Daß man mit Musicals eine Menge Kohle machen kann, weiß man nicht erst, seit der Broadway seine Erfolgproduktionen seit „Cats“ und „Phantom of the Opera“ in alle Welt exportiert, das war schon bekannt, seit der Ton zum Film kam. Aber das doppelte Abkassieren geht heute natürlich um so einfacher, wenn man einen jahrelangen Hit dann einfach noch einmal in den Kinos melken kann, wo die Tricks noch perfekter sind.
Für solche Erfolgsmusicals gibt es mehrere Kategorien, aber im Wesentlichen hat die Produktion entweder einen interessanten oder zumindest anregenden Plot und ordentliche Schauwerte neben den Ohrwürmern oder ist so dermaßen fluffig um die Songs herumcollagiert, daß einem der Dünnsinn auf einmal ganz charmant vorkommt.
Ein Fall aus letztgenannter Kategorie ist „Mamma Mia“, das Konstrukt des Versuchs, das mehr als weltberühmte Pop-Oeuvre der schwedischen Band ABBA für eine Bühnenproduktion flottzumachen, obwohl die Songs nun wirklich keinen besonderen roten Faden bilden. Den bastelte man sich nachträglich zusammen und hoffte damit, die inhaltliche Schwerelosigkeit beschwingt zu übertünchen. Und in diesem einen Fall ist es auch gelungen.
Besonders tiefschürfend ist es nämlich nicht, was an Story hier an den Strand einer griechischen Insel gespült wird, aber niemand hat je Astaire und Kelly vorgeworfen, Oscarmaterial zu verwerten (obwohl schließlich welche gewonnen wurden). Ein junges Mädchen will heiraten und möchte zur Hochzeit ihren Vater kennenlernen. Der jedoch ist nicht genau bekannt, denn ihre Mutter, die jetzt das familiäre Hotel führt, hatte zur Zeit der Zeugung Kontakt mit drei jungen Männern, die folgerichtig alle unabhängig voneinander und ohne Nennung von Gründen eingeladen werden. Gleichzeitig holt Muttern sich zwei Freundinnen als moralische Unterstützung auf die Insel und so gibt es etwas Irrungen und Wirrungen, Unsicherheiten und Anerkennungen und am Ende will natürlich jeder der Vater sein, nur wer wirklich heiratet, ist noch nicht so ganz klar.
Eine dermaßen banale Angelegenheit hätte man nun einfach vom Soundtrack tragen können, doch hier wurde wirklich volles Risiko gefahren und stattdessen ein wahrer Stab an bekannten Schauspielern verpflichtet, die dann auch noch breitgeschlagen wurden, ihre eigenen Stimmen zu benutzen bzw. man trainierte sie in der Hoffnung, daß man sich die Produktion nicht zerschießen würde.
Und so intoniert nun Meryl Streep „Money, Money, Money“ (passend zu dem bruchreifen Hotel), jubelt auf der Junggesellinnenparty mit Christine Baranski und Julie Walters „Super Trouper“ und liefert mit Pierce Brosnan bei „SOS“ wohl das ungewöhnlichste Duo ab, seit Elton John mit Zwei-Meter-Transe auftrat, zumindest stimmlich. Ordnungsgemäß bekommt jeder seinen Song oder gleich mehrere ab und gibt dem Plot damit immer dann Zucker, wenn regelmäßig alle fünf Minuten in die Schlußgerade einbiegen will.
Generell hat man sich hier ein kleines Meisterstück geleistet, denn ein dermaßen gut aufgelegtes, harmonisierendes und lustiges Ensemble gab es schon lange nicht mehr. Meryl Streep zieht vom Leder als ginge es um Oscarnominierung Nr.20 und bringt dermaßen viel Verve in die Sache, wie es sich für den Übertreibungsgrad eines Musicals gehört.
Konkurrenz hat sie nur von ihrer Tochter zu erwarten und Amanda Seyfried wird auf wunderbare Weise von den Stars nicht erschlagen oder sorgt als Beinahe-noch-Teenagerin für den Showstoppereffekt, sondern jubiliert und powert sich durch Songs wie „The Name of the Game“, „Honey Honey“ oder „I have a dream“, die, generell eben banale Lovesongs, durch die Björn-und-Benny-Opulenz zu enormen Hymnen aufgeblasen werden.
Und das sorgt für gute Laune.
Der Rest laviert sich mit Charme und Chuzpe durch die seicht-komödiantischen Szenen. Die Baranski donnert sich gleich durch eine Handvoll Songs mit ihrem Mundwerk und Julie Walters gibt den komödiantischen Sidekick dazu. Stellan Skarsgard offenbart solides gesangliches Talent und selbst Colin Firth etwas helle Singstimme geht der Charme nicht verloren. Allenfalls das näselnde Knödeln Pierce Brosnans sorgt für stetige Befremdung, aber der Mann hat dermaßen viel Look und Patina drauf, daß ihn das nicht recht anficht.
Ansonsten wirkt hier einzig und allein der (visuell natürlich aufgewertetete) Zauber der griechischen Inseln, die sich unter einem knackeblauen Himmel in allen Primärfarben aalen. Dazu knallt die Sonne vom Himmel, bis sie in Endlosuntergängen stundenlange Pracht auszuschütten scheint. Die Brise weht, das Schiff schaukelt in der Brandung, zur Hochzeit zieht man im Abendrot zum Kapellchen auf vorgelagerten Felsen und hier und da hüpft einer in die Brandung. Alle haben sich lieb und richtige Konfrontationen und Querelen sind sowieso nicht zu erwarten. Und was die Choreographie angeht, die wirkt in ihrer Spartanität richtiggehend improvisiert, womit erneut bewiesen wäre, daß ABBA keine monströsen Extras brauchen, um auch außerhalb der Schwulenszene (siehe auch: „Priscilla, Königin der Wüste“) unzerstörbar zu bleiben.
Das alles muß man kaum kauen oder schlucken, das ist so watteweich, das diffundiert binnen Sekunden ins Hirn und setzt eine Art Tanzeuphorie frei, der man sich entweder anschließen kann oder sich verweigern. Im ersteren Fall wird der Film wie ein Rausch flott an einem vorbei ziehen, der Tag (und der darauf) sind vemutlich gerettet.
Insofern ähnelt „Mamma Mia“ den alten MGM-Krachern, die den Zuschauer auch in Phantasiewelten entführen sollten – und weil hier keiner so recht dolle tanzen kann, machen es eben Björn und Benny möglich.
Für mich wars ein Heidenspass, allerdings sollte man für den Film bei der bloßen Erwähnung von ABBA nicht gleich blutunterlaufende Augen haben, dann wird das nämlich nichts. Aber für solche Fälle hat man ja schon den Backkatalog von Queen, Billy Joel und Madness geplündert und eigentlich ist Marilyn Manson auch mal dran.
Chiquitita für den Sehnerv! (8,5/10)