Review

Kinderterror der anderen Art

Heftig, heftiger, „Eden Lake“. Mit diesen Worten kann man mein Gefühl nach der Weltpremiere von „Eden Lake“, als Eröffnungsfilm des Fantasy Film Fest 2008, wohl am besten Beschreiben. Der Terrorthriller in bester „High Tension“ aber auch „Last house on the left“ Manier verstört bis zum extrem kompromisslosen Ende und entlässt den geneigten Betrachter mit einem ziemlich blassen Gesicht in die Nacht.

Vor dem Start des Films sorgte eine kurze Einleitung (und Warnung) von Regisseur James Watkins (in Kürze: „Descent 2“), der mit „Eden Lake“ sein Regiedebut gegeben hat für die richtige Festivalstimmung, wobei mir der Satz „You do not watch this film, you survive it“, den Watkins als Abschluss seiner Rede (zitiert aus einer englischen Kritik nach der einzigen Käufervorführung von „Eden Lake“ in Cannes) zum Besten gegeben hat in den folgenden 91 Minuten Spielzeit nicht mehr aus dem Kopf ging.

Die Handlung von „Eden Lake“ ist ohne viel zu verraten schnell auf den Punkt gebracht. Kindergärtnerin Jenny (Kelly Reilly in einer beeindruckenden One Woman Show) und ihr Freund Steve fahren am Wochenende zum „Eden Lake“ um die Schönheit der Natur zu genießen. Ein geplanter Heiratsantrag und verliebte Küsse dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Nach den ersten entspannenden Minuten werden die beiden von einer penetranten Jugend-/Kindergang terrorisiert. Was mit einem kaputten Reifen und Beschimpfungen beginnt entgleist nach dem Tod eines Hundes völlig. Die Zuschauer können nur mehr atemlos und schockiert dabei zusehen wie die Situation in einem Strudel der Gewalt endet und 12- bis 16jährige Kinder, angestachelt von einem knapp 17jährigen Anführer, immer gewalttätiger gegen das junge Paar vorgehen. Bis es kein Zurück mehr gibt.

Was folgt ist brutaler Psychoterror, der vor allem durch den konsequenten Schluss bis ins Mark verstört. Überdies stellt man sich als Zuschauer zwangsläufig die Frage, wie man sich gegen noch minderjährige Gewalttäter, die sich weder vertreiben noch einschüchtern lassen, als Erwachsener verteidigen kann. Es sind immerhin noch Kinder und als Volljähriger soll man doch der Schlauere sein, oder?! Diese Frage erinnert entfernt an „Who can kill a child?“ von Narziso Ibànez, der diese Frage schon Mitte der 70er in Spanien aufgeworfen hat.

Jugendkriminalität ist in England, im Besonderen in London, zu einem alltäglichen Problem geworden. Tagtäglich geistern neue Berichte über brennende Autos, Gewalttaten an Schulen und Messerstechereien durch die Medien. In seiner kleinen Rede vor Filmbeginn hat Watkins die interessante Information in den Raum gestellt, dass das Drehbuch bereits drei Jahre auf dem Buckel hat, der Film vor einem Jahr gedreht wurde und wie man leicht erkennen kann, die Realität die Fiktion (den Film) schon längst eingeholt hat. Hieran sieht man wieder einmal, dass aktuelle Ereignisse oder Trends häufig in den oft als Schund verschrienen Horrorfilmen vorweggenommen werden.

Wie zuvor bereits klargestellt gab es natürlich schon ähnliche Filme, wobei die Konstellation der Charaktere, die vor sich hin schwelende und schließlich eruptierende Gewalt, die konsequente Figureneinführung und die genial aufgebaute Spannung „Eden Lake“ vom Gros vergleichbarer Streifen abheben.

Neben „Inside“ und „The Hills have Eyes“ hat mich schon lange kein Film mehr so sprachlos aus dem Kino entlassen. In diesem Fall waren es jedoch weniger die blutigen Gewaltausbrüche (die zwar durchaus vorhanden sind, aber nicht einmal annähernd in der Menge, in der sie in ähnlichen Produktionen geboten werden) die mich schockiert haben. Es war die Grundidee einer Gruppe Jugendlicher/Kinder die auf Geheiß eines Anführers Menschen zu Tode quält - ohne Verantwortungsgefühl oder einen Erziehungsberechtigten, der ihnen Recht und Unrecht erklärt. Diese so genannten Erziehungsberechtigten haben am Ende des Films auch noch einen glorreichen Auftritt, der die maroden Verhältnisse unserer Gesellschaft auf den Punkt bringt.

Die Spannungsschraube wird unerträglich stark angedreht und der Zuschauer wird mit einem der kompromisslosesten Enden der jüngeren Horrorgeschichte aus dem Kino entlassen. Der brutale, nihilistische und absolut hoffnungslose Schluss spült auch noch das letzte gute Gefühl (dass man oft bei ähnlich gelagerten Revengefilmen entwickelt) davon. Zurück bleibt nur der Gedanke etwas wirklich Schockierendes gesehen zu haben und das Gesehene erst verarbeiten zu müssen.

Es ist vor allem dieses realistische und harte Antihappyend, das den Zuschauer besonders schockiert. Der Schluss ist kurz gesagt ein Ende, dass man sich von einem Survivergirl nicht erwartet. Auch die vorangegangenen Kurzschlusshandlungen von Jenny passen so gar nicht ins vordefinierte Grundgerüst hübschen Horrorkämpferinnen.

Fazit
„Eden Lake“ ist mehr Psychothriller als reinrassiges Horrorkino und verzichtet weitgehend auf das Zelebrieren von Gewalt, auch wenn einige Szenen durchaus übelkeitserregend ausgefallen sind. Vor allem die Tatsache, dass die Gewalt in diesem Film zu einem Großteil von Kindern ausgeht sorgt für ein gesteigertes Unwohlsein. Der Film kann durch seinen gemächlichen Start, eine tolle Figurenentwicklung, ein Höchstmaß an Spannung und einen genialen Schlusstwist mehr als nur überzeugen. Somit ein würdiger Eröffnungsfilm des FFF 2008.

Nachsatz
Jene Idioten, die bei den Racheszenen (oder wohl eher Kurzschlusshandlungen) im Kino lautstark gegrölt und geklatscht haben, haben den Film eindeutig nicht verstanden und wären wohl bei „Scream“ und ähnlich gelagerten Horrorproduktionen besser aufgehoben gewesen.
In dem Sinn: Auf kein Wiedersehen beim nächsten Festivalbeitrag.

Details
Ähnliche Filme