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Den Film Wanted leiten zwei Handlungslinien ein. In einem Rückblick erleben wir bereits einen Kampf auf Leben und Tod zweier Giganten des Killergeschäftes und so wird der Ton des übernatürlichen Aktionsradius festgelegt. Unser Fixpunkt jedoch ist der Mittzwanziger Wesley Gibson (James McAvoy). Wes ist unglücklich. Sein Kumpel vögelt unverhohlen seine Freundin, während er in einem Großraumbüro unter Mobbingangriffen Panikattacken durchlebt. Er hat seine Mitte verloren – hat sich verloren. Seine Welt verändert sich schlagartig, als er in einem Drugstore ins Zentrum eines Feuergefechtes gerät. Die Assassinen sind ihm tatsächlich auf den Spuren, denn einer der beiden Duellisten war sein Vater.
Es scheint natürliches Terrain für den russischen Regisseur Timur Bekmambetov, hatte er sich doch bereits mit seinen Wächter-Filmen an die Spuren einer Parallelwelt geheftet. Wanted führt uns nun ein in die Riten einer Bruderschaft der Assassinen, welche das Weltgeschehen aus dem Hauptquartier hinter den Fassaden einer Weberei lenkt. War es in der griechischen Mythologie noch die Moire Klotho, welche den Lebensfaden spann, so liest man hier aus den Webmustern binär verschlüsselte Mordaufträge, die aus voller Überzeugung befolgt werden.

Stillistisch scheint man den amerikanischen Gunman in die Welten des hongkong-chinesischen Wuxiakinos übersetzen zu wollen. Die Panikattacken des Protagonisten Wes lassen sich in Wanted zu einer positiven Eigenschaft transformieren, die ihn zeitlupenartig dargestellt blitzschnell reagieren lassen. Die Grenzen der Physik scheinen aufgebrochen, wenn die Figuren übermenschlich sportive Fähigkeiten ausüben und Pistolenkugeln im tiefen Glauben an eine krumme Flugbahn Hindernisse umwinden. Sensationell wirken irrwitzige Autostunts aus dem Computer, die zwar wider natürlicher Logik funktionieren, jedoch so detailliert konstruiert werden, daß sie einer internen Stringenz folgen.
Im Sog dieser Geheimgesellschaft findet Wes zu einem ersten Gleichgewicht, welches aber noch leicht zu erschüttern ist. Mit Wanted stellt man berechtigte Fragen nach dem Prinzip einer globalen Ordnungsstruktur und beschreibt schließlich die Herausforderung des eigenen Codex an den Menschen, der sich nach diesem richten will. Die Ehrbarkeit dieses menschenfeindlichen Prinzips außen vor lassend, ist es doch das Ego, welches den Idealismus aus einem Selbsterhaltungstrieb hin besiegt.

So abstrakt die Groteske doch den Niedergang einer Sekte aufgrund ihrer anfälligen Selbstlosigkeit beschreibt, so schlüssig fügt sich das gesamte Bild doch zu einer Introspektion der Hauptfigur zusammen. Wanted ist die Erzählung eines Gleichnisses von einer Person, die aus seiner individuellen Situation heraus Erkenntnisse ziehen muß, um sein Selbst zu ergründen. Die Bruderschaft der Assassinen dient hierbei als Sinnbild hypokritischer Gruppenbildung. Es ist die Darstellung eines Spiritismus, wie er in einer zeitgenössischen Konsumkultur von wissenschaftlicher Kälte und Sterilität möglich erscheint.
Wie Wes schließlich sein eigenes Wesen erschaut, zerfließt die Umgebung für ihn scheinbar wie unter dem Weichzeichner des Bullet Time. Es gleicht der buddhistischen Lehre, wie seine Erleben zum Initial wird. In Erkenntnis des Nichts scheint der Protagonist am Ende von Wanted unwankbar zu erstarken. Nicht das Wohin bestimmt schließlich das Finale, sondern die Herstellung einer Mitte – offen lassend, welchen Rang Ratio, Moral, Recht oder Verantwortung hierbei inne haben. In knapp zwei Stunden scheppernd-hochglänzendem, nahezu surrealem Action-Eskapismus obliegt die substanzielle Manifestation dem Rezipienten.

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