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Wir sehen einen Hund auf die Kamera zurennen, Zähne fletschend, furchterregend und dunkel. Er stürzt auf sie zu und findet immer mehr Gefährten, die sich ihm anschließen und durch eine belebte Stadt spurten. 26 werden es, bis sie am Fenster eines Wohnhauses Halt machen. Dort schaut Boaz Rein-Buskila heraus. Dies ist sein nächtlich wiederkehrender Alptraum, sein Trauma, welches er, ein ehemaliger israelischer Soldat, seit seinem Einsatz im Libanonkrieg verarbeitet. 26 Hunde musste er damals töten, damit diese durch ihr Bellen nicht die Bewohner eines libanesischen Dorfes vor der Ankunft israelischer Truppen warnen konnten.

Boaz hat seinen Freund Ari Folman zu unchristlicher Stunde in eine Bar bestellt, um ihm genau das zu erzählen. Um sein verdrängtes Trauma, welches auch Ari schon seit Kriegstagen mit sich herumschleppt, wieder hervorzurufen. Um ihm bewusst zu machen, dass auch er damals, vor über 20 Jahren, im Libanonkrieg aktiv gewesen war und schlimme Erfahrungen gemacht hat. Waltz with Bashir thematisiert genau das: Das Suchen eines Regisseurs und anderer Soldaten nach jener Wahrheit über ihre Erlebnisse im Libanonkrieg, die schon so lange in ihrem Unterbewusstsein beinahe der Vergessenheit preis gegeben wurden. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, einen disparaten Flickenteppich von Einzelschicksalen nebeneinander dahin zu erzählen, was man dann gescheitertes Betroffenheitskino nennt. Doch Regisseur Ari Folmans Film ist nicht weniger als die Suche nach der Wahrheit um das Massaker von Sabra und Schatila, eines der blutigsten Kapitel des Libanonkrieges, als in Beirut Phalangisten (eine christliche libanesische Partei) im Flüchtlingslager palästinensische Zivilisten grausam töteten. Und das alles unter der Duldung israelischer Truppen, die insofern beteiligt waren, als dass sie Leuchtraketen zur Erhellung des nächtlichen Himmels abschossen.

Letzterer kritischer Fakt wird bei diesem ebenso eindrucksvollen wie unkonventionellen Stück israelischen Politkinos nicht ausgespart. Damit ist nicht nur die ästhetische Gestaltung als Animationsfilm mit überzeugender Tricktechnik zu erwähnen, sondern auch die beklemmende, aber zugleich meditativ-geheimnisvolle Stimmung, die Waltz with Bashir auszulösen vermag. Wenn das immer wiederkehrende, farblich verfremdete Bild nackt aus dem Wasser emporsteigender israelischer Soldaten (welches auch auf dem deutschen Filmplakat zu sehen ist), welche danach die zerbombte Stadt durchschreiten, auf eine seltsam poetische Art und zu fesseln vermag, verwundert dann auch nicht mehr jene später auftauchende Sequenz, die den Filmtitel umschreibt. Dort sieht man einen israelischen Soldaten, vormals MG-Schütze, wie er sein ehemaliges Arbeitsgerät greift und unter Beschuss auf einer umkämpften Straße unter dem riesigen Plakat dem damaligen libanesischen Staatschefs tanzend mit Salven um sich schießt. Diese beinahe fantastisch anmutenden Elemente sind eine gleichsam verwirrende wie originelle Eigenschaft dieses animierten (!) Dokumentarfilms.

Die Suche nach Wahrheit in traumatischen, disparaten Kriegserfahrungen und letztendlich das Finden selbiger - so könnte man den Inhalt von Waltz with Bashir zusammenfassen. Erzählt mit subtilem Gespür für jede seiner zahlreichen Zeitzeugen und deren Geschichte sowie für die Möglichkeiten, die das Medium Film gerade für einen solchen Film bereit gestellt zu haben scheint. Die musikalische Untermalung wechselt von zurückhaltend reduziert hin zu zynisch-abgestumpft, sieht man die einem Comic ähnelnden Bilder der zerstörerischen Kriegshandlungen und liest man die Untertitel von den hebräischen Songs, die von Tod und Zerstörung handeln. Dass beide „Tonarten" - so möchte man es fast nennen - jedoch stets ihren bitteren, nahezu verstörenden Unterton behalten und stets die Kritik an Krieg, Mord und Militär in Anbetracht der Opfer und Zerstörung  thematisieren, liegt an einem filmästhetisch ebenso banalen wie brillanten Einfall am Ende, der den Zuschauer erkennen lässt, dass alles, was ihm bis dahin in animierter Form präsentiert wurde, stets real stattgefunden hat.

Die durch verfremdete Animations-Bilder erzeugte Distanz, die all jene schwummrigen Erinnerungen der interviewten Beteiligten stets interpretationswürdig präsentiert, wird durch eine schockierende ästhetische Wendung am Ende real. Dann wissen wir, was wirklich passiert ist. Dann wissen wir, wie beklemmend eine leise, einsame Pauke als Hintergrundmusik wirken kann. Und dann wissen wir, dass sich Animation, und Doku-Drama nicht zwangsläufig ausschließen, sondern eine faszinierende Symbiose eingehen können (9/10).       

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