In den 70er Jahren kann die zehnjährige Lucie ( Mylène Jampanoi) vor ihren Peinigern flüchten, von denen sie wochenlang gequält und gefoltert wurde. 15 Jahre später erkennt Lucie diese Menschen in einem Zeitungsartikel wieder und sinnt auf Rache. Zusammen mit ihrer Freundin Anna (Morjana Alaoui) macht sie sich auf den Weg zu dem Haus - insklusive einer doppelläufigen Schrotflinte im Gepäck...
Gleich vorneweg: Wer etwas in die Richtung der Backwood-, Folter- oder Splatterfilmchen mit simpel gestrickter Unterhaltung erwartet, sollte diesen Gedanken wieder schnell im Hinterstübchen begraben.
Zwar beginnt das erste Drittel wie ein üblicher Revenge-Film, aber danach wird es komplexer (was viele auch mit Langeweile verwechseln können) und die Filmrichtung wechselt mehrmals.
Regisseur Pascal Laugier haut einem Elemente um die Ohren, die beim Betrachten keiner anfangs verstehen wird, da sie jenseits der Logik liegen. Erst später wird klar, auf was für eine Richtung all das hinauslaufen könnte, jedoch verspreche ich, dass beim ersten Besichten von "Martyrs" alles Gesehene dermaßen in die Magengrube reinschlägt (und die neuen Wendungen einen verzweifeln lassen, weil man sie nicht verstehen kann), dass man gar nicht die Wahl hat, mitzurätseln. Mit zunehmender Laufzeit fragt man sich nur noch "Was will der Regisseur uns überhaupt mitteilen?" bzw. "Wann hört diese Folter, dieser ganze kranke Scheiß endlich auf?"
Ich gebe zu, es ist verdammt schwer, diesen Film zu Ende zuschauen, einerseits wegen der Komplexität - man fragt sich, was das alles soll und somit läuft man auf die Gefahr hinaus, schnell zu ermüden und den Film als "langweilig" einzustufen. Andererseits steht da noch die Komponente "Sinnloser Sadismus" im Weg, die das "Kotz"-Gefühl im Magen immer stärker werden lässt. Dies geschieht nichtmals wegen dem Gore-Anteil (obwohl schon einige harte Szenen drin sind) sondern mehr auf psychischer Ebene. Das "wirklich" Brutale ist eben das sinnlose Quälen, das eine Viertel Stunde ohne Dialog bzw. Monolog auskommt. Da werden keine Arme abgehackt oder Köpfe gespalten - nein, da gibt´s einfach nur andauernd was auf die Fresse mit Unterbrechung von Fütterung. Regisseur Laugier (mit Hilfe seines Maskenbildner- und Kamera-Teams) ist in der Lage, dies viel grausamer darzustellen, als das Trennen von Gliedmaßen etc. Dass man die agierenden Personen nur bis zum Hals sieht (also kein Gesicht), setzt dem ganzen eine Schippe obendrauf.
"Martyrs" bietet zwar (anfangs) gewohnte Genre-Zutaten, jedoch ist dies nebensächlich und total belanglos, da dieser Film in eine ganz andere (nicht erkennbare) Richtung hinausläuft.
"Martyrs" fordert den Zuschauer, schockiert den Zuschauer, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und entfaltet seine Genialität erst mit dem Abspann, insklusive mächtig Zeit zum Nachdenken und zum Interpretieren.
Mir fällt es wirklich verdammt schwierig, eine Review zu diesem Film zu schreiben ohne Spoilern zu können, aber was soll ich Leuten, die sich für den Film interessieren und noch nicht gesehen haben, mit auf den Weg geben?
Kurz und knapp zusammengefasst:
Wer auf Unterhaltung steht, soll die Finger weglassen. Der Film strotzt vor Grausamkeiten und macht es aufgrund seiner Wendungen verdammt schwer, dem Plot zu folgen (Wenn das überhaupt möglich ist). Erst nach dem Abspann entfaltet sich alles, die Antworten auf die Fragen: Wieso und warum? Aber selbst dann muss man sich noch damit auseinandersetzen, da ich meinen Arsch drauf verwette, dass man nicht die ganzen 100% verstanden hat. Das wird Tage dauern. Hinzu kommen dann auch noch die Interpretationsmöglichkeiten, die der Schluss aufwirft. Das muss aber jeder, der den Film bis zum Abspann durchsteht, für sich selbst ausmachen.
Für mich waren es verdammt gute, aber auch sehr quälende und anstrengende 97 Minuten. Aber das war es auf jeden Fall wert.
2008 wurde mit "Martyrs" ein neues Meisterwerk geboren!
10/10
(Ich kann jedoch auch jede 01/10er-Wertung nachvollziehen, die "Martyrs" als kranken Scheiß abstempeln)
+
Fazitende
+
Jetzt will ich noch meine Interpretation spoilern, also alle Nichtkenner des Filmes - für euch ist hier Schluss!
------ SPOILER -------
Nach dem Abspann wissen wir ja, dass wir es mit einer religiösen Sekte zu tun haben, die Mädchen bzw Frauen solange grausam quälen, bis sie in ein Martyrium verfallen, in dem die Opfer sehen, was nach dem Tod mit uns geschieht.
Der Sekten-Guru, eine ältere Frau, bekommt es am Ende ins Ohr geflüstert und nimmt sich daraufhin das Leben.
- Entweder gibt es nichts, aber auch wirklich gar nichts nach dem Ableben (für mich sehr unrealiistisch, denn warum sollte die Dame dann suizid begehen?)
- Entweder ist es so schön, dass sie gar nicht mehr warten will und sich deswegen umbringt (dieser These stimme ich schon eher zu, jedoch frage ich mich, wieso sie dann so eine Fresse zieht. Das sieht nicht nach glücklichem Harfe auf der Wolke spielen aus)
Und mein Favorit: Für die Taten, die man im Leben begangen hat, wird man später bestraft (Das würde die Mimik der Dame erklären und auch ein klein wenig den Selbstmord)
P.S.: Diese Thesen spiegeln nicht meine persönliche Meinung wider, was ich selbst über das "Was ist nach dem Tod?" empfinde, sondern lediglich, was Regisseur Laugier mit seiner Theorie uns vermitteln will.