Review

"Verstärken sie seine Qualen! Gehen sie dabei methodisch, systematisch und eiskalt vor!"

Wenn man dem französischen Horror-Film der letzten Jahre eines nicht vorwerfen kann, dann wäre dies mangelnde Konsequenz. Alexandre Ajas begann mit "High Tension" eine Welle des französischen Exploitation-Kinos, das selbst massenkompatible Schocker wie "Hostel" und die "Saw"-Reihe in den Schatten stellte. "Martyrs“ ist die nächste Auskopplung französischen Terror-Kinos, wofür das Wort verstörend nicht treffender sein könnte.

Im Jahre 1971 kann Lucie (Jessie Pham / Mylène Jampanoi) nach monatelanger Folter in einem Fabrikgelände ihren Entführern entkommen. Verstört und gepeinigt wird sie zuerst in einem Krankenhaus, dann in einem Waisenhaus abgegeben. Dort freundet sie sich mit der gleichaltrigen Anna (Erika Scott / Morjana Alaoui) an, bleibt aber ansonsten zurückhaltend gegenüber anderen.
15 Jahre später steht Lucie mit einer geladenen Schrotflinte vor der Tür eines Einfamilienhauses. Als der Hausherr ihr öffnet zögert sie keine Sekunde und schießt ihn gnadenlos nieder. Auch den Rest der Familie verschont sie nicht. Trotz der Vergeltung bleibt Lucie's gequälte Seele geschunden. Und während sich die hinzu kommende Anna fragt, ob es sich denn überhaupt um Lucie's Peiniger handelt, wartet in einem verborgenen Keller eine erschreckende Entdeckung.

Was zu Beginn nach gewohnter Horror-Kost ausschaut, entpuppt sich im weiteren Verlauf zu einem Alptraum aus Leid und Schmerz. Physisch wie psychisch. Die Geschichte dreht sich mehrmals um und wird für manch eine Überaschung sorgen, die nicht immer schlüssig, sicherlich aber originell und in dieser Form noch nicht da gewesen ist.
Ein einfaches Unterfangen ist "Martyrs“ beileibe nicht, zu sehr zehrt er an den Nerven, schockiert und verstört. Dabei distanziert sich der Film von Gewaltorgien wie "Frontier(s)“ oder "Inside“. Sicherlich ist Gewalt und Folter reichlich vorhanden, aber auf einer ganz anderen Ebene.

"Martyrs“ ist eine filmische Grenzerfahrung. Ein Experiment aus Schmerz und Qual, das am besten funktioniert, wenn es einen unvorbereitet erwischt. Wer glaubt, die scheinbar simple Rahmenhandlung um späte Rache durchschaut zu haben, wird sich später noch wundern.
Nach dem eröffnenden Massaker führt der Film surreale Horrorelemente ein, die das kaputte Seelenleben von Lucie darstellen sollen. Diese Elemente funktionieren, auch wenn sie sichtlich vorhersehbar sind. Bis dato haben beide Hauptfiguren ein gleichberechtigtes Verhältnis in der Handlung. Dann aber wechselt "Martyrs" die Perspektive und stellt einzig Anna in den Mittelpunkt. Eine riskante Entscheidung des Regisseurs Pascal Laugier die im Film überraschend gut funktioniert. Mit diesem Wechsel wird zudem der finale Part von Martyrs eingeleitet, bei dem der Regisseur dem Publikum noch einmal einen saftigen Schlag in die Magengrube versetzt. Denn was jetzt kommt stellt das zuvor gezeigte Massaker an Brutalität tatsächlich in den Schatten.

Annas Schicksal in der letzten halben Stunde des Films dürfte der tatsächliche Grund für die mit "Martyrs" verbundene Kontroverse sein. Die Schonungslosigkeit und Dreistigkeit mit der Laugier hier vorgeht macht den berüchtigten Exploitation Streifen aus den 70er Jahren alle Ehre, die ihrerseits aber zumindest noch eine skurille Naivität und damit Abstraktionspotential haben. "Martyrs" hingegen quält den Zuschauer und Anna ohne jeden Funken Selbstironie.
Obwohl die Torturen alleine an blutigen Details gemessen weit weniger explizit sind als das Gemetzel zu Beginn des Films wirken diese Szenen ungleich härter und verstörender. Fast möchte man am Ende dem Regisseur die Hand schütteln und ihm dafür danken, dass er die finale und brutalste Folterung tatsächlich nur andeutet und dem Zuschauer lediglich deren blutiges Ergebnis präsentiert.

