"Es ist, als ob ich einen langen Korridor entlang gehe, der einmal
Spiegelwände hatte, und davon hängen immer noch Bruchstücke an den
Wänden. Und wenn ich ankomme am Ende des Korridors, ist da nichts als
Dunkelheit. Und ich weiß, wenn ich in diese Dunkelheit gehe, sterbe
ich."
Vertigo ist aus der heutigen Sicht betrachtet einer der besten Filme aller Zeiten, vielleicht sogar der beste Psycho-Thriller überhaupt. Er gehört zu jenen Filmen, die ihrer Zeit im Kino kaum Beachtung gefunden haben und von den Kritikern überwiegend schlechte Rezensionen bekam. Aber genau diese Kritiker begannen dann in den 70ern den Film in höchsten Tönen zu loben. Dies führte zu einigen Wiederaufführungen und schließlich zu einer aufwendigen digitalen Überarbeitung. Vielleicht sollte ich noch vorwegschieben, dass ich überhaupt kein Freund von Klassikern bin, sondern eher den modernen Film bevorzuge. Dennoch fand ich den Film überraschend gut, auch wenn er aufgrund seines Alters natürlich nicht mit modernen Psycho-Thrillern wie "Fight Club" mithalten kann. 7 Punkte gibts von mir nur ganz selten für Klassiker, aber erst mal von vorne:
Detektiv John Ferguson quittiert aufgrund seiner starken Höhenangst seinen Polizeidienst. Nun soll er einem Bekannten einen Gefallen tun und seine hübsche, junge Frau beschatten, da mit ihr scheinbar etwas nicht stimmt. Schließlich verliebt sich Ferguson sogar in diese und findet heraus, dass sie durch den Geist ihrer Ur-Großmutter beeinflusst wird, die sich das Leben nahm. Nachdem die beiden eine Affäre begonnen haben nimmt sie sich schließlich doch das Leben. Als dann aber eine Doppelgängerin der Frau auftaucht wird Ferguson stutzig.
Die Story, die damals als unwahrscheinlich kritisiert wurde, ist sehr gut, innovativ und vielschichtig. Die einzelnen Wendungen sind unvorhersehbar und können die Spannung steigern. Die Charaktere, vor allem die Hauptfigur, sind hervorragend konstruiert. Ferguson ist mit seiner Höhenangst und seinen diversen Zusammenbrüchen ein psychisches Wrack und der Weg, wie es dazu gekommen ist, wird hervorragend geschildert. Die Dialoge sind ebenfalls gut und es wimmelt von Symbolen und Ideen. Alles in allem eine hervorragende, zeitlose Story.
Der Film läuft leider relativ langsam an, entwickelt dann aber mit der Zeit einen soliden Unterhaltungswert. Nach dem ersten Selbstmordversuch steigt die Spannung schnell an und ist zum Zeitpunkt des tatsächlichen Todes sehr hoch. Danach ist der Unterhaltungswert wieder solide und steigt zum Ende hin noch ein wenig an. Das Problem ist einfach, dass der Film aufgrund seines Alters nicht so viel Spannung aufbauen kann, wie Hitchcock sie mit modernen Mitteln erreicht hätte.
Die Filmmusik mag damals noch schockierend gewesen sein, aber heute können die plötzlich auftretenden, dumpfen Klänge niemanden mehr schockieren. Die Kulisse ist relativ düster. Das Problem ist einfach, dass die Atmosphäre nicht so gespannt und aufregend ist, wie sie laut Drehbuch hätte sein können. Das Problem liegt wie gesagt darin, dass Hitchcock die heutigen Mittel nicht hatte, wobei die Atmosphäre verglichen mit den anderen Thrillern der damaligen Zeit natürlich hervorragend ist. Hätte ich die Review vor 50 Jahren geschrieben, hätte der Film mit Sicherheit 10 Punkte.
James Stuart spielt die Hauptrolle des John Ferguson hervorragend und glaubwürdig. Er arbeitete bereits der Öfteren mit Alfred Hitchcock zusammen, wie z.B. in "Cocktail für eine Leiche", "Das Fenster zum Hof", oder "Der Mann der zu viel wusste". Kim Novak, die eigentlich nicht durch sonderlich viele Filme in Erscheinung treten konnte, spielt ebenfalls gut, genauso wie Barbara Bel Geddes. Hitchcock leistet mit diesem Streifen wirklich hervorragende Arbeit und beweist, dass er zu den besten Regisseuren aller Zeiten gehört. Man merkt, dass ihm der Film wirklich am Herz lag, zumal dieser als sein persönlichster gilt. Vor allem hinsichtlich der erotischen Darstellung ist er seiner Zeit voraus.
Fazit:
Die Story ist wirklich hervorragend und vielschichtig und die Umsetzung ist für die 50er Jahre hervorragend gemacht. Aber heute kann man mit Zeichentrick-Effekten und dumpfer Hintergrundmusik wirklich niemanden mehr schocken. Der Unterhaltungswert liegt deshalb verhältnismäßig hoch, aber wirklich spannend wird der Film leider kaum. Ich bin kein Fan von Klassikern und gerade deshalb sind die 7 Punkte, die ich dem Film gegeben habe, hoch anzurechnen. Objektiv verdient der Film auf jeden Fall 10 Punkte, aber ich bewerte nun mal subjektiv.