Alfred Hitchcocks („Psycho“, „Frenzy“) 1958 veröffentlichter „Vertigo“ ist oberflächlich betrachtet ein Kriminalfilm und Mystery-Thriller: Der aufgrund seines Höhenangsttraumas nach dem Tod eines Kollegen vorzeitig pensionierte Polizist Scottie (James Stewart, „Das Fenster zum Hof“) verdingt sich als Privatdetektiv und nimmt den Auftrag eines Freundes an, dessen Frau Madeleine (Kim Novak, „Geschichten, die zum Wahnsinn führen“) zu observieren, die von ihrer toten und zu Lebzeiten wahnsinnigen Urgroßmutter Carlotta besessen scheint. Carlotta beging mit nur 26 Jahren Selbstmord und Scotties Freund fürchtet, dass Madeleine ein ähnliches Schicksal ereilt. Tatsächlich stürzt sich diese in die Bucht von San Francisco, wird aber von Scottie gerettet, der sich daraufhin in sie verliebt…
Doch „Vertigo“ ist viel mehr: Eine traurige, desillusionierende Ode an die Liebe, dabei aber gleichzeitig ebenso atemberaubend schön wie seine Hauptdarstellerin Kim Novak. Nachdem Scottie aufgrund seiner Höhenangst hilflos mit ansehen musste, wie sich seine geliebte Madeleine in den Tod stürzt, ist er nicht mehr derselbe. Eines Tages läuft er jedoch Judy (Kim Novak) über den Weg, die Madeleine zum Verwechseln ähnlich sieht, obwohl sie sich anders gebärdet, eine andere Frisur und Haarfarbe trägt und andere Kleidung bevorzugt. Nach anfänglichem Zögern willigt Judy ein, sich mit Scottie zu treffen, der sich an seine von Madeleine ehemals verkörperte Idealvorstellung einer Frau klammert und sie nach ihrem Vorbild zu verändern versucht. Bald jedoch kommt er einem unerhörten Mordkomplott auf die Spur…
In wunderschönen und aufgrund seiner Ortswahl häufig ungewöhnlichen Bildern San Franciscos sowie farbenprächtig dramaturgisch ausgeleuchteten Kulissen lässt Hitchcock seine Charaktere bangen und leiden, lieben und trauern. Mehrdeutig bezieht sich der Filmtitel (Vertigo = Schwindel) nicht nur auf Scotties Phobie, sondern auch auf das schwindelerregende Gefühl sowohl einer surreal anmutenden Liebe als auch der sehnsüchtigen Melancholie des Unglücklichverliebtseins. Was Scottie durchlebt, erscheint häufig wie ein absurder Traum, plastisch und doch nicht greifbar, verwirrend und emotional. Den Tod Madeleines kann und will er nicht akzeptieren und zunächst scheint ihm die Entwicklung recht zu geben – doch nur, um Ende doch noch alles zu verlieren und sogar seine Illusion zu zerstören. Die Sympathieverteilungen, die Hitchcock seinem Publikum erlaubt, sind ein Wechselbad der Gefühle. Mag man Scottie aufgrund seiner Zuneigung zu seiner Schutzbefohlenen, die zudem die Frau eines Freundes ist, anfänglich noch verurteilen, wird ihm durch die Aufrichtigkeit seiner Liebe und seinen schweren Verlust das Mitleid des Zuschauers zuteil. Eben dieses erfährt auch Judy im Finale, nachdem sie es zuvor verspielt hatte, während man Scottie anfleht, endlich nachzugeben. Letztlich fiebert man mit beiden mit und erschrickt über ein abruptes, unbefriedigendes Ende, das so aber möglicherweise einfach folgerichtig ist und die Ausrichtung des Films unterstreicht. Der Wunsch nach einem anderen Ende ist Ausdruck der Empathie, die Hitchcocks Regie und das großartige Schauspiel insbesondere Novaks ausgelöst haben.
„Vertigo“ erinnert bei all dem an einen Film noir, ist für einen solchen aber trotz seiner inhaltlichen Schwere nicht düster genug. Der starke Mystery-Anteil entpuppt sich zwar als rein weltlichen Ursprungs, sorgt dank Hitchcocks Händchen für Suspense und auch Grusel aber in der einen oder anderen Szene für Gänsehaut. Die ungewöhnlich lange Spielzeit von gut zwei Stunden unterteilt „Vertigo“ in zwei gleichberechtigte Hälften mit jeweils eigener, spannender Dramaturgie, eigenen Höhepunkten und Finals – fast, als sehe man einen Film und dessen Fortsetzung. Dadurch werden Timing-Probleme u.ä. geschickt umgangen; punktgenau fügt sich Szene an Szene, ohne den von Madeleines Schönheit geblendeten Zuschauer auch nur eine Sekunde aus der Intensität dieses Filmerlebnisses zu entlassen. Der Kameraeffekt, mit dem Scotties Schwindelgefühl verbildlicht wird, war seinerzeit ein Novum und fand sich daraufhin auch in anderen Spielfilmen wieder. Interessant wäre es eventuell gewesen, stärker auf Scotties Psyche einzugehen, mehr über seine Vergangenheit zu erfahren und seinen Charakter näher zu umreißen. In jedem Falle ist Alfred Hitchcock mit „Vertigo“ aber ein wunderbarer Film gelungen, der von seiner Wirkung im Laufe der Jahrzehnte kaum etwas eingebüßt haben dürfte und auf nahezu unnachahmliche, zumindest aber unverkennbare Weise einen Thriller mit einem Liebesfilms kombiniert. Ein Meisterwerk, von dem ich mir gut vorstellen kann, dass es bei einer Zweitsichtung sogar noch wächst.