Review

So gar nicht idyllisch

„Eden Lake“ klingt sehr idyllisch... Wie ein wunderschöner Tag am See, an dem man seine Sorgen vergisst und die Seele baumeln lässt. Dies trifft auf den gleichnamigen Film allerdings so gar nicht zu. Die Intention der beiden Protagonisten Jenny (Kelly Reilly) und Steve (Michael Fassbender) beschreibt der Satz allerdings ziemlich genau. Einfach mal ins Grüne, die Großstadt hinter sich lassen. Was die Beiden erwartet, ist allerdings die reine und pure Hölle. Dieser kurze Abriss des Filminhalts klingt eigentlich überhaupt nicht originell, erwartet man doch in der Regel einen amerikanischen Backwood-Slasher dahinter. „Eden Lake“ ist aber anders. Zum Einen spielt der Film in Großbritannien und entstand auch dort. Zum Anderen geht das Grauen nicht Backwood-Slasher-typisch von degenierten Hinterwäldlern aus, sondern von Kindern. Jenny, von Beruf Pädagogin in der sicheren Großstadt, beschäftigt sich tagtäglich mit kleinen Kindern. Um so ironischer, dass Jugendliche ihren Trip ins Grüne zu einem Höllentrip werden lassen.

Der Mord an Kindern gilt im Kino immer noch als Tabubruch. *SPOILER ANFANG* Wenn sich Jenny am Ende an einigen der Jugendlichen rächen wird, wirkt die Handlung auf den Zuschauer beinahe verständlich, aber trotzdem nicht richtig.*SPOILER ENDE* Zwar eskaliert der Konflikt zwischen dem Großstadtpärchen und der Jugendgang recht schnell und dann machen die britischen Jungs kaum noch Halt mehr, was Gewalt angeht, doch sie bleiben bei aller Grausamkeit dennoch Jugendliche und Kinder. In einer typischen amerikanischen Slasher-Produktion würde sich die Handlung wohl zu einem Revenge-Thriller entwickeln, in der der Zuschauer zum Mittäter wird, weil er sich an der besonders blutigen Rache des gequälten Opfers ergötzt. „Eden Lake“ ist anders. Es gibt buchstäblich keine Gewinner. Die Taten der Gang sind unangenehm, genau wie die Verluste auf der anderen Seite. Genau diese Ambivalenz und Abweichung von den Trampelpfaden des Genrefilms machen aus „Eden Lake“ schockierendes, wie unbequemes Kino. Regisseur James Watkins zeichnet in seinem Regiedebüt eher mit Grautönen, als mit Schwarz und Weiß. Genau dies zeichnet „Eden Lake“ aus und macht den Film zu etwas Besonderem.

Auch die Darsteller wirken überhaupt nicht amerikanisch. Kelly Reilly liefert eine tolle Leistung. Sie ist eine natürliche Schönheit und kann in den romantischen, wie nervenaufreibenden physischen Szenen überzeugen. Selten wirkte eine Scream-Queen so lebensnah, wie hier. Man sieht ihr in feinen Nuancen das Grauen an, in das sie mehr und mehr hereinstolpert. Auch der gebürtige Heidelberger Michael Fassbender füllt seinen Charakter mit viel Leben. Sein Rollentypus entspricht noch am ehesten den klassischen Horror-Regeln, doch er vermeidet zu große Klischees in seinem Spiel, das ebenso realistisch wirkt. Ein großes Kompliment muß man aber vor allem den jugendlichen Darstellern der Gang machen. Bis zu einem gewissen Punkt meint man ganz normale (also rüpelhafte) britische Jugendliche vor sich zu haben. Nachdem der Konflikt allerdings eskaliert, entwickelt sich in der Gang eine nachvollziehbare und gut gespielte Gruppendynamik, die das folgende Grauen erst ermöglicht. Auch wenn viele der Jugendlichen im Verlaufe des Films für den Zuschauer immer unerträglicher werden, bleiben es Kinder. Dies wird von der Gruppe wunderbar dargestellt.

„Eden Lake“ ist ein nervenzerrender Thriller der unangenehmen Sorte. Er ist zwar blutig, ergötzt sich aber zu keiner Zeit an diesen Szenen. Vielmehr ist man als Zuschauer oft schockiert und tragisch berührt. Insofern ist „Eden Lake“ zwar ein Horrorfilm, aber meilenweit davon entfernt, ein „Partyfilm“ zu sein. Nach dem Sichten bleibt vielmehr ein Kloß im Hals stecken. Zwar hat der Film am Ende (beinahe slashertypisch) einen „Clou“ (der hier nicht verraten wird), doch dieser fällt intelligenter und dunkler aus, als es sich Hollywoods Vertreter dieses Genres trauen würden. „Eden Lake“ ist gerade wegen dieser unbequemen Eigenschaften ein besonders interessanter Vertreter des Terrorfilms, dem man seine europäische Herkunft auf angenehme Art und Weise anmerkt und der aus den genannten Gründen besonders sehenswert ist!

Fazit:

8 / 10

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