"Das sind doch nur Kinder!"
Spätestens nach "Saw" zeichnete sich der Trend zu immer härter werdenden Horrorfilmen ab. Nachdem die Franzosen mit "Frontier(s)" und "Inside" einen europäischen Beitrag hinzu fügten setzt England nun mit "Eden Lake" auf das gleiche Pferd... aber auf eine andere Weise.
Die Grundschullehrerin Jenny (Kelly Reilly) und ihr Freund Steve (Michael Fassbender) wollen ein ruhiges Wochenende an dem idyllischen Waldsee Eden Lake verbringen. Doch der ruhige Wochenendausflug wird bereits schnell von einer Gruppe verrohter Jugendlicher gestört. Während es sich am ersten Tag noch auf halbstarke Bemerkungen begrenzt folgt am zweiten ein Handgemenge in welchem Steve den Rottweiler des Anführers der Clique versehentlich ersticht. Die Situation eskaliert und das Pärchen flieht durch den Wald um sich vor den aggressiven Teenagern zu verstecken.
Im Grunde beginnt "Eden Lake" sehr vorhersehbar und unoriginell, so wie schon viele Horrorfilme vorher. Die eingangs übermäßig zelebrierte heile Welt Stimmung weicht einer bedrohlichen, aggressiven. Vorhersehbare Schreckeffekte, unheimliche Atemgeräusche und beobachtende Kameraperspektiven locken den Zuschauer auf eine falsche Fährte. Denn "Eden Lake" ist vielmehr ein Überlebensthriller mit einem unangenehmen Thema.
Provokativ lenkt Regisseur James Watkins den Blick auf einen Gegner, der absolut unscheinbar erscheint und bereits im eher mäßigen "King of the Hill" Verwendung fand: Dem perspektivenlosen Jugendlichen. Im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Killer in Horrorfilmen brauchen die dargestellten Heranwachsenden keinerlei Intention zur Gewaltbereitschaft. Innere Unzufriedenheit und der Hass auf die Gesellschaft sind Grund genug für eine eskalierende Mordlust, die einzig vom beherrschenden Anführer ausgeht und seine Clique zum Gruppenzwang motiviert.
In einer Welt bedroht von Amokläufen, dominierter Kälte und Gefühllosigkeit ist die Frage nach dem Warum eine grundlegende und viel gestellte. "Eden Lake" bietet eine unangenehme Antwort auf diese. So ist es die Herkunft der Heranwachsenden die verstörend auf sie einlenkt und mitverantwortlich ist: Die Familie.
Der Fakt der angewandten Grausamkeit der von Kindern bzw. Jugendlichen ausgeht, macht den Film erschreckender als er eigentlich ist. Visuell explizite Gewaltdarstellungen gibt es nur wenige, dafür wirken die spärlichen Gewaltspitzen umso schockierender. Dies liegt an dem nachvollziehbaren Schmerz den die Figuren erleiden müssen. Schnittwunden und Splitter im Körper sind eindeutig fühlbarer als abgetrennte Körperteile.
Grandios sind auch die die nicht erwarteten Handlungen der Figuren die leider nicht alle glaubwürdig, dafür aber umso menschlicher wirken. Obwohl die Charakterzeichnungen minimal ausfallen, schafft es der Film eine Bindung zwischen den Protagonisten und dem Publikum herzustellen. Die Situation wirkt wie aus dem Leben gegriffen und erinnert an durchaus ähnliche an heutigen Schulen oder U-Bahn Stationen.
Über was man sicher streiten kann ist das Ende des Films, denn dieses ist unbefriedigend und womöglich zu schwer verdaulich. Wobei das ausbleiben eines Rachefeldzug sicher eher der realistischen Aussagekraft und der sozialkritischen Botschaft am Schluss zu Gute kommt, als eine radikale Auflösung.
Handwerklich und dramaturgisch ist "Eden Lake" ganz großes Terrorkino. Von der ersten halben Stunde ausgenommen befindet sich das Tempo auf hohem Niveau und die Effekte im glaubwürdigen Bereich. Durch die Nähe zu den Charakteren bildet sich eine unglaublich dichte Atmosphäre. Zu kaum einem Zeitpunkt lässt die immense Spannung nach.
Die Darsteller sind durchweg überzeugend. Gerade im Bezug auf die Jungdarsteller ist dies ein großes Plus. Die unbekannten Gesichter tragen einen Großteil zum Realismus bei. Kelly Reilly hält sich für eine tragende Rolle wohlwollend zurück und präsentiert eine glaubwürdige, panische Gejagte. Als einzig namhafter Schauspieler in der Runde verbreitet der deutsche Michael Fassbender ("300", "Band of Brothers") seinen gewohnten Charme.
Durch seine beklemmende Atmosphäre, beispiellose Spannung und einem provokantem Thema bleibt "Eden Lake" auch nach dem sehen noch im Kopf hängen. Vorausgesetzt man lässt sich als Zuschauer darauf ein und erwartet kein stumpfsinniges Gemetzel. Dieses bietet der Horrothriller nämlich nicht. Technisch einwandfrei präsentiertes Terrorkino was zum größten Teil, aber nicht immer, glaubwürdig ist und mit einem diskutablen Ende schockt.
8 / 10