Zwischen alle Stühle gesetzt - das ist die Metapher, die einem nach Genuß von "Die Kinder der Seidenstraße" durchaus in den Sinn kommen kann. Ein sicherlich ambitionierter Film, ein sorgfältig inszenierter Film, ein Film mit Budget und großen Bildern - und dennoch: ein uneinheitliches Stück Zelluloid, das nie einen definitiven Fokus findet und stattdessen zu stark in verschiedenen Versatzstücken herumwabert, die nicht recht zueinander finden, weil sie nicht zueinander gehören.
Wer bei dem deutschen Titel an eine WDR-3-Dokumentation für den frühen Sonntagnachmittag denkt, wird dabei verblüfft feststellen, daß hier stattdessen ein Historiendrama aus dem Vergessen gefördert wird, einer dieser publikumsaffinen Glücksfälle individuellen Heldentums oder persönlicher Tapferkeit, die sich dann in Geschichtsbüchern oder Wikipediaseiten wiederfinden lassen.
Das Publikum liebt diese Stories, "Schindler's Liste" war eine davon, "John Rabe" sicherlich die letzte, die unsere Kinos gestreift hat - ein individuelles Schicksal, das aufgrund seiner Handlungen aus den Widrigkeiten seiner Zeit heraussticht.
In diesem Fall geht es um den bei uns sicherlich unbekannten George Hogg, einen jungen Kriegsberichterstatter, den es 1937 im japanisch-chinesischen Krieg erst nach Nanking, dann zu seiner Hinrichtung und anschließend ins Lazarett verschlägt. Als er zur Verbesserung seiner Kenntnisse des Chinesischen eine abgelegene Schule aufsuchen soll, wird er unfreiwillig vor Ort zum Herbergsvater und Lehrer von gut 60 kriegsgeschädigten chinesischen Waisenkindern, denen er ins Leben zurückhilft, bis er, bedroht von nahenden Armeen die Kinder auf einem langen Fußmarsch 700 Meilen weit durchs Gebirge zu Fuß in Sicherheit bringt, zu einem Örtchen an der titelgebenden Seidenstraße.
Eine echt knackige Geschichte und sicherlich ein tolles Menschenschicksal, doch huscht der Name Roger Spottiswoode als Regisseur an einem vorbei, dann juckt schon bald der Hinterkopf. Der Mann hat zwar offenbar ein Faible für Historienstoffe und Bio-Pics, aber gehört haben sie von denen garantiert noch nicht ("Mesmer", "Hiroshima", "Noriega"). Oder sie fielen bisher arg zwiespältig aus ("Air America"). Ansonsten ist der Mann eher für durchwachsene Action- und Unterhaltungsware bekannt, setzte einen mäßigen "Bond" in Szene, begrub Schwarzeneggers Karriere ("6th Day"), drehte den wohl miesesten Stallone (den mit Mami) und verdient echte Anerkennung nur durch den schon fast in Vergessenheit geratenen "Mörderischer Vorsprung".
Und hier widmet er sich nun dieser Story aus der Zeit des zweiten Weltkriegs, die wie geschaffen dafür scheint, mal wieder das Pathos anzuregen und ein glorioses Einzelschicksal zu zeigen.
Doch daraus wird nichts. Zwar hat man offenbar mit den Zeitzeugen, also den Kindern von damals geredet (sie treten sogar zum Schluß auf), aber ob die Erinnerungen an Hogg da nicht in der Zeit gelitten haben, dürfte fraglich sein.
Wie überhaupt die ganze Geschichte in vielen Einzelheiten überhaupt nicht der Wahrheit entspricht oder hollywoodesk hingebügelt wurde - denn es mutet so an, als würde Hogg praktisch nur auf sich gestellt in einer Einöde zurückgelassen werden, wo er aus dem Nichts fünf Dutzend Kinder wieder zu Menschen macht, unterstützt nur partiell von einer Behelfsärztin.
Nur war das alles wohl nicht so, die Ärztin war in Wirklichkeit eine neuseeländische Kommunistin, die Mission wurde von einer Hilfsorganisation unterstützt und Nahrungsmittel und Saatgut, hier bei einer renitenten Händlerin durch Charisma per Pferd erobert, wurde wohl in der Realität per Fahrrad bei diversen Institutionen abgeholt.
Aber solche Ungenauigkeiten sind nicht das Schlimmste, wenn der Film den Zuschauer nämlich meistens darüber im Unklaren läßt, worauf er denn nun aus ist. Was als schlimme Kriegsbiographie beginnt, mündet plötzlich in eine überraschende Robinsonade und dann in die China-Variante von "Club der toten Dichter". Was als Charakterstudie beginnt, wird plötzlich zur politischen Kritik, um die dann wieder fallen zu lassen, um sich auf das "menschliche Drama" zu konzentrieren.
