Review

Das zwischen den X-Akten und uns Phillies, das ist Liebe und Romantik. Wir sind nostalgisch verklärt. Nachdem wir von unserer großen Liebe aus den 90ern schon seit sechs Jahren nichts gehört haben, wird plötzlich wie aus dem Nichts ein erstes Lebenszeichen gesendet. Als würde Mulder von seiner Schwester unverhofft eine SMS bekommen: “Mach dir keine Sorgen, mir geht’s gut. Wir sehen uns schon bald wieder, verlass dich drauf”. Erste Trailer werden veröffentlicht, man sieht praktisch nichts, bloß diese typisch fröstelnde Chris-Carter-Atmosphäre und einen David Duchovny, der im Anzug einen Gang entlanggeht, ein paar FBI-Büros, etwas Schnee.

Das genügt, unsereins ist längst am Haken. Die Forschesten von uns gieren ungefragt ins Kino, die meisten jedoch kehren mit hängendem Kopf zurück und warnen die weniger Forschen. Was ist passiert?

Ein Wiedersehen stellt man sich halt einfach anders vor. Man hörte ja schon im Vorfeld, dass das Skript zu “Jenseits der Wahrheit” in sich abgeschlossen sein sollte. Wie die Monster-of-the-Week-Episoden eben. Dass die Mythologie der Serie allerdings derart brutal abgebunden werden würde, hatte sich der größte Pessimist nicht zu träumen gewagt. Ein komplettes Jahrzehnt lang knisterte das Feuer zwischen Agent Mulder und Agent Scully. Inzwischen macht Scully aber schon Witze über Mulders Penis und anschließend gibt’s Beziehungsstress pur (aber nicht wegen der Witze). Der Serie wird gewaltsam ausgerechnet das Standbein weggerissen, das man gerade nach dieser langen Zeit der Abstinenz gebraucht hatte. Beziehungsprobleme sind unromantisch, das Wiedersehen mit den alten Bekannten ist es folglich auch. Dumm gelaufen, statt der Déjà Vu-Schauerzyklen, die man sich schon mal insgeheim ausgemalt hatte, gibt’s bedröppelte Blicke des Fragens. Und das trotz der hochwertigen, herrlich kühlen, geerdeten Bilder, die Chris Carter da einfangen lässt und die für sich genommen normalerweise schon Anstoß genug sein müssten, in Nostalgie zu ertrinken.

Aber wir Freaks haben noch den geringsten Grund zu jammern. Auch wenn vieles, für das die X-Akten stehen, mit Füßen getreten wird, es sind halt immer noch Gillian Anderson und David Duchovny (minus Synchronsprecher Benjamin Völz), die uns da durch ihre Reunion führen, und denen ist man einfach nicht böse. Als dann Mitch Pileggi in einer schönen Introduktion auch noch die Leinwand betritt, ist man ja irgendwie doch ganz glücklich. Billy Connollys pädophiler Ex-Priester schmiegt sich ebenfalls ganz herrlich in das Universum ein und Amanda Peet ist eben auch mit ernster Miene eine Augenweide, hat allerdings so wenig zu tun, dass sie nur noch vom vollkommen arbeitslosen Xzibit unterboten wird. Und doch, wir Phillies, wir können wenigstens sagen, dass wir nicht unter Langeweile litten - zumindest wenn wir richtig Hardcore sind.

Das mag neben den atmosphärischen Bildern auch daran liegen, dass der Plot doch recht stimulierende Fragen aufwirft, die zwar kaum Extraterrestrisches an sich haben, aber doch Übersinnliches oder wenigstens Philosophisches im weitesten Sinne. Dahingehend ist Connollys Figur die Interessanteste. Pater Joe ist Signum einer Aufspaltung von Trieb und freiem Willen, was die Überlegung aufwirft, wer oder was für den Trieb verantwortlich ist (Gott?). Dass im Verlauf der Geschichte die Menschen es sind, die Gott spielen, verankert die um diesen Themenkomplex kreisenden philosophischen Grundfragen mit realistischen Themen (Stichwort Organhandel). Der Subplot um Scullys Patienten, ein todkrankes Kind, soll sich damit verbinden. Was sich in der Theorie aber so reizvoll anhört, dem versagt die Umsetzung in der Praxis oftmals eigentlich schon fast das Existenzrecht; die Ansätze bleiben zu vage, um intensiv zum Nachdenken anzuregen. Der Mythologie, ganz nebenbei, wird dann auch kaum mehr Neues hinzugefügt.

Doch genug von uns Phillies, sollte der zweite Kinofilm nach dem verschachtelten ersten Film doch schließlich vor allem die Gelegenheitsgucker und Abstinenzler anlocken. Paradoxerweise war aber “Akte X - Der Film” wesentlich mitreißender inszeniert. Da hatte es fiese Alienbiester, eine in besten Breitbildpanorama eingefangene Bienenfarm in einem Maisfeld und ein gigantisches Raumschiff. Das Budget ist das eine, die Spannungsschraube das andere; Fakt ist, hat man nicht den Strohhalm des Bekannten, an dem man sich festklammern kann, so wird man als Fremdling von den beiden Ex-Agenten nicht gerade zum Ringelpiez eingeladen. Die Schauwerte fehlen komplett, es sei denn, man versteht das Unspektakuläre als Schauwert, und das können bloß jene, denen es reicht, die fachgerecht kostümierten Scully (Hosenanzug) und Mulder (Anzug mit Mantel) in Carter’sche Bildsprache integriert zu sehen. Weshalb man eine derart ereignisarme und unspektakuläre Storyline auswählte, die sich als 45-Minüter vielleicht gar nicht so schlecht gemacht hätte, bleibt das Geheimnis der Macher. Hätte man dagegen den Sternstunden der Monster-of-the-Week-Geschichte nachgeeifert, wäre die Anbiederung an den Mainstream möglicherweise offensichtlicher gewesen, doch wir Phillies hätten es sicher verziehen.

So nun aber riecht das Comeback mehr nach Kompromiss als nach der propagierten Konsequenz. Dagegen hilft nicht mal das alte UFO-Poster, das, während sein Besitzer unter Gesichtsbehaarung verwildert, immer noch so matt glänzt wie im Piloten. Einer der wenigen Augenblicke, in denen die Romantik doch noch entflammt.

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