Ach kommt Leute, was soll das? Warum, lieber Pascal Laugier, lieferst du so ein Werk ab? Als ob die Prämisse gelautet hätte. Machen wir es dem Reviewschreiber so schwer wie möglich. Ich hasse das. Ich weiß nicht mal wie ich anfangen soll.
Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, habe ich ausnahmsweise mal keine Punktebewertung abgegeben. Und wie ihr spätestens nach diesem Satz wisst, ist das keine Versehen und auch nicht meiner eklatanten Vergesslichkeit geschuldet. Ich weiß einfach beim besten Willen nicht was ich von Martyrs halten soll.
Alle anderen Schreiberlinge vor mir haben Recht. Wirklich alle. Ich kann jedes einzelne Review nachvollziehen. Ich verstehe wenn jemand diesen Film für abartig oder krank hält, kann aber genauso Verständnis für diejenigen aufbringen, die hier ein kleines Meisterwerk sehen. Aber eines sollte VOR dem Film“genuss“ (ist das nach neuer Rechtschreibung korrekt?) klar sein. Martyrs hat, trotz all der Skandale, nichts, aber auch wirklich gar nichts mit den bisherigen Genrefilmen aus Frankreich gemein. Wer sich auf einen weiteren High Tension, Inside oder Frontier(s) freut, kann den Film gleich in der Hülle lassen. Das ist keine Empfehlung, das ist eine Warnung! Glaubt mir, ich habe mich wirklich ausgiebig informiert über den Film, schließlich wollte ich wissen was mich erwartet und vor allem ob sich die 20 Euro Anschaffungspreis lohnen. Aber sämtliche Kritiken verschweigen den Verlauf der Handlung. Und JA, das ist auch gut so. Zumal es einfach nicht möglich ist den Plot auch nur ansatzweise zu erzählen ohne so massiv zu spoilern, dass es sich nicht mehr wirklich lohnt den Film anzusehen.
Die kurze Inhaltsangabe auf der Hülle muss reichen, lässt aber auf eine ganz andere Art Film schließen als wir hier vorliegen haben. Rückwirkend betrachtet muss ich sogar gestehen, immer noch nicht zu wissen was für ein Genre hier bedient wurde. Und das witzigste ist, selbst wenn ich ein Wort dafür hätte, ich könnte es nicht schreiben, denn es wäre wiederum ein Spoiler. Vielleicht versuche ich es so: Der Film entwickelt sich in eine ganz seltsame Richtung. Das muss erstmal reichen.
Also, kommen wir zurück zum Skandal. Wie vielleicht der ein oder andere mitbekommen hat, hatte Martyrs selbst in Frankreich, diesem lustigen Land in dem jeder Bewohner eine Baskenmütze auf dem Kopf, eine Zigarette im Mund und ein Baguette unterm Arm trägt, einen schweren Start. Da wollte man doch tatsächlich diesen Film ab 18 freigeben. Man bedenke: Ein hierzulande beschlagnahmter Film (natürlich nur in der ungeschnittenen Version) namens High Tension bekam eine Freigabe ab 16. Ein 18er Siegel hätte ihn automatisch auf die gleiche Stufe gestellt wie schlüpfrige Erwachsenenunterhaltung der härteren Art. Letztendlich, nach einigem hin und her bekam man zwar doch die gewünschte 16er-Plakette, aber der Skandal war schon mal da. Ist denn nun dieses Gezeter gerechtfertigt? Und schon wieder kann ich keine klare Aussage treffen. Das hängt nämlich vom eigenen, subjektiven Empfinden ab. Hier in Deutschland scheint man das nicht allzu eng gesehen haben, denn die Verleih-Version ist ungeschnitten in die Videotheken gekommen. Und diese Entscheidung finde ich einerseits nachvollziehbar, andererseits völlig daneben.
