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Fans des Trickspezialisten Ray Harryhausen hatten mal vor nicht all zu langer Zeit die Qual der Wahl, gab es doch im Block auf zwei Sendern die wichtigsten Werke aus seinem Schaffen zu bestaunen, einerseits „Jason und die Argonauten" und die beiden ersten Filme der bekannten Sindbad-Trilogie sowie auf einem anderen Kanal zur gleichen Zeit nach langem ein Wiedersehen mit dem „Kampf der Titanen", wahrscheinlich als Ankurbelung gedacht für das anlaufende Remake in unseren Kinos. Wohl dem, der zwei Empfänger mit Aufnahmefunktion bereitstehen hatte, denn der durfte sich freuen, endlich mal alle Werke auf Augenhöhe zu betrachten und seinen Favoriten aus der Sicht der heutigen Zeit eventuell neu zu küren. Denn neben den Leuten, die noch nie was für die oft als altmodisch abgekanzelte Stop-Motion-Tricktechnik übrig hatten (ich sehe die jüngere Generation förmlich gähnen), könnte auch manch damaliger Fan heute etwas ernüchtert im Sessel sitzen geblieben sein. Und wo blieb denn eigentlich „Sindbad und das Auge des Tigers?"

Ich kann bis heute kaum begreifen, dass die Kritiken zu diesem Werk fast durchgängig schlecht ausgefallen sind. Sicher, wer für das Harryhausen-Universum nicht zu begeistern ist, wird auch hier einen Bogen machen. Aber warum gibt es Leute, die zum Beispiel „Sindbads siebte Reise" in den Himmel loben, über dieses Spätwerk aber nur ein müdes Lächeln übrig haben? Nun, es steht natürlich jedem frei, seinen persönlichen Favoriten zu küren, aber in Bezug auf Atmosphäre, Ausstattung, der - zumeist nur durchschnittlichen - Schauspieler und letztlich dem einfallsreichen Panoptikum ausgefallener Kreaturen stellen für mich alle drei Sindbadfilme eine geschlossene Einheit dar.

Vielleicht liegt es ja auch an einer im Unterbewusstsein schlummernden Voreingenommenheit, weil heute immer wieder mal die mäßigen Kritiken von damals herausgekramt werden. Dabei war die Last schon bei der Veröffentlichung schwer, die dieser Film zu schultern hatte, denn neben der Ungnade der späten Geburt - wer interessierte sich in den ausgehenden 70ern für klassische Fantasy? - war die Erwartungshaltung des harten Kerns schon hoch, wenn man bedenkt, dass Wanamaker den teuersten aller Sindbadfilme drehte. Und Harryhausen selbst? Er brauchte lange Zeit für die Fertigstellung seiner Tricks, mit deren Hilfe die Monster zum ruckligen Leben erweckt wurden. Vielleicht auch zu lange? Denn was Harryhausen vielleicht nicht wahrhaben konnte, dass die Welt sich weiterdrehte. Und die Konkurrenz war hart. Mit „Krieg der Sterne" aus demselben Jahr tat sich eine neue Dimension für die staunenden Zuschauer auf, sowohl die Mischung aus Fantasy, Märchen, SciFi und Abenteuer als auch opulentere Tricktechniken erschlossen neue Fangemeinden. Machen wir uns nichts vor, „Sindbad und das Auge des Tigers" war nach Meinung der meisten Zuschauer schon im Jahr der Veröffentlichung gealtert.

Doch das alles zählt bei mir nicht, wenn ich heute auf die Sindbadfilme zurückblicke. Denn gerade das Altmodische ist das, was auch heute noch verzaubern kann. Und so setzt „Sindbad und das Auge des Tigers" auch konsequent in der Tradition der orientalischen Märchen die Sindbad-Reihe fort, mit einem unerschrockenen Helden, bösen Schurken, hübschen Frauen und fiesen Monstern. Und diesbezüglich wird das Konzept der beiden Vorgänger eigentlich in kaum abgewandelter Form übernommen: Die Reise nach einem unbekannten Land, um einen bösen Fluch zu besiegen, der auf einer hoheitlichen Person lastet. In den Vorgängern waren das eine verkleinerte Prinzessin und ein entstellter Wesir, hier wird der Prinz Kassim in einen Pavian verwandelt.

