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Obsession, die dich verzehrt

Nach Jahrzenten hat "Vertigo" Anfang der 2010er "Fahrraddiebe" auf der (Kritiker-)Liste der besten Filme aller Zeiten abgelöst - verständlich, wenn man mich fragt, selbst wenn zwei Filme und Herangehensweisen kaum unterschiedlicher sein könnten. In "Vertigo" kommt Hitchcock der filmischen und psychologischen Perfektion unheimlich nah, näher als es wohl je ein Filmemacher kam. Beeindruckend dicht, feselnd vielschichtig, gemein Erwartungen unterlaufend. "Vertigo" ist Kino in Reinkultur und ein Film zum Studieren, Genießen, Preisen, Aufsaugen. Wie der beste Rotwein der Welt - einfach, köstlich, nahtlos. Man muss zwar in der richtigen Stimmung sein, man kann sich ihn nicht jede Woche geben (es sei denn, man will ihn wirklich schulisch auseinandernehmen), doch wenn er läuft, dann geht von ihm ein Sog aus, für den es kaum Worte gibt. Hitchcock hat viele Meisterwerke in seiner Krone - "Vertigo" ist das dickste Ding. Unbezahlbar und unnachahmbar. Kurz: die ganz hohe Kunst. Für die selbst der Beste einen Sahnetag erwischen muss.

Erzählt wird die Geschichte eines Ex-Cops und nun Privatdetektivs in San Francisco mit Höhenangst und wie dieser eine Blondine beschattet, für die er eine beängstigende Besessenheit aufbaut... Normalerweise ist James Stewart ein sympathischer Jedermann - hier entwickelt er sich zu einem obsessiven Psychpathen. Normalerweise sind Hitchcock-Thriller recht gerade raus, in ihren Grundzügen schnell erzählt und oft von einer (exzellenten) Einigkeit geprägt - "Vertigo" ist verdammt knifflig, vielschichtig und komplex. Kino als Kunst und Psychostudie kam Hitchcock nie näher. "Vertigo" ist der Diamant, auf den er im Filmhimmel am meisten stolz sein sollte. Selbst Perfektionisten wie Kubrick oder Welles werden vor Eifersucht überlaufen und dann erkennen müssen, was für ein Glanzstück hier im Schatten der Golden Gate Bridge glitzert.

Wie ein Strudel aus Ängsten, wie eine Berg-und-Talfahrt aus versteckten Wünschen und animalischen Instinkten. Episch und poetisch, intim und intuitiv, erotisch und abstoßend. Von Kim Novaks Dutt bis zum Dolly-Zoom aka Vertigo-Effekt, von den Schluchten San Frans bis zu den Jahresringen der Mammutbäume, von der Sucht nach einer Blondine bis zum langsamen Sturz in den Tod - "Vertigo" ist ein Labyrinth der menschelnden Eitelkeiten und humanen Fehler. Daran hat sich der Rest zu messen. Daran wird der Rest scheitern. Ein Denkmal und Volltreffer, der perfekte Sturm.

Fazit: ist "Vertigo" der beste Film aller Zeiten? Vieles spricht dafür. Keiner altert besser, keiner fasziniert mehr, kaum einer hat mehr doppelte Böden und eine edlere Optik. "Vertigo" ist Thriller, Liebesfilm, Drama, Psychogramm und hat obendrein noch mehr Metaebene zu bieten, als einem wohl ist. Hitchcock hat sich hier selbst übertroffen und alle nicht neidisch, sondern ehrfürchtig stehen gelassen. Sein schwerster Film - im besten Sinne!

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