Doch auch die Kinder bleiben Chiffren, genauso wie die Hauptcharaktere, die zum Teil auf Hörensagen, zum Teil auf bloßen Erfindungen basieren. Sowohl Radha Mitchells "Ärztin" wie auch Chow-Yun-Fat (der allerdings sehr launig spielt, was im Gegensatz zur sonstigen Steifheit angenehm ist) als rebellischer Kommunist hat man sich mehr oder weniger zusammengebastelt, Hogg selbst kann von Jonathan Rhys Meyers leider nie recht zum Leben erweckt werden, niemals erhält man wirklichen Einblick in sein Innenleben - und die Befähigung, eine Schule als Herberge wieder aufzubauen und 60 Kinder zu betreuen, wird auch in Frage gestellt - zumeist sieht man auch nur das Ergebnis seiner angeblichen Bemühungen.
Natürlich sieht das alles sehr gut aus, die Naturaufnahmen können einen Asienfreund rasend werden lassen, aber alles bleibt schön seicht an der Oberfläche und ob man es glaubt oder nicht: das ist der erste Film, bei dem ich ein Voice Over einer Hauptfigur oder eines der Kinder geradezu herbeigesehnt habe, doch nichts geschieht (natürlich hat das einen Grund!). Stattdessen muß man sich das Geschehen manchmal selbst erarbeiten oder die Bilder sprechen lassen, aber das wirft leider nicht selten noch mehr Fragen auf, wie etwa im Falle eines renitenten kriegsgeschädigten Teenagers, der erst als gefährlicher Rabauke angesetzt wird, dann aber zunehmend verschwindet, bis er als unbeherrschtes Bauernopfer herhalten kann.
Und die erzählerische Wankelmütigkeit bleibt bis zum Ende bestehen, zu vieles wird da in einen Topf geworfen, so daß sogar der lange Marsch der Kinder viel zu kurz kommt und viel zu leicht erscheint, die Bilder eben dieses Stück Herkulesarbeit (das im übrigen ebenfalls falsch visualisiert wurde, denn die Kinder reisten in zwei Gruppen) sind total unaufregend und relativ problemarm. Stattdessen saugt sich der Autor dann auch noch eine Liebesgeschichte aus den Fingern, die mit den Wort "gewollt" und "sülzig" noch nett beschrieben ist, inclusive einer geradezu banal eingefangen Morphiumentwöhnung einer Hauptfigur unter absolut widrigen Umständen.
Bitte nicht falsch verstehen: das alles hätte einen wunderbar poetischen und bildstarken Film abgeben können (der aber vielleicht im TV besser aufgehoben wäre), doch hier versucht man es allen recht zu machen: ein bißchen Politik, aber nur für den Rahmen, bitte keine kritischen Themen zum Krieg befingern. Eine Liebesgeschichte für die Erwartungen, etwas Heldenmut, aufopferungsvollen Optimismus aus allen Achselhöhlen, kleine Konflikte und große Probleme, aber immer sparsam und auf kleiner Flamme gekocht, damit man nicht der totalen Geschichtsfälschung anheim fällt. Dazu mangelt es dem Film an einer zeitlichen Einordnung, außer dem Ausgangsjahr erfährt man nie den Rahmen, in dem sich der Film abspielt (es sind die Jahre 1937-1945 und der Marsch fand 1944/45 statt) und so hängt man wie der ganze Plot in der Luft.
Natürlich ist es möglich, sich dennoch von diesem Prachtschinken berieseln zu lassen, ohne daß die Testikel zwicken, dafür ist der Film einfach zu sympathisch und einladend, aber mit nach Hause nehmen kann man da wenig, selbst wenn man nicht um die Geschichtsbegradigung weiß. Die Menge an Einzelteilen ergibt hier einfach kein Ganzes, die Figuren können nicht wachsen, die Entwicklungsprozesse sieht man nur in fragilen Ansätzen, "Die Kinder der Seidenstraße" ist inhaltlich so beliebig und nett, wie der deutsche Titel fade ist.
Spottiswoode war hier sichtlich bemüht, aber dieser Film, der nirgends weh tut, außer im "feelgood" ein wohligen Brummen zu bereiten, ist überall und nirgends und wird auch das entsprechende Schicksal erleiden: könnte von jedem gesehen werden, wird es aber von fast keinem. (4/10)