Review enthält SPOILER...
Martyrs: Ich erinnere mich kaum an einen Film, den die bekennenden Freunde von Horrorfilmen so sehr erwartet und ersehnt haben wie diesen. Zu dem Hype hat natürlich die Tatsache beigetragen, dass nur wenige ihn auf dem FFF gesehen haben, danach aber beinahe hymnische Reviews ins Netz gesetzt haben. Und zu allem Übel verschob Senator den Termin für die Veröffentlichung immer weiter nach hinten, was die Ungeduld nur verstärkte...
Die Erwartungshaltung an den dann "brutalsten, verstörendsten, gorigsten, perversesten und ich weiß nicht noch was alles" Film konnte da eigentlich nur enttäuscht werden und so mehren sich nun denn auch viele enttäuschte Kritiken, vor allem von denjenigen, die im Abstand von ein paar Monaten immer wieder mit frischem Blut versorgt werden wollen und nach Filmen verlangen, die graphisch immer mehr zeigen als andere, egal wie mittelmäßig oder schlecht die Story ist. Wie erklärt sich sonst zum Beispiel der Erfolg der "Saw-Reihe", deren Plotentwicklung schon beim zweiten Teil quasi bei Null angekommen ist und deren Drehbuchautoren nur damit beschäftigt sind, immer widerlichere und unmögliche Fallen zu entwerfen, um dann mit der Kamera genüsslich voll draufzuhalten, wenn ein Protagonist hineintappt? Es ist schon bedenklich, wenn viele Menschen nur eine Erwartung haben, nämlich, dass Martyrs noch blutiger als A L` Interieur (aka Inside) sein soll und sonst nichts.
Nachdem ich den Film gesehen hatte - aller Inhaltsangaben und Reviews zum Trotz - war ich zunächst erst einmal sprachlos. Dies aber, weil ich einen der besten Filme der letzten Zeit gesehen habe.
Pascal Laugiers Film hat eine faszinierende und morbide Suggestivkraft wie kaum ein anderer Horrorfilm; er spielt mit den Erwartungen des (genrevertrauten) Zuschauers und manipuliert ihn permanent. Martyrs beginnt wie ein typischer Revenge-Film, bei dem dann nur die Täter am Ende den Spieß wieder umdrehen. Die oft gelesenen inhaltlichen Brüche/Storytwists kann ich so nicht nachvollziehen. Für mich stellt der Film ein kohärentes Ganzes dar, nur das beinahe philosophische Ende ist die faustdicke Überraschung. Er endet als unglaublich trauriges Drama, bei dem einen am Ende viele Fragen im Kopf umherschwirren. Warum will die Organisation (fast ausnahmslos aus älteren oder alten Menschen bestehend) schon zu Lebzeiten wissen, was nach dem Tod geschieht? Immerhin wird diese Erkenntnis jeden Menschen irgendwann offenbart werden. Was hat Anna der "Anführerin" ins Ohr geflüstert? Wieso nimmt sie sich anschließend das Leben? Offensichtlich hat sie anderes erwartet nach 17 Jahren des "Forschens" an hilflosen Menschen/Märtyrern wider Willen.
Aber auch Laugiers Inszenierung hält einige Überraschungen parat: Nicht erwartet hätte ich die sehr emotionalen und wirklich berührenden Momente, die für sich genommen wohl nicht wirken, im Gesamtkontext des Filmes aber schon: Anna, wie sie ihre langjährige Freundin nach deren Selbstmord wäscht und quasi auf dem Sofa aufbahrt. Die Szene, in der Anna das kaum mehr als menschliche Wesen zu erkennde Mädchen entdeckt, in den Arm nimmt und versorgt. Vor allem die (eingebildeten?) Monologe mit Lucie, als sie selbst bereits im Keller der Organisation gefoltert wird, untermalt mit melancholischer Klaviermusik. Und schließlich die Szene, in der Anna transzendiert und der Zuschauer mit ihr auf eine Reise durch ihr Auge "in die andere Welt" geführt wird. Hier bleibt es der Vorstellung des Zuschauers überlassen, was sie dort sieht/erwartet. Diese mystische Szene hätte ich in diesem Film nie erwartet.
All dies lässt Martyrs zu einem Film werden, in dem der Zuschauer aktiv mitdenken muss und dabei noch genug Interpretationsfreiheit für die Auslegung gerade von den letzten 15 Minuten hat. Gerade dies mag vielen Zuschauern gegen den Kopf stoßen, weil sie für alles eine Erklärung verlangen, ohne selbst nachdenken zu müssen.
Und dies unterscheidet ihn auch von der Vielzahl der anderen Filme, die thematisch ähnlich angesiedelt sind. Kaum ein Film spielt so sehr mit den Zuschauer (inhaltlich durch das überraschende Ende, stlistisch durch die emotionalen Elemente und auf der Metaebene durch die Frage, inwieweit die Folterungen Annas schon vom Zuschauer als Voyeurismus empfunden werden). Großes Kino, sehr niederschmetternd, morbide und finster, weil man zu Beginn schon das böse Ende erahnt und somit kaum mit anderen Filmen zu vergleichen. Ein ganz großer Wurf: 10 von 10 Punkten!!!