Und es sind schon einige Besonderheiten, die den Film von seinen Vorgängern abhebt. Dabei nimmt sich die nunmehr weibliche Verkörperung des bösen Gegenparts durch die Zauberin Zenobia noch nicht mal als extravagant aus, denn in einem Märchen funktioniert eine diabolische Ausstrahlung auch unabhängig vom verkörperten Geschlecht, und die hier dargestellte Bösartigkeit geht schon ins Abgrundtiefe, wenn man nur in die hasserfüllten Augen schaut. Was allerdings fasziniert, ist das bizarre Geschöpf, welches ihr auf der gefährlichen Reise zur Seite steht: Minoton, ein metallener Stier, der nicht nur ein furchteinflößenes Monster, sondern auch eine Maschine verkörpert, die als eine Art stählerner Golem das Schiff ganz allein auf Kurs hält. Bei keinem der Sindbadfilme geriet der Wettlauf zweier Schiffe so spannend und die düstere Musikuntermalung, die im Rhythmus der Ruderschläge Minotons das Schiff der bösen Zenobia förmlich voranpeitschte, jagt auch heute noch einen wohligen Schauer über den Rücken.

Es wäre sicher etwas zu hoch gegriffen, diesen teuflischen Diener als Versuch Harryhausens zu deuten, seine - scheinbar - in die Jahre gekommene Monster-Spielwiese mit technischem Pep aufzuwerten. Dazu ist auch diese Kreatur zu bedrohlich, unberechenbar und sieht ja ohnehin wie ein klassisches Monster aus und ist somit kaum als Maschine wahrnehmbar. Jedenfalls stimmt hier noch die funktionale Einbindung seiner Figur in die märchenhafte Umgebung. Das konnte man einige Jahre später beim „Kampf der Titanen" wohl nicht mehr behaupten, wenn man an die völlig alberne Metalleule mit blinkenden Augen und fiependen Robotertönen denkt, die wohl mit anbiederndem Habitus auch die Fans solcher Ikonen vom Schlage eines R2-D2 begeistern sollte.

Und in „Sindbad und das Auge des Tigers" wird nicht nur durch die Monster eine Bedrohung geschaffen. Auch die im seltsamen Gegensatz zur bunten orientalischen Märchenwelt und der aus den Vorgängern gewohnten grünen Inseln stehende arktische Landschaft strahlt eine düstere Eiseskälte aus. Wenn sich das Schiff der Heldenschar durch eine freie Eisrinne quält, Eisbrocken vom Packeis krachen oder man zu Fuß über Eisschollen vorangeht, stets droht auch Mutter Natur, das Unternehmen bereits vor Zielankunft scheitern zu lassen. Und die polaren Bilder lassen auch ein wenig Urzeitflair aufkommen, wenn sich Riesenwalross und Säbelzahntiger - durch Zenobias Verwandlung im Finale - ein Stelldichein geben und man auf die Hilfe eines riesigen Troglodyten angewiesen ist. Der Kampf dieses Urmenschen mit dem Raubtier in der rätselhaften Eispyramide setzt die Tradition der Filmreihe konsequent fort, im Finale zwei Kreaturen aufeinander loszulassen, welches tricktechnisch immer noch der Höhepunkt eines jeden Sindbadfilms bedeutete, wenn man sich noch mal die Kämpfe Drache gegen Zyklop oder Zentaur gegen Greif ins Gedächtnis rief.

Natürlich hat der letzte Sindbadfilm aber auch seine Schwächen. Mit fast zwei Stunden Laufzeit ist es der längste Sindbadfilm und es gibt in der ersten Stunde auch manch dramaturgischen Durchhänger, insbesondere die Zwischenlandung auf Hyperborea auf der Suche nach dem Eremiten Melanthius ist etwas gestreckt ausgefallen. Und Jane Seymour hat dann ihre besten Szenen, wenn sie sich von der anstrengenden Schauspielerei beim Sonnenbaden erholt, wo man dann allerdings auch ihre wahren Qualitäten kurz bewundern kann. Doch mal ehrlich, wer erinnert sich bei einem Harryhausen-Film später an die Darsteller aus Fleisch und Blut? Die wahren Hauptakteure sind andere und die haben's immer noch drauf. Und an diese wird man sich auch noch nach Jahrzehnten erinnern. Und das unabhängig davon, wie viele CGI-Updates in den Trickschmieden der Traumfabrik in der Zwischenzeit aufgespielt worden sind.

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