Review

Es ist wieder mal soweit, ein Raunen geht durchs Genre und weht stürmisch durchs Internet, wenn der neue kranke Shit der jeweiligen Produktionssaison sich endlich bei breiten Fanschichten durchgesetzt hat.
Diesjährig ganz sicher nominiert ist „Eden Lake“, ein kleiner Film, der sichtlich davon profitiert, daß er ein verstörendes Thema anpackt bzw. dieses ausbeutet, zum Glück nicht allzu grob: Gewalt von Kindern und damit verbunden Gewalt gegen Kinder.

Die simple Story hinter dem Aufreißer: ein urlaubendes Paar im naturbelassenen britischen Hinterland legt sich um des schönen Friedens Willen mit einer Gruppe Jugendlicher an, die nicht unbedingt sozial miteinander umgeht und für die Recht und/oder Ordnung eine Sache eigener Entscheidungsgewalt ist. Wie es kommen muß: irgendwann eskaliert der Konflikt, Blut fließt, eine Verfolgung beginnt und schon bald räumt man lieber Zeugen aus dem Weg, bevor man selbst dran ist. Die Menschenjagd ist eröffnet.

James Watkins, der dieses kleine fiese Filmchen verbrochen hat, ist, und dafür sollte man dankbar sein, nicht daran interessiert, auch noch das letzte brachiale Detail vorzukramen, was die Filmgeschichte für solche Fälle in petto hat, so daß der letzte leise Realitätsanspruch in irgendwelchen Blutorgien untergeht.
„Eden Lake“ ist auf perverse Art und Weise eines, nämlich folgerichtig und besteht eigentlich weniger aus Aktionen, sondern nur aus Reaktionen, die dann auch noch fast alle Fehlentscheidungen sind.

Jenny und Steve, unser junges Pärchen, sind eigentlich weder die absoluten Konservativen, noch lassen sie es an gutem Benehmen mangeln, doch sein Beharren auf gegenseitiger Rücksichtnahme provoziert natürlich gerade die Jugendlichen, die sich selbst genügen müssen und sich in der Handygeneration zu kleinen asozialen Monstern entwickelt haben, obwohl es ihnen an sich an nichts fehlt. Die Verrohung basiert im Wesentlichen wohl auf mangelndem elterlichen oder erzieherischen Zuspruch, wie das bösartige Finale andeutet, das zeigt, daß hier nur eine Generation das Erbe an die nächste weitergegeben hat – und niemand gewillt ist, etwas dazu zu lernen.

Watkins ist dabei erfreulich weit weg vom Gut-Böse-Schema. Jack O’Connell als Gruppenführer und Leitwolf Brett ist zwar in gewisser Weise ein kleiner Satan, aber sonst haben wir es hier nicht mit axtschwingenden Hinterwäldlern zu tun, sondern dann doch mit zweifelnden Jugendlichen, die sich schließlich unter Bedenken oder unter Tränen dem Gruppenzwang stellen müssen, weil sie eben nicht bestraft werden wollen. Dabei gehen die Teenies genauso gemein und grausam gegen die Ihrigen vor, wenn diese nicht spuren. Daraus entsteht der erste Mord, darauf wird irgendwann ein zweiter folgen und schließlich flieht Kelly Reilly als Karikatur eines Menschen durch das finstere Gehölz, badet praktisch in Exkrement und legt doch beachtlichen Überlebenswillen an den Tag, ohne jedoch in Rambo-Manismen zu verfallen. Ihre Gegenschlagsversuche mißlingen bezeichnend oder, so gerechtfertigt sie nach den Erlebnissen zu sein scheinen, treffen letztendlich die Falschen.

Natürlich ist das keine soziale Anklage hier, zumindest nicht im ersten Glied und so wird dann also doch ein Thriller daraus, der das Maximum an Anspannung aus der Situation rausholen will, die im Wesentlichen zwei Filme zitiert: den Öko-Thriller „Long Weekend“ (in Grundkonstellation, Ignorieren von Warnzeichen, Isolation von Stadtcharakteren in einer fremden Umgebung) und den Backwood-Klassiker „Deliverance“.
Besonders einfallsreich ist der Plot dabei nicht, seine Wirkung entfaltet er meistens dadurch, daß er Suspense-Situationen auswalzt oder man ahnen kann, was als Nächstes passiert, diese Unausweichlichkeit jedoch ziemlich anspannend und erdrückend herüber kommt. Die Härten bleiben auf einem sehr realistischen Level und gerade da ist es, was den Film in den Augen vieler Zuschauer eben erst „hart“ macht: Täter, Wirkung, Folgen, hier wurde sich mal nicht im großen Zufallsbuch der Survival-Filmgeschichte bedient.
Das fiese, kleine Finale rekapituliert dann auch folgerichtig eine frühere Situation im Film und läßt die Grenzen zwischen Opfer und Täter ein wenig verwischen – so gerät „Eden Lake“ zu einem spannenden Reißer, den man aber nicht wirklich mögen wird, weil er den Erzählkonventionen zuwider läuft und so mehr in die Minikategorie der neuen europäischen Härte gehört, die bisher den Franzosen gehörte.
Alles in allem ein nicht unwichtiger Exploiter, der überraschend unsympathisch wirkt, weil an der Situation aus nichts Schönes zu finden ist. Die Idylle trügt. Ich mag ihn nicht – aber das heißt nicht, daß er nicht hochwirksam ist. (7/10)

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