„Wenn man jung ist, erlebt man Momente, die so voller Glück sind, dass man denkt, man lebt an einem verzauberten Ort – so, wie es vielleicht Atlantis war. Dann wachsen wir heran und unsere Herzen brechen entzwei.“
„Hearts In Atlantis“ von US-Regisseur Scott Hicks basiert auf Stephen King’s Spin-Off aus der Dunkle-Turm-Saga “Atlantis”, genauer: auf der darin enthaltenen Novelle „Niedere Männer in gelben Mänteln“, die ich nicht kenne und diesen Film daher vollkommen unbefangen ansehen konnte. Sämtliche Vergleiche mit der Literaturgrundlage sollte man sich aber vermutlich ohnehin von vornherein sparen, denn sicherlich wurde auch hier wieder stark abstrahiert, allein schon, um die Geschichte von den übrigen „Atlantis“-Novellen loslösen zu können. So beginnt der Film mit einem in der Gegenwart spielenden Prolog, um bis zum Epilog in einer ausgdehnten Rückblende seine Geschichte erzählen zu können, die im Jahre 1960 angesiedelt wurde und den elfjährigen Bobby Garfield in den Mittelpunkt stellt, der mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammenlebt und eines Tages mit Ted Brautigan (Anthony Hopkins) einen neuen, geheimnisvollen Nachbarn bekommt. Dieser unterstützt und inspiriert Bobby und trägt zu entscheidenden Veränderungen in dessen Leben bei.
Die Handlung ist dabei zumindest für King-Verhältnisse eigentlich wenig spektakulär, aber von Beginn der Rückblende an in wunderschöne Bilder, eingefangen von einer Kamera mit ausgeprägtem Gespür für stimmungsvolle Panoramen, und großartige 1960er-Atmosphäre verpackt worden, dass man sich als Freund jenes Zeitabschnitts sofort wohl fühlt und die Zeitreise mit ihren liebevollen, authentisch wirkenden Kulissen genießt. Der Soundtrack besteht aus herrlichen alten Rock’n’Roll-Stücken („The Twist“), Schnulzen („Only You“) und Surf-Instrumentals („Sleepwalk“, eines meiner Lieblingsstücke und nach „Schlafwandler“ bereits die mind. zweite Verwendung in einer King-Verfilmung), und doch hat „Hearts In Atlantis“ nicht viel mit kitschiger Nostalgie gemein. Im Prinzip könnte man „Hearts In Atlantis“ als eine Art „Coming of age“-Drama mit ein paar zurückhaltend eingesetzten phantastischen, mystischen Elementen bezeichnen.
So hat es ein Kind einer alleinerziehenden Mutter in den USA des Jahres 1960 naturgemäß nicht unbedingt leicht, schon gar nicht, wenn auch noch ein paar Rowdys einem das Leben schwer machen und Geld Mangelware ist. „Hearts In Atlantis“ thematisiert darüber hinaus Gewalt gegen Frauen, Mutter-Kind-Konflikte und – besonders gewitzt – die Kommunisten-Paranoia jener Epoche, die Freunde von Science-Fiction-Filmen vermutlich sofort an die entsprechenden Invasorenfilme denken lassen, wenn Brautigan durch Zeitungsmeldungen erfährt, dass sich das Netz um ihn immer enger zieht. Aber auch die erste Liebe ist Bestandteil der Geschichte, denn Bobby verliebt sich in Carol (Mika Boorem). Was genau es mit dem anscheinend allwissenden, aber undurchsichtigen Ted Brautigan und den „niederen Männern“, die ihn verfolgen, auf sich hat, liegt dabei im Dunkeln und wird auch nich gelüftet. Daran dürften sich die Meinungen teilen; die einen werden es als unbefriedigend empfinden, da sie evtl. ihr Hauptaugenmerk auf diesen Teil der Geschichte gerichtet haben, anderen wird dieser Umstand Lust auf die Literaturvorlage machen, um dort mehr zu erfahren, und wieder andere geben sich damit zufrieden, lassen ihre Phantasie spielen und begrüßen die nicht erfolgte Entmystifizierung.
Ich würde zwar nicht so weit gehen, zu behaupten, „Hearts In Atlantis“ würde stehen und fallen mit Anthony Hopkins als Ted Brautigan, doch scheint er tatsächlich die ideale Besetzung für diese Rolle zu sein und macht definitiv einen großen Reiz aus, sich den Film anzusehen. Auch die Kinderdarsteller spielen glaubwürdig und überzeugend, wobei es im Falle Anton Yelchins als elfjährigem Bobby Garfield gelungen ist, ihm mit David Morse ein erwachsenes Alter Ego für Pro- und Epilog zur Seite zu stellen, das ihm tatsächlich ähnlich sieht. Für Jungdarsteller der Sorte „nicht nervig“ scheint man in King-Verfilmungen irgendwie immer ein glückliches Händchen zu haben.
„Hearts In Atlantis“ ist ein für king- und sixties-affine Zuschauer sentimentaler Wohlfühlfilm, der durch seinen bisweilen ungeschönten Realismus nie ernsthaft in Gefahr gerät, in kitschige Gefilde abzudriften. Wer besonders etwas mit „Es“ und „Stand By Me“ anfangen konnte, findet mit „Hearts In Atlantis“ eine edle Ergänzung. Ohne die Vorlage zu kennen, glaube ich, dass Kings Geist, seine Fähigkeit zu nichtverklärenden, differenziert-emotionalen Rückblicken in die Jugend und den besonderen Zauber jenes Lebensabschnitts, im Film wenig verfälscht wiedergegeben wird. Wer einen Horrorfilm erwartet, liegt hingegen völlig falsch.