Die Kindergärtnerin Jenny (Kelly Reilly, "Stolz und Vorurteil", 2005) und ihr Freund Steve (Michael Fassbender, "300") verlassen für ein Wochenende ihr großstädtisches Heim, um ein paar ruhige und romantische Stunden am Eden Lake, in der englischen Provinz gelegen, zu verbringen. Nachdem man es sich am Ufer des Sees kuschelig und gemütlich gemacht hat, taucht plötzlich eine Gruppe von Jugendlichen auf, die speziell Steve mit ihrer lautstarken HipHop-Musikbeschallung (Marke Grime, für Insider) und ihrem Kampfhund provoziert. Es folgen ein paar Auseinandersetzungen mit den Kids, die aber noch nicht dramatisch sind. Am nächsten Morgen aber ist der Zündschlüssel geklaut und das Pärchen kriegt gerade noch mit, wie die Bande mit ihrem Auto davonbraust. Als man dann später Gelegenheit findet, die Kids zur Rede zu stellen, eskaliert die Situation....
Was nun nach dieser eher bedächtigen Exposition folgt, ist postmodernes Terrorkino in Reinkultur: Auf Gewalt (Steve tötet versehentlich den Kampfhund) folgt Gegengewalt, ausgeübt von Jugendlichen, deren Sozialverhalten am untersten Ende der Skala angekommen sein dürfte. Speziell Jenny erweist sich als ausgesprochen resistent gegenüber den brutalen Attacken der Kids, kann aber dennoch nicht verhindern, im Affekt selbst zur Rächerin zu werden (und genau an diesen Stellen erschüttert der Film am meisten). Selten habe ich einen Film gesehen (außer vielleicht MARTYRS), der mich aufgrund seiner Thematik mehr geschockt hat als dieser. Diese Kids foltern und töten und gerade Jenny steht dieser Tatsache, trotz ihrer körperlichen Zähheit, hilflos gegenüber. Wie würden wir uns verhalten? Würden wir bis zum Äußersten gehen? Würden wir Kinder töten können? Diese Frage muß sich Jenny, stellvertretend für den Zuschauer, stellen. Es ist dieser bittere Subtext über kindliche Gewalt (die man auch sozialgesellschaftlich sehen kann: Die brutalen Jugendbanden-Kriege in London reißen die Backwood-Fiktion des Filmes beängstigend nahe in die triste Realität), die EDEN LAKE vom üblichen Genre-Allerlei abhebt. Das dabei auf allzu graphische Gewaltszenen verzichtet wird, verstärkt die immens erschütternde Wirkung des Filmes nur noch: Ohne grotesken Splatter wirkt das Szenario nur noch glaubwürdiger (was jetzt aber nicht heißt, dass es hier harmlos zugeht - Stichwort: Stacheldraht) .
Der Film zeigt überdies noch Folgendes auf:
Moralisch abgestumpfte Jugendliche (gilt natürlich auch für andere relevante Peer-Gruppen) sind unter dem Zwang der Gruppe stehend besonders gefährlich: So ist es in EDEN LAKE vor allem der 17jährige Anführer, der die anderen Kids anstiftet. Besonders deutlich wird das in einem grausigen Initiationsritual, in welchem schließlich alle Hemmungen fallen.
Das Ende des Films setzt dann noch eine besonders markante Duftmarke, welche deutlich macht, wer für die fehlgeleitete Entwicklung der Kids letztendlich verantwortlich ist. Gleichzeitig deprimiert es ungemein und zeigt auf politisch inkorrekte Weise nocheinmal deutlich, dass das Prinzip von "gerechter Gewalt" in diesem narrativen Szenario nicht gilt.
Dies ist kein "High Tension", wo Johlen und Klatschen bei den Splatterszenen schon o.k. ging. EDEN LAKE ist ein bitteres Ken Loach-Sozialdrama unter dem Deckmantel eines 08/15-Backwood-Survival-Thrillers.
Auch wenn EDEN LAKE sich ein paar wenige Klischees (das ewige Durch-den-Wald-Hetzen) nicht verkneifen kann:
Regie-Debütant James Watkins (demnächst: "The Descent 2") ist ein knallhartes Stück Kino gelungen, das noch lange nachwirkt!
9,5/10
P.S.: Weniger bedingt durch seine Gewaltszenen, aber aufgrund des Kontextes und der moralischen Ambivalenz wegen, wird dieser Film es sehr schwer haben, uncut bei der FSK durchzukommen.