Review

Es ist allseits bekannt, dass Frankreich für sehr drastische als auch ziemlich blutige Unterhaltung steht - was jedenfalls das Genre "Horror" betrifft. Nicht ohne Grund erlangten Werke wie "High Tension" und "Inside" einen gerade zu berühmt-berüchtigen Ruf. So schockten doch beide aufgrund ihrer sehr explizit dargestellten Gewalt, aber auch durch die teilweise sehr überzogenen und menschenverachtenen Sequenzen, die sicherlich einen sehr speziellen Reiz besitzen.

Auf so Filme muss man sich einlassen, findet man keinen Bezug zu dieser Art von Kunst ist man gänzlich verloren. 

So bringt Pascal Laugier also einen weiteren Vertreter der sogenannten, inoffiziell bezeichneten "Neuen Französischen Härte" auf den Markt - in Deutschland zwar nur in den Verleih, aber man darf durchaus von Glück reden, dass dies der erste Streifen ist, welcher ungekürzt eine Freigabe bekam. 
Von dem härtesten Film aller Zeiten wurde hier gesprochen. Ein sehr heftiger Schlag in die Magengrube. Selbstverständlich erwartet man hiervon nun einen sehr derben Splatter, welcher mit ultrarealistischen Gewaltszenen nicht zu geizen mag. 
Doch wer hier einen blutigen Splatter erwartet, ist hier total an der falschen Adresse, so widersinnig das auch noch klingen mag. 

Es ist nicht abzustreiten, dass Laugier sicherlich einen kleinen Meilenstein geschaffen hat. Zwar sehr kontrovers aufgenommen, aber sowohl auf der einen als auch auf der Gegenseite sehr spekulativ interpretiert. 

Laugiers Stil ist sehr introvertiert. Seine Darstellung der Geschehnisse sind sehr kühl und ambitioniert, wenngleich auch er am Anfang so seine kleine Schwächen hat. Der Zuschauer wird gleich von vorne rein mit einem Intro geschockt, das seinesgleichen sucht. Wer das schon nervlich nicht aushält, sollte den Rest meiden, denn der Film ist in der Hinsicht sehr stringent aufgebaut. Man erblickt am Anfang einen kleinen Rückblick, in der ein jugendliches Kind auf die grausamste Weise gefoltert wird. Doch auch hier spielt der Spruch eine sehr wichtige Rolle: "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Das kleine Mädchen flieht, die Kamera bei der Flucht sehr subjektiv, aber auch sehr ruhig und feinfühlig. Man sieht sekundenlang, wie das Mädchen den langen Weg schreiend und sehr traumatisiert wegläuft. Das triste Setting trägt sehr zu dieser Stimmung bei. Es ist alles grau, kalt und absolut gefährlichaussehend. Ohne Hoffnung. 
Das Kind kommt in ein Kinderheim, freundet sich ja relativ schnell mit einem anderen Mädchen an. Noch bevor das "Intro" zum Ende gelangt, wird das Publikum mit einem sehr plakativen Schock konfrontiert. Ob diese Spielerei wirklich notwenig war, muss jeder selbst entscheiden. Fest steht, dass dieser unerwartete Schock ein klein wenig die gut aufgebaute Atmosphäre zu Fall zu bringen scheint.

15 Jahre später (?).
Hier beginnt nun die eigentliche Story und auch hier entfaltet sich die wahre Stärke des Films. Im Gegensatz zu den anderen französischen Horrorfilmen beinhaltet dieser Streifen relativ viel Dialogzeilen. Laugier bietet einen erfrischend anders dargebotenen Blick in die traumatisierte Seele einer jungen Frau. Sie sinnt nach Rache. Die Rache in Form des Todes. 
Es wird zu Beginn noch das kurze Zusammenleben einer Kleinfamilie gezeigt. Das Leben dieser Familie scheint mit Glück überfüllt, da sowohl die Eltern als auch das Geschwisterpaar viele fröhlich stimmende Gespräche entwickeln. 
Doch das nette Beisammensein wird prompt mit der grausamen Realität konfrontiert.
Die junge Dame aus dem Intro tritt ins Geschehen und fängt erstmal an mit einer Pumpgun den Familienvater ohne jegliche Emotion zu erschießen. 
Ab da sollte dem Zuschauer klar sein, dass dies nicht ein Horrorfilm ist, da selbst die Tötung für die "französischen Verhältnisse" sehr ruhig, aber auch absolut liebevoll geschah. Zwar sind auch die sehr wenigen Gewaltszenen sehr realistisch rübergebracht, aber was das Thema Realismus betrifft, zieht "Martyrs" ganz klar den Längeren. 

