Review

- Martyr: nom, adjectif; du grec „marturos“: témoin -

Ein Waisenhaus irgendwo in Frankreich, man sieht inform von
homevideoartigen Ausschnitten verstörte und grotesk entstellte Kinder,
Trostlosigkeit und Grauen. Inmitten dieser Kinder befindet sich die
durch ein Augenpflaster enstellte Lucie (Jessie Pham), deren
Schicksal, über einen längeren Zeitraum in einem abgelegenen
Industriegebiet misshandelt worden zu sein, parallel dazu von einem
Reporter am Ort des Geschehens dokumentiert wird. Lucie ist nicht
imstande, sich zu den Umständen zu äußern, daher übernimmt ihre einzige
Freundin Anna (Erika Scott) das Reden mit der machtlosen Polizei,
um die Täter zu finden und zu bestrafen, denn weiters leidet Lucie
zusehends an den Folgen ihrer Folter und wird noch dazu von eigenartigen
Kreaturen attackiert - Cut!
15 Jahre später sieht man auf einmal einer vermeintlich normalen
4-köpfigen Familie dabei zu, wie sie einen Sonntagmorgen verbringt. Die
Kinder albern herum und gehen sich gegenseitig auf die Nerven, während
die Eltern sehr vertraut miteinander sind und letztendlich, inspiriert
von ihrer Tochter, beginnen, kollektiv auf dem Sohn herumzuhacken. Doch
ein Klingeln an der Tür stört die friedlich-stichelnde Idylle und ein
jeder wundert sich, wer am Ruhetag die Frechheit besitzt, eine Audienz
zu verlangen. Es ist eine Frau mit einem Schrotgewehr, die den
Familienvater mit einem berstenden Schuss von der Tür ins Sichtfeld der
anderen 3 und rasch auch diese ins Jenseits befördert. Schnell erkennt
man in der jungen Frau Anfang 20 die im Prolog vorgestellte Lucie (Mylène Jampanoi),
die hier offenbar eine Rechnung zu begleichen hat. Schnell ruft diese
per Telefon ihre scheinbar auf einen Anruf zu wartende Freundin Anna (Morjana Alaoui)
zu Hilfe, welche eigentlich davon ausgeht, dass nun die Behörden
eingeschaltet werden müssten. Als Anna jedoch im Haus ankommt und die
komplette Familie im gesamten Haus verteilt sowie eine verstörte Lucie
auffindet, ist sie dieser zwar erst böse, willigt dann aber trotzdem
ein, bei der Beseitigung zu helfen. Beide Frauen haben sichtlich mit
sich selbst, einander und der Situation zu kämpfen und begehen einen
logischen Fehler nach dem anderen. Doch während Lucie zwischen Kälte und
Wahn in Verbindung mit den Bildern einer ebenfalls im Kerker
gefolterten Frau, welche ihr immer noch als sie attackierendes "Monster"
erscheint, schwankt, erlangt Anna nach und nach wieder einen halbwegs
klaren Kopf und wird sich der Aussichtslosigkeit dieser Misere bewusst
und bewahrt nach wie vor so etwas wie Menschlichkeit, sprich sie stimmt
nach wie vor nicht mit den Motiven ihrer Gefährtin überein. Doch diese
Abschweifung rächt sich spätestens, als der vermeintliche Hauptcharakter
Lucie, gepeinigt durch das immer präsenter werdende Monster und auf
sich allein gestellt, sich schließlich immer heftiger selbst verletzt
und letztendlich durch einen Kehlenschnitt selbst auslöscht ...doch die
Geschichte nimmt hier erst Fahrt auf, denn als die todtraurige Anna sich
nicht von ihrer Freundin lösen kann und letztendlich einer Gruppe von
mysteriösen Leuten gegenüber steht, die nichts Gutes verheißen, folgt
der ausschlaggebende Teil dieses Films ...