Nun die Erklärung. Wie Eingangs erwähnt, ist Martyrs kein Film á la High Tension. Soll heißen: Wer auf übertriebene Blutfontänen und einen harten Splatterthriller aus ist, hat deutlich daneben gegriffen. Hier wird (relativ) realistisch gestorben. Keine ästhetische Überstilisierung des Todes. Damit wird sicher manch einer ein Problem haben. Auch wenn die ersten 20 Minuten etwas anderes suggerieren, Martyrs ist nicht so. Ganz und gar nicht. Irgendwie scheint mir als wollte der Regisseur mit der Erwartungshaltung der Zuschauer spielen und sie komplett untergraben. Damit schlägt er allerdings so ziemlich allen vor den Kopf. Der Hostel-Fraktion wird ebenso wenig geboten, wie den Giallo-Fans das erwähne ich nur, weil im Abspann dem guten Herrn Argento gedankt wird). Darauf muss man sich einlassen. Komisch irgendwie, aber wenn ich so zurück schaue, muss man einfach das gleiche machen, das unsere Protagonisten im letzten Drittel macht (verdammt, ich würde doch ganz gerne deutlicher werden, kann es nur nicht). Blutig geht es natürlich dennoch zur Sache, auch auf die harte Tour und bei ein paar Szenen ist mir doch ein wenig komisch geworden. Aber wie gesagt, eher weil es auf die realistische Art und Weise dargestellt war und die Gewaltausbrüche vielfach sehr unerwartet kommen.
Ist der Film dann auf die psychische Art so hart? Nun ja, die Atmosphäre ist schon sehr drückend, und bei einigen Szenen wird sicher der geneigte Zuschauer zusammenzucken. Spannend ist das Ganze auch, ohne Frage. Die eigentlich kaum vorhandene Handlung zieht ihren Reiz aus der Frage „Warum tut jemand so etwas?“ und „Auf was läuft das Ganze jetzt eigentlich hinaus?“. Und glaubt mir, ihr kommt nicht drauf. Auch wenn das Ganze eigentlich gar nicht so originell ist. Aber auch das stimmt nicht – man dieses Review wird echt verdammt noch mal viel schwerer als gedacht – denn im Gesamtkontext ist das alles schon schlüssig. Wäre ich absolut skrupellos, ich würde es auch tun. Ohje, während ich das schreibe schäme ich mich schon fast. Aber es geht hier um essentielles!
Und jetzt komme ich auch schon auf den eigenartigsten Effekt, den der Film hat. Gegen Ende verlor sich für mich diese angespannte Stimmung, dieses Gefühl eine Mutprobe zu bestehen (und im Grunde ist diese Suche nach immer härteren und blutigeren Filmen ja nichts anderes als eine Mutprobe). Eine gewisse Abstraktion sorgt dafür, dass ich nicht Gefahr laufen musste, erstmals seit meinem 12. Geburtstag nach einem Film nicht mehr einschlafen zu können. Als der Abspann begann über den Bildschirm zu flimmern, hatte ich sogar dieses: „Ach, das solls jetzt gewesen sein (*Schulterzuck*)!?“-Gefühl. Warum also, wenn das ganze nicht so heftig war wie erwartet, wenn ich schon 100mal heftigeres gesehen hatte, warum lässt mich dieses Miststück von Film dann nicht mehr los? Warum grüble ich über die mögliche Aussage? Verdammt, dieser Genreübergreifende Bastard hat sich in meinem Gehirn festgesetzt und will da nicht mehr raus. Und seine Wirkung kann ich nicht gerade als positiv beschreiben. Martyrs beherrscht die Kunst, erst Stunden nach Sichtung zu wirken. Und für diese Hinterhältigkeit bin ich ihm ganz schön sauer.
Kommen wir zum Handwerklichen. Die beiden Hauptdarstellerinnen spielen sehr, sehr gut und überzeugend. Und vor allem mit einem beeindruckenden Mut zur Hässlichkeit – und glaubt mir diese wirklich schönen Französinnen können sogar in Unterwäsche extrem abturnend wirken. Ihre Emotionen bringen sie perfekt auf die Leinwand, anders gesagt teilweise hat man nicht das Gefühl dass sie ihre Rolle spielen, sondern dass sie ihre Rolle SIND. Kameratechnisch gibt es auch kaum etwas auszusetzen, obwohl nie die stylische Klasse von Haute Tension erreicht wird. Auch die bildgewaltigen Kameraspiele eines Argento werden trotz Reminiszenz nie erreicht. Soll aber auch gar nicht. Die Bilder erfüllen so wie sie sind absolut ihren Zweck. Der Soundtrack wird spärlich aber effektiv und passend eingesetzt. Und ein ganz besonderes Lob geht an die geniale Maske. Die scheint wirklich aufwändig zu sein und wirkt zu keinem Zeitpunkt unrealistisch oder durchschaubar. Auf CGI wurde soweit ich das sehen konnte komplett verzichtet (wäre auch unpassend gewesen). Durch dieses perfekte Zusammenspiel aller Komponenten wird natürlich ein Effekt erzielt, der Martyrs ein großes atmosphärisches Plus beschert. Es gibt keine (und manchmal hätte ich mir das sogar gewünscht) auflockernde Szene, keinen Humor, nichts was die düstere, hilflose, depressive und bedrückende Stimmung auch nur für fünf Sekunden bricht. Anschlussfehler oder unlogische Szenen sind mir auch nicht aufgefallen (beim näheren Betrachten wirkt das Ganze sogar ziemlich durchdacht und ausgereift, einzig ein paar seltsame Elemente der Story sind mir nicht ganz so klar, aber dazu komme ich im Anschluss an mein Fazit).
