Review

Zu dem neuesten Franzosen-Schocker steht im Programmheft des "Fantasy Filmfest" u.a. : "MARTYRS ist ein Test." Der Veranstalter wies kurz vor Beginn des Films darauf hin, dass MARTYRS das Publikum wohl spalten wird, und zwar in ein Lager von Verehrern des Filmes und in ein anderes, welches den Streifen hassen wird. Das ist man als Rezipient natürlich sehr gespannt, insbesonders möchte man schon wissen, ob MARTYRS als letzter Beitrag des franko-cineastischen Trio Infernal wirklich noch brutaler ist als das freudianische Splatter-Happening "Inside" und der Kirmes-Blödsinn "Frontiere(s)", wie ja vorab in diversen Mags und Foren zu lesen war.

Um es kurz zu machen: Ja, er ist schlimmer, wenn auch nicht unbedingt graphisch brutaler als das krude Gemetzel in "Inside". MARTYRS macht den Zuschauer zu seiner Geisel. Er zwingt ihn, sich dem Leid zweier (eigentlich sind es sogar dreier, wobei jene für die Diegese des Films nur am Rande relevant ist) junger Frauen hautnah (im wahrsten Sinne des Wortes!) auszusetzen. Dem Leid fürchterlich gequälter Seelen so indiskret, so undistanziert nahe zu kommen, wie es kaum ein Film vorher je geschafft hat.

Der Aufhänger des Films (soviel kann man verraten) dient nur dazu, dem Publikum ein paar Alibi-Splatterszenen zu präsentieren, um ihn (fürs Erste) in der Sicherheit zu wiegen, es handle sich bei MARTYRS um ein simples Revenge-Movie. In der Folge jedoch kehren die beiden Frauen ihr Seelenpein nach Außen. Wir werden Zeuge der Transformationen der beiden Hauptcharaktere: Im ersten Twist des Films kämpft die rachsüchtige Lucie mit ihren inneren Dämonen, welche sie letztendlich ins Verderben treiben. Schon hier fällt das Zuschauen verdammt schwer: Brutaler Nihilismus ist das, was uns Regisseur Pascal Laugier hier zeigt. Deren Freundin Anna steht dann im letzten Kapitel des Films im Mittelpunkt. Die rationale junge Frau muß ein Leid erdulden, das unvorstellbar ist und hier schonungslos aufgezeigt wird. Gerade weil dieser Teil des Films ohne grobe Splattereffekte auskommt (da war "Hostel" als Folterfilm zeigefreudiger) und sich zum Ende hin in einem Arthaus-esquen Finale entlädt (welches von der Funsplatter-Fraktion sicherlich als lahmer Antiklimax empfunden wird - wie schon gesagt, um Rache gehts in dem Film nicht primär) , ist die Wirkung auf den Zuschauer so intensiv.

Das, was man an Splatter und Gewalt wirklich zu sehen bekommt, steht meistens (mit Ausnahme einer überflüssigen Hammermord-Szene) im Dienste der Geschichte, wird von der Gruppe an Zuschauern, welche den intellektuellen Überbau bzw. die emotionalen Mittel des Films samt der Auflösung nicht akzeptiert, aber vermutlich als frauenverachtend und selbstzweckhaft angesehen werden (hallo FSK?).

MARTYRS weidet sich, meiner Meinung nach, nicht an der Gewalt, die er (nicht immer explizit) zeigt. Doch er öffnet uns drastisch die Augen, und zeigt, was Folter und (seelische) Schmerzen in einem Menschen anrichten können. Und dies ist nicht erst seit dem monströs erscheinenden Amstetten-Fall bzw. dem Soziopathen Josef Fritzl, wo das Sozialwesen teilweise völlig versagt hat, wichtiger denn je.

So unglaublich das für manche klingen mag: Es muß Filme geben wie MARTYRS.

9/10

Details
Ähnliche Filme