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Und, wie war die Leistungsschau des deutschen Films? - Ganz tolle Kostüme!
Frage und Antwort mögen etwas irritierend wirken, aber wenn es dann zu einem Gesamteindruck dieser deutschen Prestigeproduktion für den internationalen Markt kommt, dann bleiben schlußendlich nur die gute Ausstattung, die tollen Kostüme und der grimmige Look der Zeit des 30jährigen Kriegs übrig, der sich in seiner erdigen Dreckigkeit an Vorbilder wie Annaud anlehnt. Als Geschichte kann "Krabat" leider nicht überzeugen.

Natürlich ist Ottfried Preußlers Geschichte bzw. Märchen nicht eben der Stoff aus dem heitere Sommerblockbuster gemacht werden, es ist und bleibt eine düstere Geschichte über die Verlockungen, denen ein junger und verzweifelter Mann ausgesetzt ist, der sich in der Folge zwischen Gut und Böse entscheiden muß, als er vor die Wahl gestellt wird, ein Großer zu werden, was aber seine Menschlichkeit zerstören und andere Leben vernichten würde.
Der titelgebende Waisenjunge, wird von einem Müller in die Lehre genommen, der gleichzeitig ein praktizierender Schwarzmagier ist und alle seine zwölf Lehrjungen in die dunklen Künste einweist, auch wenn er seine Macht dem Pakt mit dem Teufel verdankt, jährlich einen sehr Gesellen zu seinen eigenen Gunsten zu opfern. Aus dem Niemand wird ein Jemand, bis er mit den Konsequenzen seines Tuns konfrontiert wird und auf die Kraft der Liebe, des eigenen Herzens und des Guten zurückgreifen muß, um aus seiner Zwangslage herauszufinden.

Ein großes, ein ambitioniertes Projekt für einen aufstrebenden Regisseur wie Marco Kreuzpaintner, der offensichtlich mit ungeschöntem Realismus, einem angemessenen Budget und einigen namhaften Gesichtern endlich Großes leisten wollte, eine derbe und nichts beschönigende Story aus einer finsteren Zeit, eine moralische, wenn auch nicht moralisierende Geschichte mit leichten Fantasyaspekten (und einer Prise Grusel) und gleichzeitig eine Reise ins Erwachsenwerden.
Aber wer große Filme abliefern möchte, der muß natürlich auch Konzessionen an die Verdaulichkeit für ein spekulatives Millionenpublikum machen: es bedarf an verständlichen und nachvollziehbaren Charakteren, an einer adäquat entwickelten Steigerungs- und Spannungskurve, an Gefühl und Verstand und beeindruckenden Bildern, an brauchbar geschliffenen Dialogen.
"Krabat" jedoch hat nur wenig davon - Kreuzpaintner schleppt sich zwar realitätsgetreu, aber enorm leblos durch eine bleischwere Geschichte mit nur marginalen dramatischen Spitzen. Spätestens nach einer Dreiviertelstunde leblosen, staubigen Graus und Brauns hat auch der letzte Zuschauer die Intention verinnerlicht, während die verbindende (wenn auch schon für diesen Film aufgewertete) Figur des ihn später liebenden Mädchens nach kurzem Erscheinen für lange Zeit wieder verschwindet. Das Mysterium rund um die schwarze Mühle gestaltet das zähe Drehbuch als ebensolches, es dauert gehörige Zeit, bis die (eh schon ahnbare) Katze endlich aus dem Sack ist und sich die Gesellen auch mal an finsteren Zauberkunststückchen versuchen dürfen. Die wiederum fallen enorm unspektakulär aus, man läßt ein paar Stöcke schweben und verwandelt sich in Raben und schwebt durch die Lüft, womit wir es dann auch schon hätten - kaum ein Ansatz, der die Begeisterung für die dunkle Magie rechtfertigt.

Und dann ist da ja noch das dräuende Schicksal rund um das alljährliche Gesellenopfer, um den grollenden Meister mit der schweren Zunge ein weiteres Jahr am Leben zu erhalten. Diese Hypothek lastet nicht nur auf den Figuren, nein, auch auf den Zuschauern wird dieser Umstand breitgetreten, während die märchengesättigte, mürbe Onkelstimme von Otto Sander all das kommentiert, was die Schauspieler nicht auszudrücken vermögen.
Womit wir schon beim nächsten Schwachpunkt wären: die Routine, die Daniel Brühl in seiner Nebenrolle als Altgeselle wie nebenbei versprüht, findet keinerlei Entsprechung in dem verschenkten Einsatz von Robert Stadlober oder dem überzogenen Mephisto-Gedächtnis-Agieren, dem Christian Redl hier verfällt, während er wie ein Kettenraucher vor sich hinröchelt.
Am Schlimmsten schneidet aber leider die Hauptrolle ab: "Vorleser"-Star und Teenie-Butzelbär David Kross nuschelt und nölt sich mit beleidigtem Gesichtsausdruck durch die Titelfigur und schafft es nicht für fünf Sekunden, dem Identifikationsobjekt Sympathiewerte abzuringen. Stattdessen funkelt er meistens wütend mit den Augen (man wartet schon auf das trotzige Aufstampfen) und generiert dann später (immerhin vergehen innerfilmisch zwei Jahre, als Zuschauer kann man das gut nachfühlen!) mittels eines schmalen und unechten Oberlippenbärtchens nur noch hämisches Kichern.

Kein gutes Spiel, keine große Spannung - und mit Schauwerten ist es auch ziemlich essig, denn bis auf die soliden Transformationssequenzen in die Raben und die auf TV-Niveau angelegten Seelengeisterwanderungen kommt nichts Wachmachendes zum Tragen. Nicht einmal der Höhepunkt treibt das Adrenalin noch etwas nach oben, ein bißchen geisterhaftes Wirrwarr aus der Mottenkiste, dann fängt die Butze wie im hinterletzten TV-Movie natürlich Feuer, worin der Bösewicht verglüht. Besonders schäbig auch die einzige Actionsequenz, in der die Gesellen vollkommen unmotiviert mittels ihre Laufknüppel ein paar einfallende Landsknechte angreifen und so etwas wie eine Schlägerei simulieren, die aber komplett amateurhaft inszeniert wurde.

"Krabat" hat sicherlich viele Schulklassen in die Kinos gelockt, aber es ist ein dramaturgisch und visuell eher dem Fernsehen verhafteter Film geblieben, der liebend gern den Atem der großen Säle atmen würde, aber zumeist nur verkopft und provinziell wirkt, düster und endlos schwermütig, aber mit wenig Gehalt und Gefühl. Wo mehr Fremdschämen als Mitleiden angesagt ist, hat die Adaption hoffnungslos versagt und die besten deutschen Wünsche für ambitioniertes Kino vergehen im Mief vorweihnachtlicher Herbstkühle.
Da ist kein Glanz, kein Zauber, keine Magie, nicht einmal das diabolische Strahlen der Versuchung oder der naive Ansatz des osteuropäischen Märchenkinos, es ist einfach eine Moralgeschichte, die irre schwer im Magen liegt, weil sie mäßig gespielt und optisch unattraktiv und eintönig umgesetzt wurde. Authentisch mag sie sein, sorgfältig und realistisch, aber lebendig, was essentiell ist, ist sie nicht. (3/10)

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