Warum also gebe ich keine Bewertung? All das klingt doch nach einem Film der locker die 9 Punkte-Grenze überschritten hat. Mein Problem ist, dass ich mir nicht darüber klar bin, welche Intention Laugier verfolgt. Klar, erstmal schockieren und dafür sorgen dass sein Film nicht mehr aus dem Gedächtnis verschwindet. Aber darüber hinaus? Anders gefragt: Ist Pascal Laugier ein Perverser der einfach nur leidende Menschen darstellen will, sich daran aufgeilt, und drum herum eine zwar konsequente aber abstrakte Story gewurschtelt hat? Oder ist er ein extrem genialer und intelligenter Filmemacher, der unter dem Deckmantel des Terrorkinos eine viel anspruchsvollere Story erzählt, als sein Publikum gewohnt ist? Geht es ihm um existentielle, ethische Fragen? Und wenn ja, welche? Wie soll man sein Werk interpretieren? Ist das hier ein auf Hochglanz getrimmter und intensiv gespielter Slaughtered Vomit Dolls, oder ein brutaler, quälender Arthousefilm? Die Antwort auf diese Frage könnte mir nur ein Gespräch mit dem Regisseur selbst geben. Von meinem jetzigen Standpunkt aus, wäre allerdings von einer 4 (darunter geht’s allein schon vom Handwerklichen her nicht) und einer 9 alles möglich. Seht ihn euch an, aber bitte beachtet dass ihr nicht das erhalten werdet, was ihr euch vorstellt.
!!! Hier ist für alle den Film noch nicht gesehen haben erst mal Schluss !!!
So, nachdem dies mein Fazit war, nun meine Fragen zu eventuellen Plotfehlern:
SPOILER
Wie kommt diese Sekte denn bitte darauf, dass gerade junge Frauen dafür geeignet sein würden? Gerade in der Bibel lassen sich doch viele Bespiele männlicher Märtyrer finden.
Wieso erreicht Anna diesen „Zustand“ schon nach so kurzer Zeit und ohne Anwendung solch drastischer Mittel? Die andere Frau, die Anna zu Beginn findet, sieht aus, als wäre sie über Jahre hinweg gequält worden, wenn die Sekte schon einige Personen hatte, die den „Zustand“ erreicht haben, wusste man dann nicht von vorneherein, dass ein Quälen über längeren Zeitraum überflüssig ist? Warum sind die anderen mit Schnitten übersäht und bei Anna reicht ein einfaches Verprügeln? Ist das ein Zugeständnis an den Zuschauer, von wegen, „will ich nicht sehen“?
Warum ruft Anna nach Fund der gefolterten Frau ihre Mutter und nicht die Polizei an? Am Anfang schien mir das noch einleuchtend, schließlich wurde eine Familie ausgelöscht und im Garten sind überall ihre Fußspuren im Matsch, aber später muss das doch in den Hintergründ gerückt sein. Wenigstens ein Sanka hätte doch bestellt werden können.
Wieso ist der Geheimgang so schlecht versteckt? Ich glaube nicht dass die Kinder davon wussten, andererseits muss ihnen doch aufgefallen sein, dass ihre Eltern zusätzliche Mahlzeiten gekocht haben, dauernd im Keller verschwanden – der Sohn hat schließlich das Studium geschmissen und sitzt nun zu Hause rum.
Wie konnte die unterirdische Anlage unbemerkt gebaut werden – es handelt sich schließlich um ein viel komplexeres Bauwerk als zum Bespiel beim österreichischen Fritzl-Fall?
Oh, und natürlich ist es unmöglich ohne Haut weiterzuleben, da muss man sich dann schon fragen ob das nicht nur ein Vorwand für die Maskenbildner war, zu zeigen was sie alles drauf haben.
SPOILER ENDE