Leonardo DiCaprio spielt einen CIA-Agenten, der nach Terroranschlägen in Europa im nahen Osten die verantwortliche Terrororganisation und deren Anführer sucht. Dabei wird er von Amerika aus von seinem Vorgesetzten, gespielt von Russel Crowe auf dem Laufenden gehalten. Als er schließlich wichtige Hinweise entdeckt und das Quartier der Terroristen ausfindig macht, ist er auf die Hilfe des jordanischen Geheimdiensts angewiesen, dessen Leiter, gespielt von Mark Strong, durchaus zur Kooperation bereit ist, bis die beiden feststellen müssen, dass Crowe auch andere Agenten auf die Terroristen angesetzt hat.
Kritisches Politkino, gerade im Bezug auf den Irakkrieg und den Kampf gegen den Terror, hat im Kino aktuell eher schlechte Karten, so konnten sowohl "Im Tal von Elah", "Von Löwen und Lämmern", als auch "Operation Kingdom" trotz überwiegend positiver Kritiken keine sonderlich hohen Einspielergebnisse feiern und auch Ridley Scotts " Der Mann, der niemals lebte" spielte in den USA am Startwochenende lediglich 13 Millionen Dollar ein, wichtig und gelungen ist der kritische Polit-Thriller dennoch.
Das mangelnde Verständnis der USA, in diesem Film vor allem durch den übergewichtigen, zynischen Russel Crowe repräsentiert, dem die Menschen im Nahen Osten im Prinzip egal sind, für die fremde Kultur und den Islam wird offen angesprochen, des Öfteren realistisch und denkwürdig dargestellt und dabei hervorragend kritisiert, wobei die Terroristen, die ohne Rücksicht auf Verluste Anschläge in Europa planen und ausführen, natürlich auch nicht besser wegkommen. Manch einer mag es im Kino als langweilig empfinden, dass einige Taktiken der Amerikaner fehlschlagen und sie daher des Öfteren neu ansetzen müssen, aber die Ahnungslosigkeit der Amerikaner, die auf der Suche nach Terroristen und Massenvernichtungswaffen im Irak mehr oder weniger im Dunkeln stochern wird hier ebenfalls offen und ehrlich kritisiert. Dass sich die Amerikaner dabei unglaublich ungeduldig verhalten, wird spätestens zu dem Zeitpunkt deutlich, als der jordanische Geheimdienst, der mit Sinn und Verstand vorgeht, statt mir modernster Elektronik und aggressiven Methoden, deutlich bessere Resultate bei der Terroristenjagd erreicht, wobei auch die Jordanier wegen ihrer brutalen Foltermethoden alles andere als gut wegkommen.
Die Verhältnisse im Nahen Osten werden rundum realistisch dargestellt und die Einheimischen dabei keineswegs über einen Kamm geschoren. Einige Nebenfiguren, wie z.B. die Krankenschwester Aisha, in die sich DiCaprio verliebt, werden geschickt in die Handlung verwoben und so entsteht ein durchaus gelungenes und klischeefreies Bild von der irakischen Bevölkerung. Die Charakterkonstruktion der Hauptfigur, die von DiCaprio gemimt wird, ist dabei ebenfalls gut gelungen, einerseits möchte auch er die Terroristen aufspüren und wegsperren und setzt dabei teilweise auf menschenverachtende und brutale Methoden, andererseits beherrscht er die arabische Sprache, verliebt sich in eine Einheimische, bringt ein gewisses Verständnis für die Kultur mit und zweifelt an den Methoden seines Chefs, der von Amerika aus mehrere Menschen töten und foltern lässt, während er seine Kinder zur Schule fährt und dabei vor nichts zurückschreckt. Die Handlung an sich ist dabei unvorhersehbar, hat stellenweise vielleicht ein paar Wendungen zu viel und nimmt anfangs nur sehr behäbig an Fahrt auf, mit der Kritik am Verhalten der Amerikaner im Irak ist die Story aber dennoch überaus gelungen.
