Basierend auf dem Roman „D’entre les morts“ von Pierre Boileau und Thomas Narcejac drehte Alfred Hitchcock mit „Vertigo“ einen weiteren bekannten Thriller, in den Hauptrollen mit James Stewart und Kim Novak besetzt. Stewart gibt hier den ehemaligen Polizisten John „Scottie“ Ferguson, der aufgrund eines Vorfalls im Dienst unter Höhenangst leidet. Von einem früheren Freund wird er beauftragt, dessen Frau zu beschatten, da diese sich etwas antun könnte. Sie scheint zudem von dem Geist ihrer Urgroßmutter besessen zu sein und erinnert sich oftmals nicht daran, wo sie war oder was sie getan hat, was die Sorge nur vergrößert.
Johns Ermittlungen nehmen hierbei eine dramatische Entwicklung und in seinem ersten Drittel baut Hitchcock mit der Verfolgung der von Kim Novak gespielten Dame gekonnt ein Mysterium auf. Dafür lässt er sich Zeit, man folgt John von Ort zu Ort und es breitet sich ein Puzzle auf der Leinwand aus, das es zu lösen gilt. Durch den (positiv) behäbigen doch steten Fluss schafft das Szenario Atmosphäre, die ansprechenden Bilder feilen ebenso daran und die Neugier, was denn hinter alldem steckt, wächst. Zumindest bis zu dem Punkt, wenn John beginnt, mit Madeleine zu interagieren. Ab hier bröckelt das Bild, das „Vertigo“ gekonnt aufgebaut hat, aus mehreren Gründen.
Das Motiv des alten Knackers, der sich an eine halb so alte Dame ranschmeißt, ist dabei nicht mal das größte Problem. Kim Novak hat meist nur zwei Modi: apathisch-entrückt oder dramatisch-überzogen. Und beides wirkt nicht gekonnt dargeboten, die Dame liefert einfach keine gute Darstellung in diesem Film. Die Romanze zwischen Madeleine und John kaufe ich zu keiner Minute ab, zwischen den beiden entsteht keine Chemie. Nach einem Schnitt in der zweiten Hälfte und einem ordentlichen Twist bekommt der Film noch einmal etwas frischen Wind. Und dennoch. Dieser letzte Part, in welchem sich Obsession und eine Art Befreiung Bahn brechen, mündet in ein zu abruptes Finale, das sich leider nicht der Tiefe hingibt, die hier offensichtlich drinsteckt. Denn interpretationswürdig ist der Film allemal und wird das Thema „Liebe“ hier auch wenig nachvollziehbar aufgebaut, mag man gerne darüber sinnieren, worin hier ihre Realität besteht. So kommt man um Themen wie Projektion und Obsession nicht herum, was hier in Johns Figur auch etwas zutiefst Egoistisches freilegt. Dies und mehr eingebettet in die ganze hier ablaufende Intrige kommt zu hastig zu einem (leider auch etwas albern umgesetzten) Ende und schon geht das Licht an.
Neben Novak spielt James Stewart so, wie man ihn kennt. Eine solide Darstellung, seine Szenen mit Johns Bekannter Midge profitieren von Letzterer, Barbara Bel Geddes bereichert die jeweiligen Abschnitte.
Wenig Anlass zur Kritik gibt die Arbeit von Robert Burks. Seine Kameraarbeit ist auffallend gut, sieht man von ein paar Unschärfen hier und da ab. Die Cadrage, die Fahrten und das Einfangen des vorhandenen Raums - alles für das Auge angenehm und gekonnt ausgeführt. Bekannt ist „Vertigo“ ebenso für einen (auch) nach ihm benannten Bildeffekt, bei dem Kamerafahrt und Brennweitenänderung im Zusammenspiel eine Streckung des Bildes in die Tiefe erzeugen. Als gelungene Verbildlichung von Johns Wahrnehmung und seinem Trauma wurde diese Technik hier prominent eingesetzt und bekannt.
Doch so schön die Bilder insgesamt auch sind, so irritiert manchmal ein (vermeintliches?) Hin und Her zwischen Außen- und Studioaufnahmen inmitten der gleichen Szene, sichtbar an Hintergründen und Schattenwürfen. Andere Effekte funktionieren da besser und „Vertigo“ hat einige davon. Von dem eingefügten Turm der Mission bis zu der mittels eines mechanischen Computers generierten Vorspannsequenz.
Etwas Humor hier und da fehlt nicht und gehört „Vertigo“ auch zu den bekanntesten Werken von Hitchcock, sehe ich ihn nicht unter seinen besten. Die Geschichte selbst ist interessant und auch spannend, die Umsetzung dafür nicht immer. Dramaturgisch läuft der Thriller nicht ganz rund und hat mit Kim Novak eine schwache Besetzung in der Hauptrolle an Bord, die auch mit Stewart keine Chemie entwickelt. Die nahezu immer bemerkenswert gute Kameraarbeit kann da nicht alles auffangen und so ist „Vertigo“ ein zwar immer noch sehenswerter Film, der aber im Schatten von Hitchcocks gelungeneren Werken steht.