"Sowas passiert einfach nicht!" Zu dem Zeitpunkt, als ich den Film mit zwei Freunden in einer Retrovorstellung sehen durfte und einem meiner beiden Mitstreiter dieser Satz erfuhr erlegte Joe Spinell gerade Tom Savini weidmännisch korrekt mit einem Blattschuss durch den Schädel, dessen ballistische Kraft eben jenen Grützekessel auf den Schultern des Effektaltmeisters in Fetzen riss, was besagter Freund (Ex - Schütze) lautstark bezweifelte. Aber auch in anderer Hinsicht passt dieser Ausspruch perfekt zu "Maniac": der ehemalige Indexsträfling aus der Regiestube von William Lustig und der Feder seines Hauptdarstellers Joe Spinell mag zwar mit mehr als einem Fuß im Grindhouse - Horror stehen, grast aber auch auf der dramatischen Wiese des Filmschaffens und zeigt in eindrucksvoll schmierigen Bildern, wie manch einer hinter verschlossenen Türen trotz oder gerade wegen andauernder sozialer Isolation die Puppen tanzen lässt.
Hier die Schaufensterpuppen, um genau zu sein: Der Vermieter Frank Zito (Spinell), ein dicklicher Einzelgänger mit Neigung zu Selbstgesprächen verbringt die Zeit zwischen seinen geschäftlichen Pflichten nämlich gerne mit jenen stummen Gesellinnen aus den New Yorker Schaufenstern, die er liebevoll nach eigenen Wünschen gestaltet und einkleidet. Weniger liebevoll hingegen in die Tatsache, dass für sein kurioses Hobby in regelmäßigen Abständen Frauen (und gelegentlich ein paar Männer) ins Gras beißen müssen. Der Clou seiner Kollektion: Die Frisuren seiner Mitbewohnerinnen sind die Skalps seiner Opfer.
Noch weniger Verständnis für sein Hobby als der geneigte Zuschauer dürfte allein Franks Mutter haben, die in seinen Wahnvorstellungen immer noch quicklebendig sein Leben bestimmen will und in bester Norman Bates - Tradition gleichzeitig die Wurzel allen übel darstellt: Das alte Ekelpaket hat unseren gebeutelten Protagonisten als Kind für jede noch so geringe Verfehlung geprügelt, eingesperrt, anderweitig misshandelt und Frankie somit zu einem gestörten Außenseiter herangezogen, der sozial absolut unbedarft durch sein tristes Scheißleben watet. Eine Besserung der Situation tritt mit der Bekanntschaft mit Fotografin Anna nur kurz ein und schnell stellen wir fest, dass Frank schon zu tief in seinem Sog aus Einsamkeit und Gewalt steckt, um sich noch lange in der Realität halten zu können.
"Sowas passiert einfach nicht!" Doch, tut es. Meist wird es nur recht gefällig aufbereitet: in True Crime - Dokus oder lustigen kleinen Horrorfilmchen, schnell genießbaren Zeitungsartikeln, über die der Normalo staunen und verwundert den Kopf schütteln darf. "Maniac" hingegen ist alles andere als gefällig und bespritzt die Leinwand von Minute Eins mit Dreck, Blut und Schweiß. Der Serienkiller als psychisch demolierte arme Socke ist mitnichten ein neues Konzept und heutzutage ein echt unangenehmes Klischee, funktioniert aber hier hervorragend. Man wünscht dem Protagonisten ein Aufwachen dieser Hölle, ein Ende seines Mordverlangens, dass nie kommen wird.
Die Kamera fängt dabei jeden noch so irren Blick Spinells ein, dessen Apartment / Puppenwerkstatt übrigens der Punkvariante eines Argentosets gleicht. Die Morde des Maniacs sind im Übrigen sehr episodisch gehalten, die Opfer uns und ihm vollkommen fremd. Hinzu kommt die Neigung, Frauen als Ware zu sehen und nach seinen Belieben rumposen zu lassen wie in Katalogen. Die geifernde Bestie ist in diesem Fall auch ein naives Kind, dass zwischen der Fiktion der Werbung und der harschen Realität nicht unterscheiden kann, flüchtet sich sogar regelrecht dort hinein.
"Maniac" ist ein großartiger Vertreter seiner Zunft. Ob als psychologischer Abstieg in das Hirn eines Killers oder einfach als splattriges Schauerstück für einen unterhaltsamen Abend muss jede/r für sich selbst entscheiden, ebenso wie sich vor dem Sehen die Frage gestellt werden sollte, ob das Erlebnis es einem selbst Wert ist, von Lustig und Spinell mit dem mentalen Messingschlagring durchgewalkt zu werden. Mir war es das schon damals mit knapp 17 Wert und bis heute bereuhe ich nicht.