Review

Anmerkung: Diese Kritik bezieht sich auf eine modifizierte Version des Films. Im Rahmen der Bearbeitung durch "Chroma Key"-Mastermind Kevin Moore ist der Film hier in halber Geschwindigkeit abgespielt; zudem wurde die ursprüngliche Tonspur gegen einen Soundtrack vom "Graveyard Mountain Home"-Soundtrack ausgetauscht. Aus diesem Grund sehe ich von einer Bewertung ab.
Eine Kritik zur dazugehörigen CD werde ich für Interessierte der Zugehörigkeit halber noch unter die Filmkritik setzen.


Review zum Film
Der 50er-Jahre-Zeitgeist paust sich mit Hochdruck durch die verschlüsselten Bilder des streckenweise surreal anmutenden Kurzfilms von Arthur Swerdloff ab. Muss er, denn Gegenstand von “Age 13" ist eine Sozialstudie. In dessen Zentrum ein 13-jähriger Junge, umringt von primären und sekundären sozialen Institutionen, aus der Ordnung gerissen durch ein tragisches Ereignis (den Tod der Mutter). Nun werden die Institutionen erstmalig wahrgenommen und in einem Atemzug hinterfragt: was ist Andrews Stiefvater eigentlich für ein Mensch, was hat Andrew überhaupt mit seinen Klassenkameraden gemeinsam?

In realistischen Bildern, die immer wieder schleichend von psychedelischen Montagesequenzen durchkreuzt werden, wird die Perspektive der Jugend aufgearbeitet, die im Zuge der immensen Konzentration auf externe, sprich: außenpolitische Dinge selbst als interne “Dinge” immer wieder vergessen und auf sich alleine gestellt wird. Inmitten von Schuluniformen und Rorschachtests bleibt kein Platz für Individualismus - Psychologisches und Soziologisches wird massendeckend mit einem Kamm abgefertigt.
Stichwort Masse: Dass der Junge ausgerechnet mit Hilfe des Massenmediums Radio glaubt, seine Mutter zurückbringen zu können, ist ein Statement versus Einwegkommunikation, das die Hauptthese mit Nachdruck untermauert.

Der Film zeigt beobachtend, aber auch vorausblickend auf, worin der McCarthyismus zu jenem Zeitpunkt zu münden droht. Konzipiert als exemplarisches Muster mit dem Anspruch der Verallgemeinerung, endet die Geschichte immerhin mit einem Hoffnungsschimmer, wo sie bisweilen noch zu eskalieren drohte; der Zeigefinger wird nicht allzu weit erhoben. So kann man sich auf die durch Subtilität punktenden Surrealismen konzentrieren, die von einigen Ausnahmen abgesehen (Montage des Kopfes des Stiefvaters in das Muster des Rorschachtests) sehr organisch in den Plot eingebunden sind, der ansonsten seine Höhepunkte bereithält (Schulhofszene), aber auch die notwendigen Momente der Bedächtigkeit generiert.

Review zum Soundtrack
...und weiter und weiter driftet er ab vom ursprünglichen Kurs und sucht nach Gewässern, das sein Mutterschiff nicht einmal besuchen würde, wenn der Fliegende Holländer es höchstpersönlich absorbieren und hinüber tragen würde in die vernebelte See.

Kevin Moore und Chroma Key. Ein Mann findet endlich seinen Frieden und zunehmend scheint er ihn zu genießen. Wenn beim unterschätzten Meisterwerk “Awake” etwas mit Kevin Moore von Dream Theater fortgegangen ist, dann nichts Geringeres als die Seele der Band. Seither stehen die Progmetal-Götter in dem wenig schmeichelhaften Ruf, seelenloses Gefrickel vorzutragen und wenngleich man derartige Äußerungen relativieren muss, an einem Song wie dem von Moore komponierten “Space-Dye Vest” wird einfach deutlich, dass der Keyboarder etwas mitgenommen hat. Und zwar den Platz für Seelenruhe und Geborgenheit, für Gedankenzirkel und Tiefsinn, der sich dann auf “Dead Air for Radios” (1998) zeigte, dem ersten Album Chroma Keys.

Die Entwicklung ist nun folgerichtig: “Graveyard Mountain Home” hat nach “You Go Now”(2000) alle Schalen der Rockmusik endgültig von sich gestreift und wabert nun in einem Schweif von elegischen Ambient-Sounds daher, untermalt dabei den Kurzfilm “Age 13", eine Sozialstudie aus den 50er Jahren, und nimmt sich alle Zeit der Welt. So viel Zeit, dass der Film auf halber Geschwindigkeit abgespielt wird, damit das 54-minütige Album seinen Platz findet. Und wenn man die langsamen, beinahe hypnotischen Bewegungen so sieht, dazu das beruhigende Spiel vernimmt, so kommt man nicht umhin anzunehmen: der Mann ist zu Hause.

Tatsächlich muss man “Graveyard Mountain Home” unbedingt als Soundtrack verstehen. Minutenlange Passagen von sich wiederholenden Echos und Rhythmen mit dem einlullenden Rauschen undefinierbarer Dinge, Telefonstimmen und das schon von OSI bekannte monotone Organ Moores verlangen dies. Und dennoch ist die Musik keineswegs passiv, sie stellt sich aktiv immer wieder auf neue Situationen der Geschichte ein und fängt Stimmungen ein wie Schmetterlinge, einerseits flügelleicht, andererseits ursprünglich und gewaltig wie Mutter Erde. Das führt mal zu verschrobenen, kauzigen Kompositionen (das von Xylophonklängen dominierte Openerstück “YYY” oder das leicht an die Nine Inch Nails, im zweiten Teil dann an Aphex Twin erinnernde “Before you Started”), groovig-bedächtigen Rhythmen (“Sad Sad Movie”) oder gar reinen Effekten (“Andrew was Drowning his Father” besteht nur aus Regen und Hintergrundgeräuschen).

Immer jedoch bleibt das Gebotene anregend, je nach Intensität des Rezeptionsvorgangs sogar meditativ oder inspirierend. Das Album ist durchaus dafür geeignet, sich in einem dunklen Zimmer zu verschanzen und auf Weltreise zu gehen - in einer anderen Welt, versteht sich.

Mit der Zeit gewinnt die Musik dann sogar an Eigenständigkeit gegenüber dem Kurzfilm, auf den sie abgestimmt ist, und will auf diesen sogar nicht mehr so sehr passen wie für sich alleine stehend. Das stellt zwar die ursprüngliche Intention des Werkes in Frage, nimmt aber keinen Einfluss auf die erdige Kraft, die ihr innewohnt. Empfehlenswert und durch die Verankerung mit Dream Theater eine günstige Gelegenheit für Freunde des Progmetals, mal einen Blick auf die Welt der elektronischen Musik zu werfen.

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