Dieser Film ist Terror für die Seele eines Genreneulings, der auch all die anderen französischen Beiträge wie Frontier(s), Inside oder High Tension noch nicht gesichtet hat, Regisseur Pascal Laugier
ist hier klar auf den Zug der immer noch recht populären doch auch
schon 2008 weitgehend ausgeluschten Torture-Porn-Sparte aufgesprungen
und hat sich sichtlich angestrengt, gängige Klischees weitestgehend zu
vermeiden und auch ein paar neue Aspekte mit einfließen zu lassen. Dies
ist ihm recht gut gelungen, wird doch hier schon allein die (wie
besonders in französischen Vertretern) größtenteils sehr exzessive
Gewaltdarstellung ausnahmsweise einmal mit einem gewissen Hintergrund
zur Schau gestellt, welcher sich allerdings bezüglich des leidigen
Storyspoilings nicht allzu ausführlich benennen lässt. Es sei nur so
viel gesagt, eine schlicht "Mademoiselle" genannte Dame reiferen Alters (Catherine Bégin)
outet sich recht rasch als Anführerin dieser mysteriösen Gruppe, welche
Anna gefangen nimmt und derselben Folter aussetzt wie ihre verstorbene
Freundin Anna und ein höheres Ziel zu verfolgen scheint - welches, das
sei hier nun nicht aufgeführt. 

Diese Folter erinnert einen in der zweiten Hälfte des Streifens nun entweder an Hostel, den doch sehr polasierenden The Bunny Game
oder eben an bestimmte Szenen der bereits genannten französischen
Verwandten. Für welche Vergleichsmöglichkeit man sich auch entscheiden
mag, die in kalten und bedrohlich realistischen, angenehm unaufgeregt
geschnittenen Bildern gezeigte Pein der Anna lässt schwache Seelen gar
hingebungsvoll mitleiden, der Verfall eines "privilegierten"
menschlichen Wesens bis hin zum triebgesteuerten, zerstörten Klumpen
Fleisch wird einem hier derart schonungslos in die Fresse geknallt, wie
es selten der Fall gewesen ist. Dadurch, dass der Zuschauer ohne
jegliche Barrieren oder Tabus immer tiefer in den Strudel gerät und Anna
in hemmungslos voyeurostischer Manier beobachtet, könnte sich gar so
etwas wie Mitleid oder -gefühle oder eben Lust und Vergnügen einstellen.
Nachdem man nun diesen Beitrag, welcher übrigens höchst offiziell einem Altmeister des Horrors, Signore Dario Argento,
gewidmet wurde, gesichtet hat, bleibt einem wahrlich angesichts des
letzten Drittels und vor allem des unerwarteten Endes (sofern man keine
Laufzeitanzeige im Blickfeld hat) das Lachen vollends im Halse stecken.
Andererseits freut man sich natürlich über einen überdurchschnittlich
guten Genrebeitrag mit einer am Ende sehr innovativ dargestellten wahren
Hauptfigur. Des Weiteren steht natürlich auch ein ums andere Mal die
Diskussion im Raum, ob nun eine drastische Gewaltdarstellung im Film
immer noch nötig bzw. gar zeitgemäßg ist, was einen direkten Bezug zur
Realität darstellt, ist die Gewalt von Menschen an sich und an anderen
doch allgegenwärtig und essenziell für unser weiteres Bestehen.
Nichtsdesto trotz wird hier in seltenem Maße sehr intensiv auf die immer
noch präsente Kindesmisshandlung und auch die skrupellose Gewalt- und
Machtdemonstration des Menschen einem höheren Zwecke dienend (ähnlich
wie bei den Nazis) eingegangen.
Andererseits stören einen natürlich einige deutliche Handlungsfehler,
eine leichte Stagnation im letzten Drittel und auch die nur angedeutete
Beleuchtung der mysteriösen Elitegruppe.

Die französische Kulturministerin Christine Albanel ließ dieses
Werk übrigens noch einmal genau unter die Lupe nehmen, nachdem es eine
französische 18er-Freigabe erhalten hatte und somit weder im Kino noch
im TV ausgestrahlt werden durfte, kurzerhand wurde so eine
16er-Bewertung erreicht, was den Film nun einem breiteren Publikum
zugängig machte, paradoxe Sache.

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