Laugier schafft es durchweg die relativ dünne Rachestory kompakt und sehr realistisch rüberzubringen. Selbst die psychischen Aussetzter haben einen reellen Touch. Gerade die Szenen, in denen die junge Dame mit ihrer schizophrenen Krankheit zusammenprallt, entwickelt Laugier spürbar bedrückende Spannung, Angst und Paranoia wird verbreitet. 

Bis hier hin scheint der Film im Gegensatz zu den anderen französischen Horrorfilmen eher der leichte zu sein. Eine wirklich kontroverse Situation mag man bis dort nicht festzustellen. Was den Film aber wirklich auszeichnet, ist die Wendung.

Es wird der Keller betreten und ab da an ändert Laugier schlagartig seinen Stil. Anfangs war er noch sehr ruhig und versuchte die Gefühle der Personen darzustellen und zu verdeutlichen. 
Doch was in dem letzten Drittel geschieht, ist wirklich nicht jedermanns Sache. 
Eine absolute Menschenverachtung und moralisch inakzeptable Sichtweise fabriziert Laugier hier. 

Das Mädchen, welches vor 15 Jahren gefoltert wurde, darf ihr ganze Trauma noch mal erleben. Das Haus entpuppt sich als Hauptquartier einen abartigen Sekte, welche Menschen bis zum Verlust ihrer Identität foltern, nur um zu erfahren, wie das ewige Licht aussieht - der Weg zum ewigen Licht. Märtyrer nennen sie die Folteropfer. 
Auch wenn das nun sehr makaber klingt, Laugier hat dieses Geschehen sehr gut hinbekommen. Erschreckend authentisch, gleichzeitig aber auch sehr widerwertig wird sie hier gefoltert. Und diese Sequenz scheint kein Ende zu haben. Immer wieder muss man mit ansehen, wie sie verprügelt wird, nur um zu erfahren, was es bedeutet keine Angst mehr zu haben. 

Jeder Mensch muss sich selbst der Tatsache bewusst sein, wie viel er sich antun will. Diese Folterung am Ende ist definitiv nichts für zarte Gemüter, da sie doch eine sehr nachhaltig verstörende Wirkung entfaltet. Das Finale, in der man das Licht nun gesehen haben zu scheint, ist ein wenig misslungen. 

Fazit:
Pascal Laugier schuf einen Meilenstein des Dramas. Dies ist kein Horrorfilm, es ist ein realistisch aufgebautes Drama, welches gekonnt mit den menschlichen Urängsten sowie ihren kranken Gedanken spielen. Selbst wenn einem das Geschehen während dem Anschauen nicht ganz bewusst wird, im Nachhinein wird man sehr lange darüber nachdenken - nach dem man minutenlang nur so dasitzt, um sich bewusst zu werden, was man eigentlich gerade gesehen hat, wird man feststellen, dass man so etwas menschenverachtendes noch nie gesehen hat - und es auch nicht mehr sehen will.

Für viele bleibt Martyrs nur ein einzigartiges "Vergnügen".
Ich werde mir Laugiers Werk definitiv noch ein zweites und ein drittes Mal ansehen, da ich so eine Intensität und intensive Verstörung nicht oft in Filmen sehe.
Trotz des sehr schwierigen Themas gelingt es ihm, dem Film Tiefe als auch Charaktere zu geben.

Martyrs ist Hardcore, selbst wenn es kein Splatter ist.

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