Ridley Scott ist bekanntermaßen ein handwerklich enorm versierter Regisseur, egal ob die düsteren Alptraumwelten in "Alien", die dunklen und edlen Bilder in "American Gangster" oder die monumentale, gewaltige Bebilderung in "Gladiator", optisch gelingt ihm einfach alles und das gilt auch für "Der Mann der niemals lebte". Die zahlreichen Kulissen, von Europa, von Amerika und vom Nahen Osten sind hervorragend in Szene gesetzt und sorgen für einen hohen Schauwert. Einige Städte werden im Panorama aufgenommen und auch in den eher schwierig zu überschauenden Städten in Jordanien behält er zu jedem Zeitpunkt die Übersicht. Hinzu kommen noch ein paar kleinere Action-Szenen, die allesamt in der eher zähen ersten Hälfte des Films gezeigt werden und ebenfalls voll und ganz überzeugen. Auch Scott verwendet, wie es im Action-Kino ein immer deutlicherer Trend zu werden scheint, Handkameras für die Action-Sequenzen, behält aber die Übersicht und bringt sie gekonnt auf die Leinwand. Hinzu kommen noch die technischen Spielereien der Amerikaner, Computereinstellungen, Satellitenaufnahmen von oben, wobei solche Bilder im Genre mittlerweile eher zum Standart gehören. Scott hält die Dialoge eher kurz, springt häufig zwischen seinen Schauplätzen und so ist vor allem die erste Hälfte des Films nicht so unterhaltsam, wie sie sein könnte, vielleicht hätten eine gespannte Atmosphäre und ein spannenderer Score dem Film hier gut getan, dafür gewinnt "Der Mann, der niemals lebte" aber in der zweite Hälfte immer deutlicher an Fahrt, bis hin zum spannenden Herzschlagfinale. Scott baut also permanent Spannung und Dramatik auf und liefert, wie schon so oft einen rundum gelungenen Film ab. Handwerklich ist "Der Mann, der niemals lebte" also gewohnt stark und einmal mehr ein Beweis für Ridley Scotts Routine.
"Blood Diamond", "Catch me if you can", "Departed", "Gangs of New York" und "Aviator" waren die letzten fünf Spielfilme von Leonardo DiCaprio und das waren definitiv fünf überaus gelungene und allesamt mehrfach Oscar-nominierte Filme in Folge und mit "Der Mann der niemals lebte" ist DiCaprio also erneut in einem hervorragenden Film zu sehen und brilliert einmal mehr. Ähnlich wie in seinen beiden letzten Rollen überzeugt er dabei mit seinem starken und rundum überzeugenden Spiel und verleiht seiner Figur des knallharten CIA-Agenten die nötige Tiefe und besticht dabei durch eine hohe Leinwandpräsenz. Russel Crowe überzeugt als zynischer CIA-Agent voll und ganz, ist aber wie schon in "American Gangster" in einer eher potentiallosen Rolle untergebracht und das obwohl Ridley Scott ihn in ihrer nunmehr vierten Zusammenarbeit eigentlich besser hätte ausspielen sollen. Auffällig ist er deshalb einzig und allein durch seine zynischen Bemerkungen, mit denen er durchaus einige Lacher verbuchen kann. Der übrige Cast, in dem vor allem Mark Strong als beängstigender, aber enorm charismatischer jordanischer Geheimdienstleiter überzeugen kann, ist ebenfalls gut.
Fazit:
"Der Mann, der niemals lebte" ist ein rundum gelungener Polit-Thriller, der offen, ehrlich und realistisch aufzeigt, wie die Amerikaner auf der Jagd nach Terroristen im Nahen Osten am laufenden Band die Menschenrechte verletzen und trotz ihrer modernen Überwachungstechnik im Dunkeln stochern. Mit dem hervorragenden Cast und der gewohnt starken Inszenierung von Ridley Scott wird der kritische Stoff gelungen auf die Leinwand gebracht, allerdings braucht der Film verhältnismäßig lang, bis er auf einen soliden Unterhaltungswert kommt, steigert sich dann aber stetig.
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