bekommt, seinen Monolog, seine Abrechnung, seine Sicht; wenn er sich, allein auf einem Kameragalgen aus dem Filmset erhebt, um uns und Gott und wasweißichnoch zu erklären, wie alles kam, was kam, dann wirds schlichtweg grotesk. Da drückt ein wirres Zeug faselnder und müde vor sich hin alternder Star greinend auf die Trändrüse und ist dabei so offen und selbstgerecht, wie Erweckungs- und Depressionsschwund nur sein kann, eine verbale Monstranz, bei der man so erschreckt gar nicht erfassen kann, ob der Mann sich wirklich so sieht oder hier und jetzt nur eine Rolle spielt.

Wie überhaupt nie eine konkrete Linie in den Film findet, zu sehr beharken sich beißende Komödie und satirische Spitze mit ausgedehnten überflüssigen Dialogszenen und diversen Wiederholungen ohne großen Reiz. Für ein ehrliches Portrait bleibt die Figur "JCVD" zu klischeehaft, die realistischen Anklänge an sein wahres Leben zu dramaturgisch ausgesucht; für eine parodistische Groteske über den Star- und Kultwahn drückt El Mechri zu sehr aufs Sülzpedal und die Nebenfiguren sind allesamt maximal Pappkameraden Marke TV-Comedy, allerdings die bemühte Sorte.
Natürlich haben auch die hier verwendeten Szenen manchmal durchaus ihren Reiz, hier und da kann man eigentlich nicht anders als schmunzeln und van Damme ist wohl der Letzte, den ich beschuldige, das hier komplett vergeigt zu haben, aber wenn man schon nicht in der Lage ist, eine differenzierte Selbsteinschätzung seiner selbst im wahren Leben abzugeben, dann funktioniert das auf der fiktiven Schiene schon gar nicht, vor allem wenn ein selbstreferenziell verliebter Witzbold von Regisseur das Kuddelmuddelprojekt schön geredet hat.
Als Van-Damme-Kuriosität ist das möglicherweise ganz nett anzuschauen, wenn man von den Fließbandprodukten der Güteklasse D inzwischen endlos angeödet da sitzt, aber alles in allem fährt sein Konkurrent Lundgren besser damit, seine limitierten Fähigkeiten als Regisseur durch ständiges An-Sich-Arbeiten zumindest kreativ zu erweitern.
Dem Star hier will man leider nach einer halben Stunde nur noch zurufen: "Heul doch. Und wenn du dann fertig bist, penn mal wieder ne Runde!" Am Schluß sitzt unser Held im Knast und kehrt zu seinen Kampfsportwurzeln zurück - so siehts dann aus: anders kommt man mit dem Ego aus der Nummer nicht wieder raus! (4/10)

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