Review

Der Kontrast zur nivellierten Natur ist der Mensch mit all seinen Ausschweifungen und dem urtümlichen Wunsch nach irreparabler Destruktion - Diese Schlussfolgerung vermittelt der vorliegende Film aus England, dessen Sozialkritik so beißend wie Salz in den Augen ist.

Schaut man sich EDEN LAKE an, weiß man, wohin Gruppenzwang führen kann ... Der Anfang fährt harmlos und harmonisch auf, bis sich irgendwann ein Funken Kakophonie erkennbar macht und immer größere Ausmaße annimmt.

Story: Jenny und Steven machen einen Wochenendtrip - Raus aus der Stadt, weg vom Alltag. Ziel ist der romantische Eden Lake, ein Paradies der beseelten Natur, welches von schier endlosen Wäldern umreiht, irgendwo im Hinterland liegt. Kaum dort angekommen, muss man feststellen, dass die Luft, die man einatmet, mit einer Gruppe randalierender Jugendlicher geteilt werden muss, die ihre restlose Zeit hauptsächlich damit verbringen, Schikanen an das Pärchen zu tragen. Waren es noch anfänglich harmlose Streiche und Injurationen, führen diese immediat zur Eskalation, nachdem der lärmende Hund des Klanführers bei einer vom selbigem provozierten Rangelei lebensgefährlich mit einem Messer verletzt wird und stirbt. Von nun an begibt man sich auf obsessive Menschenjagd, die für die beiden Erwachsenen in einem survivalistischen Katz- und Mausspiel endet.

Die Erzählung von EDEN LAKE ließ den Ablauf perlusorischerweise auf ein Rape-and-Revenge-Movie hinauslaufen, was er letzten Endes nicht war. Es blieb der blanke Survival-Horror, der seine fehlende zweite Gesichtshälfte erst kurz vor dem Abspann offen, unverfälscht und komplettierend auf den Tisch legt. Die Unbehaglichkeit steht bei jeder Konfrontation drückend wie ein Geist im Raum und als der Köter dann getötet wird, weiß der Zuschauer natürlich noch nicht, welch' subversive Brisanz auf ihn zukommt.

Sozialkritisch ist er alle Male. EDEN LAKE. Was ihn aber dann noch von der standardisierten Filmnarration unterscheidet, ist sein Finale - Es gibt, genau wie bei FUNNY GAMES, kein Happy End. Das Ergebnis: Verstörung pur. Den Abspann verbringt man in gänzlich kontemplativem Grübeln sowie einem schlechten Gewissen. Die Halbwüchsigen geizen nicht mit Skrupellosigkeit und Gewalttaten: Es werden Penisse ausgepackt, Messer in Mundhöhlen gerammt, Leute in Ketten gelegt, aufgeschnitten und wie Hexen im Mittelalter auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Die opake Dynamik des Streifens sorgt stetig für Eklate und dogmatisiert sämtliche Greueltaten in einem sozialkritischen Gewand der Malignität. Splatter fließt nur vereinzelt inform von gehobeneren Slashereffekten ein, welche sich als Schnittwunden und Durchspießungen behaupten können. Subversiv spielt der Film aber in der Oberliga. Die Slashereinlagen funktionieren wirklichkeitsnah und schockant, da immer im richtigen Moment platziert. Höhepunkt ist wohl die Folterszene von Steve, bei welcher Jenny wehmütig zusehen muss, wie dieser zahlreiche Schnitte von den Jugendlichen über sich ergehen lassen muss ... Hier ist nichts banal dargestellt. Alles wirkt hautnah und bestürzend. Ich verspürte wie noch nie zuvor ein regelrechtes Hassgefühl gegen die Filmbösewichte. Das ist mir noch niemals widerfahren ...

Die schöne Kelly Reilly beweist ordentlich Kampfgeist und spielt in jeder einzelnen Sequenz mit der richtigen Profundität. Immer wieder gelangt sie an Kameraden, Verwandte und Drahtzieher der Kinderbande - Am bitteren Ende sogar zu deren Eltern, die keine Skrupel haben, ebenso wie ihr Nachwuchs zu handeln. Die sozialen Missstände sind in diesem Film sehr hoch angelegt worden und dürften mit der richtigen Intensität in die Fresse mainstreamorientierter Milchgesichter dreschen. Wenn man bedenkt, aus welcher Bagatelle die Situation überhaupt ihre eskalierende Wendung nahm, muss man sich schon ernsthaft fragen, wie weit der heutige Gruppenzwang unter Jugendlichen bereit ist, zu gehen.

Ich würde EDEN LAKE als psychologischen Thriller mit Backwoodhorror-Einschlag beschreiben. Er ist kalt, er ist kompromisslos und er ist rauh, wie ein ungeschliffener Diamant. Viele Fragen wirft der Film auf. Ob das Realitätsnähe ist, was man zu sehen bekommt? Ob Heranwachsende in krankhafter Ekstase soweit gehen können? Ob es beim Rückschlag die Falschen traf, sprich den blondhaarigen Jungen, den jüngsten der Clique, welcher immer wieder zurückschreckte und nur unfreiwillig die Befehle bzw. Greueltaten von Brett über Jennys Partner hat ergehen lassen? = Mit einer Glasscheibe in den Hals gestochen. Oder das Mädchen, dass stets alles mit der Handykamera einfing - Jeden Funken Schmerz, jeden Tropfen Blut? = Willkürlich mit dem Wagen überfahren ... NEIN! - Ich habe kein Reuegefühl gezeigt, als der Exitus einiger Kinder eintraf. Auf diese Momente habe ich nur gewartet! Arme Kelly Reilly, ... hat ganz schön viel mitgemacht bei all dem Blut, mit all dem Dreck und Schlamm angeschlagen durch den schier endlosen Hain zu laufen und dabei noch emotionalen Kampfgeist zu beweisen. Diese Meisterleistung macht sie für mich zu einer Schauspielerin par excellence. Man fiebert richtig mit bei der Hatz. Ihre Charakterstärke weiß merklich zu gefallen - Eine expressive Frau, die nicht wie andere in diesem Metier den Film in bodenlosem Geschrei versenkt. Der Zuschauer muss herzzerreißend mit ansehen, wie sich ihre Schönheit im Laufe des Filmes durch einen regelrechten Schwarzton zieht. Am Ende ist von ihrer Makellosigkeit und dem jungfräulich-weißen Kleid, dass sie trägt, nur ein Fetzen übrig, der Blut, Dreck und Verzweiflung mit sich schleppt ... Schade, dass sie am Ende nicht die Möglichkeit hat, das ihr und ihrem Freund angetane Szenario adäquat zu rächen. Das hatte mich, als der Abspann kam, sehr ruhelos gemacht. Ein dennoch erstaunliches Finale, welches feinfühligen Menschen den Arsch weghaut!

Schockmomente: (+) (+) (+) (+) (-)
Impulsivität: (+) (+) (+) (+) (-)
Splatter: (+) (+) (-) (-) (-)

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