Das ist also Martyrs.
Aha.
Der Film, über den all die Monate, seit er im Sommer vergangenen Jahres auf diversen Festivals seine Premiere feiern durfte, kontrovers berichtet wurde (oder um es mit einem hier ziemlich passenden Anglizismus auszudrücken: er wurde gehypt) und auf den ich mich als Fan Schwerer Kost gefreut habe wie...ja wie als Fan Schwerer Kost auf Martyrs eben.
Wie bereits gesagt, hat der Film ein ziemliches Hallo verursacht.
Warum?
Wegen seiner expliziten Gewaltdarstellung?
Sicher, der Film geht ab wie Schmidt's Katze, aber Vergleichbares liefern unsere Nachbarn im Westen unter dem Label Neue französische Härte spätestens seit Haute Tension, Inside, Frontiere(s) oder Irreversible. Oder noch früher Dobermann, da wurde an Blut und Freaks nicht gespart.
Lag es an seiner Thematik bzw. Handlung?
Kindesmisshandlung, Rache und Folter zwecks Horizonterweiterung (so 'ne Art ins Extreme pervertierter Machiavellismus gekoppelt mit anderen Philosophien) sind die Schlagwörter in diesem Film, aber alles ist schon mal irgendwie, irgendwo, irgendwann dagewesen.
"Wie konnte dieser Film nur ein solches Echo in der Medienwelt verursachen?" habe ich mich durchgehend gefragt während ich ihn mir angesehen habe.
In den ersten ca. 45 Minuten werden vier Menschen erschossen (eigentlich fünf, wenn man dieses, zur Missgeburt gefoltertes Mädchen aus dem Keller dazurechnet) und eine schneidet sich mit einem Teppichmesser den Hals auf.
So brutal, so "gut". Bis jetzt macht der Film den Eindruck eines Ein Mann sieht Rot meets The Grudge, solider Stuff, aber nix besonderes.
Dann schlägt die Handlung um in Richtung Hostel mit 'nem guten Schuss Hellraiser.
Unsere wackere Heldin Anna wird in einen überraschend eleganten Kerkertrakt geschleift (die Stilsicherheit der Franzosen selbst in diesen Sachen verblüfft mich immer wieder) wo ihr Coco Chanel mit Turban den eigentlichen Zweck und die dahinterliegende Philosophie des ganzen Theaters erklärt und mit einem Bildband deutlich macht, dass sie und ihre Mischpoke es todernst meinen.
Anna soll durch kontinuierliche Folterung und Demütigung in einen tranceähnlichen Zustand gebracht werden, den wir aus den Medien als Nahtoderfahrung kennen und zu schätzen wissen (Hallo, Flatliners).
Ab jetzt wird unsere Anna abwechselnd verprügelt und gefüttert; ein Phänomen, dass in unserer Gesellschaft leider Gottes ungefähr so selten vorkommt wie Fliegen auf einem Stück Scheisse. Nach einigen Filmminuten sieht sie aus wie Rihanna (sorry, ich konnt's mir nicht verkneifen) und ist bereit für die letzte und schlimmste Stufe ihres Martyriums.
Und da wars dann. Der (wahrscheinliche) Grund, warum der Film als "so hart", "so krass" und Holladiewaldfee bezeichnet wird, von Fans und Kritikern gleichermaßen.
Anna wird bei lebendigem Leibe gehäutet.
Und da war wirklich alles ab, bis aufs Gesicht. An dieser Stelle ein dickes Lob an die Kostümbildner, der Ganzkörperanzug sah echt bitter aus; ich hab mir als überzeugter Jeck in Gedanken die Reaktionen meiner Mitmenschen auf dem Kölschen Karneval ausgemalt wenn ich mit dem Kostüm da aufkreuzen würde.
Das wars also. So professionell, explizit und realistisch hat man eine gehäutete Frau noch nicht im Kino bzw. auf DVD zu Gesicht bekommen. Igittigitt.
Und ihr ganzes Martyrium war auch (aus Sicht der Gesellschaft und ihrer Vorsitzenden, der Mademoiselle) nicht umsonst, denn Anna hat tatsächlich die von ihnen anvisierte NTE.
Diese frohe Kunde wird auch umgehend den restlichen Mitgliedern mitgeteilt, die sich alsbald in dem Haus einfinden, um bei Champagner und Krabbenhäppchen ihren Triumph über einen weiteren Schritt hin zur Erleuchtung zu feiern.
Jetzt möchte ich Euch, liebe Freunde der Sonne, die den Film gesehen (oder wie einige Reviewer mysteriös meinten: "erfahren") haben, fragen: Seid ihr wirklich, Hand aufs Herz, überzeugt, dass Martyrs der Aufregung und Aufmerksamkeit gerecht wird die ihm zuteil kommt?
Auf der einen Seite die Fans, die völlig aus dem Häuschen die x-te Revolution der (Horror-)Filmkunst proklamieren, während die Gegenseite zähnefletschend und mit Schaum vorm Mund den Streifen als Tortureporn und Untergang der Zivilisation verreisst.
Die einen meinen irgendeine tiefsinnige Message über das existenzielle Wesen der menschlichen Rasse auszumachen, während die anderen den Film als stumpfsinnigen, kranken und perversen Exploitationdreck schimpfen und mit erhobenen Zeigefinger zum Verzicht mahnen.
Versteht mich bitte nicht falsch, Martyrs ist imho ein richtig solider Terrorflick und einer der besseren Horrorfilme, die ich in letzter Zeit gesehen hab.
Aber der ultimative Schocker, den ich nach all den Rezensionen, Vorabberichten, Warnungen und Lobpreisungen erwartet hab, ist er mit Sicherheit nicht, da muss noch mehr kommen.
Und in dieser Hinsicht bin ich zuversichtlich dass unsere französischen Nachbarn weiterhin solch qualitativ hochwertige Genrefilme wie Martyrs auf den Markt bringen werden.
Aber dann Leute bitte den Ball flach halten.
Pro
- schauspielerische Leistungen durchgehend glaubwürdig
- Regie, Schnitt etc. auch top
- brilliantes Make-Up
- solide Story für einen Horrorfilm
- Gorehounds kommen auf ihre Kosten
Contra
- Charaktere zu eindimensional
- Don't believe the hype
Insgesamt: 8 / 10