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Aus dem Reich der Toten!

Ich habe dich gebeten herzukommen, Scottie, weil ich weiß, dass du den Polizeidienst wegen deiner Höhenangst aufgegeben hast. Ich möchte dich fragen, ob du vielleicht einen Auftrag von mir übernehmen würdest, um mir einen Gefallen zu tun. Ich möchte, dass du meine Frau beschattest. Nein es ist nicht, was du denkst. Wir sind sehr glücklich verheiratet. Aber ich fürchte, es könnte ihr etwas zustoßen. Durch eine Tote. Scottie, glaubst du, dass eine Tote, von einem Leben den Besitz ergreifen kann?

Diese Frage stellt Galvin Elster (Tom Helmore), Besitzer einer Fabrik für Schiffbau, seinem früheren College-Kumpel John Scottie Ferguson (James Stewart). Elsters Frau Madeline (Kim Novak) benimmt sich in letzter Zeit merkwürdig, ist oft geistig abwesend und scheint zeitweise eine andere Person zu sein. Inständig bittet Elster seinen Freund, Madeleine zu beschatten. Denn er will sie nicht in eine Heilanstalt einweisen, bevor er nicht genau über den Zustand seiner Frau Bescheid weiß.
Nur widerstrebend nimmt Scottie an, doch bald ist er fasziniert von der eleganten Blondine, die er observiert. Aber er spürt, dass ein dunkles Verhängnis über ihr schwebt. Offenbar steht sie im Banne einer Toten: ihrer Urgroßmutter Carlotta. Die wurde wahnsinnig, als man ihr das einzige Kind wegnahm.
Eines Tages wird Scottie Zeuge, wie Madeleine unter der Golden-Gate-Bridge ins Wasser springt. Er rettet die Selbstmörderin und verliebt sich vollkommen in die kühle Schöne. Als er merkt, dass Madeleine nicht weiß, dass sie sich immer wieder an Orte begibt, die mit der toten Carlotta zusammenhängen, versucht er der ständig vom eigenen Tod redenden Frau seines Freundes zu helfen.
Aber Scottie kann das Verhängnis nicht aufhalten. Als Madeleine sich beim Besuch einer Missionsstation losreißt und einen hohen Glockenturm hochstürmt, vermag ihr Scottie wegen seiner Höhenangst nicht zu folgen. Madeleine stürst sich in die Tiefe. Scottie ist nervlich zerrüttet, fass nur schwer wieder Fuß, glaubt überall Spuren der toten Geliebten zu sehen. Da trifft er die attraktive Verkäuferin Judy (ebenfalls Kim Novak), die viel Ähnlichkeit mit Madeleine hat – und versucht wie besessen, sie zu seiner verlorenen Liebe umzuformen …

Alfred Hitchcocks "Vertigo" heißt Schwindel und behandelt die Zeitspanne im Leben eines Mannes, die vom Beginn bis zum Ende seiner Höhenangst reicht. Schon mit der ersten Einstellung – dem Blick auf das Ende einer Feuerleiter, auf die eine Hand greift, die zu einem von Polizisten verfolgten Ganoven gehört – zieht Hitchcock den begeisternden Zuschauer in einen alptraumhaften Strudel, der an filmischer Perfektion seinesgleichen sucht.
Ein technisches Meisterwerk gelang Hitchcock mit der subjektiven Darstellung der Höhenangst, bei dem er ein Modell des Glockenturms bauen und die Kamera zugleich zurückfahren und nach vorne zoomen lässt, was Scotties Schwindelgefühl perfekt illustrierte.

Hitchcocks "Vertigo" stellt mit seinen vielen Raffinessen, wie die suggestive Mischung aus Psychologie, Mythos und Traum jeden Zuschauer zwischen Realität und Wahn. Mit seinen malerischen Szenen und gemäldegleichen Szenerien wirkt der Film direkt auf die Sinne und entzieht sich jeder konventionellen Betrachtungsweise. Dass großes Kino Kino die Schwerelosigkeit und Vieldeutigkeit eines Traums haben muss, ist selten so deutlich gezeigt worden wie in diesem schwindlig machenden Mystery-Thriller, der den Zuschauer so benommen wie den vom Schicksal geschlagenen Scottie Ferguson, das von einem brillant agierenden James Stewart dargestellt wird, am Ende taumeln lässt. Vertigo ist ein reifer und präziser Film von Altmeister Hitchcock, ein bis in letzte Detail perfekt zusammengestelltes Liebesgedicht, in dem Kim Novak zugleich die Inkarnation von kühler Eleganz (Madeleine) und schöner Körperlichkeit (Judy) ist.

Fazit: Alfred Hitchcock ("Psycho", "Der unsichtbare Dritte") inszenierte mit Vertigo ein grandioses Kunstwerk. Dieser Film ist ein Strudel hinreißender Traumbilder. Die hügelhinabsinkenden Straßen von San Francisco, das Rot der weitgeschwungenen Golden Gate Bridge, die uralten Bäume eines Märchenwaldes oder der in den Himmel ragende Glockenturm einer Missionsstation – in diesen Schauplätzen findet eines der schönsten Love-Stories und einer der ergreifendsten Thriller der Filmgeschichte statt!

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