Google-Earth-mäßiger Zoom des Satelliten hinein ins Washingtoner CIA-Gebäude. Als wäre es extraterrestrische Neugier, die mal kurz in Erfahrung bringen will, was die auf der Erde da so machen. Mag’s auch die göttliche Stippvisite sein. Hey, schlagen die sich da unten noch immer die Köppe ein? - Ja, schlagen sie, Gott, ist immer noch so wie mit dem Kain damals. Aber warum, weiß irgendwie keiner so richtig. Weil es, möglicherweise, eben die Coens sind und es nach größeren Anstrengungen wie einem "No Country for Old Men" auch wieder einen locker und leicht daher schwebenden Film braucht. Etwas für zwischendurch, eine Übung des Fingers. Das verhält sich wie zu einem US-Präsidenten, der noch mal kurz aufs Klo geht, bevor er einem Dritte-Welt-Land gleich den Krieg erklärt. Kein großes Ding. Allerdings, wenn die Coens es sich gemütlich machen, sich ausruhen, bedeutet das nicht, sie würden nicht auch dabei an den Kreativitätszitzen nuckeln, die sie seit jeher mit Ideen versorgen. Klar, letztendlich fickt hier wieder jeder jeden, ist alles konstruiert und so weiter, doch es ist nun mal auch wirklich eine ziemlich pointierte Komödie über das Leben.
Wie oft sagen die Coen-Skeptiker ihnen nach, sie seien nur artig spielende Kinder im Sandkasten. Mal nähmen sie sich dieses Genre vor, dann jenes, würden sich darin austoben, durchaus erfinderisch, inhaltlich wie formal, sei es muntere Screwballkomödie oder brutaler Neo-Western, hätten aber dann aus dem Inneren ihrer skurrilen Geschichten nichts in die Außenwelt zu tragen, verblieben in ihrer Philosophie von der Banalität des Banalen. Wenn man kuriose Filme nur um der Kuriosität willen dreht, dann ist der Erkenntnisgewinn gleich null. Von ihrem jeweiligen Genre abgesondert, würden die Coen-Sehenswürdigkeiten überhaupt nichts aus den Angeln heben. Der Konjunktiv verrät schon, dass nicht jeder in den Kanon einstimmen will. Aber für all diese Kanonsänger liefert das Bruderpaar mit "Burn After Reading" trotzdem die passende Antwort auf jenes vorgeworfene Coen-Prinzip. Die da lautet: Auf den Vorwurf, ihre Werke hätten eigentlich nichts groß zu erzählen, unterstreichen selbstironisch die Coens hier, ihr Film hätte eigentlich nichts groß zu erzählen. Der Schlussdialog im CIA-Quartier ist ein nichtiger über die Nichtigkeit. Man weiß da nur, dass man nichts weiß, und das ist alles, was man weiß. Mag ja sein, dass sich die Coens viel mit sich selbst beschäftigen, doch einen solchen hintergründig humorvollen und zur Reflexion fähigen Umgang mit sich selbst können kaum andere Regisseure vorweisen.
Aber kurz zurück zum "eigentlich" nichts Großes zu Erzählenden. Diese in "The man who wasn’t there" vorgetragene Heisenbergsche Unschärferelation, dass je genauer man etwas betrachtet, es umso undeutlicher wird, diese trifft ja eben nicht auf die Coens zu. Eher im Gegenteil. Wenn man die ihren Figuren anhaftende Überzeichnung, den ganzen Belustigungsmantel abstreift und die Archetypen nach ihrem Kern abklopft, verbirgt sich dahinter oft genug die Wahrheit des Lebens: Osbourne Cox, ein gefeuerter CIA-Analyst, der mit seinen Memoiren - nutzloser CIA-Shit der Geheimstufe drei, braucht kein Mensch - die Agency bloßstellen und sich eine Bedeutung auferlegen will. Eher ist er Ausgangspunkt für die an der Oberfläche ablaufende Persiflage des Agentenfilms. Tilda Swinton als Katie Cox beweist eindrucksvoll, wie man selbst als Kinderärztin eine emanzipierte Karrierefrau darstellt; die sehnt sich süchtig nach einem "Michael Clayton". Oder Finanzbeamter Harry Pfarrer (Clooney ebenfalls gegen eines seiner Images, hier: Womanizer besetzt, es zersetzend) will sich im Vögeln der halben Damenwelt Washingtons, scheint’s, die Freiheit eines Vogels verschaffen und ahnt nicht, dass er selbst nach den Methoden der modernen Misstrauensgesellschaft aufs Kreuz gelegt wird.
Linda Litzke und Chad Feldheimer, Fitnesstrainer, Inkarnationen der Grenzdebilität, Symphoniker der Idiotie und aufblasbare Gummipuppen, symbolisieren, aber das total sympathisch, die einfach nur in ihrer Naivität Gefangenen, Klischees, die anderen Klischees erliegen (Geheimdienstwelt, Datingsauswahl per Internet usw.) sowie/und auch - das ist Lindas Antrieb: eine Schönheitskultur (wieder Klischeewelt), deren Anhänger ihre Muskeln mit zermahlener Gehirnmasse auffüllen, wie generell den um sich greifenden Fitnesswahn von Schweißband-Pulsuhr-Trägern. Auf dem Laufband eben fast noch die Lunge ausgekotzt und schon fühlt man sich wieder sooo gut. Die Fettröllchen müssen weg, nur schnell muss es gehen. McFit. Nach getaner Affärenarbeit kann noch das Gewissen ausgeschwitzt werden und Harry Pfarrer will fünf Kilometer joggen und der Film immer in Bewegung bleiben. Fürs Kennenlernen bleibt heutzutage wie gesagt nicht viel Zeit, kurz im Internet annonciert und die schlechte Ware, Loser, Deppen, Gesichtsbaracken aussortiert. McDating.
Klar ist hier mal wieder also alles des Wahnsinns fette Beute, ein gefedertes Land der Blinden ohne seinen einäugigen König, ein verdichtetes Schneeballsystem aus Mulch, das alle Figuren fängt, ineinander, miteinander verwickelt, und sie können machen, was sie wollen, sie sind Opfer der Coen-Troublemaker. Alle fragen sich nur wie der Jurist nach einem Obersatz: Wer will was von wem woraus? Die extraterrestrische Neugier aber ist wohl befriedigt. Aliens würden sich eine Tentakel ablachen, auch wenn sie nicht recht wüssten, was sich da jetzt abgespielt hat. Gar nicht schlimm, die CIA hat ebenso keinen blassen Schimmer. Dabei wurde nur eine CD, die gebrannt wurde, nach dem Lesen nicht verbrannt. Alles im Lot.