Das Ende wiederum lässt Fragen offen und ist durchaus diskutabel. Je nach Geschmack kann man die finale Auflösung für absurd, esoterisch verbrämt oder einfach nur anmaßend halten. Aber eines ist sie auf alle Fälle: Nicht alltäglich. Und das ist weit mehr als das, was ein gewöhnlicher Horrorfilm bietet.

Wider erwarten ist Sadismus nicht der Hauptbestandteil von "Martyrs“. Das mag paradox klingen bei einem Film, der wegen seiner ausufernden Gewalt- und Folterszenen für Aufsehen sorgt. Doch Laugier ist nicht am billigen Blutrausch oder an der Triebbefriedigung durchgeknallter Hobby-Metzger interessiert. Degenerierte Hinterwäldler oder reiche Psychopathen findet man in anderen Filmen. "Martyrs“ hingegen macht aus Schmerz Wissenschaft und aus Folter System. Am Ende blicken wir fassungslos auf ein kaum noch menschliches Wesen, das einmal ein junges Mädchen war. Es braucht nur Gewalt, Schläge, Schnitte und Demütigungen, immer wieder, bis ein Mensch endgültig gebrochen wird, körperlich und geistig. "Martyrs“ führt uns das mit einer Konsequenz vor Augen, die ungeheuerlich ist.

Die Folge von all dem ist eine wahnsinnige Detailarbeit der Maske. Kleinste Stiche, Kratzer und Stichwunden gibts haufenweise zu sehen. Und auch klaffende Schusswunden sowie eingedellte Köpfe sind absolut glaubhaft dargestellt. Technisch gibt sich "Martyrs" keinerlei Blöße, auch nicht im inszenatorischen Bereich, der mit Zeitungsartikeln und Ausschnitten aus einem verwaschenen Super8 Film ganz an die neuere Generation angepasst wurde.
Allerdings muss sich "Martyrs" Kritik am Drehbuch gefallen lassen, dass gerade zu Beginn nicht durchgehend glaubhaft ist. Hoher Blutverlust scheint zumindest keinerlei Auswirkungen zu haben.
Schwächen sind auch im Charakterdesign erkennbar, denn die Mühe für eine Profilerstellung haben sich die Produzenten nicht gemacht. Nötig ist dies ohnehin nicht, da viele Figuren als Kanonenfutter herhalten und bei anderen deren Vergangenheit keinerlei Bedeutung hat. Ein wenig mehr hätts trotzdem sein dürfen.

Dem gegenüber stehen die schauspielerischen Leistungen von Mylène Jampanoi und vor allem Morjana Alaoui. Beide geben ein hervorragendes Mimenspiel ab, was von Anfang bis Ende glaubwürdig ist und viel zur intensiven Atmosphäre beiträgt.

Kontroversen sind vorprogrammiert, denn "Martyrs“ dürfte die gesamte Bandbreite verschiedenster Meinungen abfedern. Dennoch sind die meisten, wenn nicht alle der Superlative, mit denen Martyrs bedacht wurde natürlich stark übertrieben. Wenn es den härtesten Horrorfilm aller Zeiten gibt, "Martyrs" ist es sicherlich nicht. Aber er zählt durchaus zu den intensivsten und schockierendsten Filmen der letzten Jahre. Technisch zieht Laugier hier alle Register, beweist ein gutes Auge für stimmige Bilder und liefert einen hochglanzpolierten und einwandfrei produzierten Schocker ab. Da fallen dann auch einige Schwächen des Drehbuchs nicht mehr ganz so schwer ins Gewicht. Vor allem das Ende und die Enthüllung der Motive für die ganzen Quälereien wirkt bei aller Originalität dann aber doch etwas weit hergeholt.

8 / 10

Details
Ähnliche Filme