Review

Manchmal muss man ein paar Jahre mit der Rezension warten, weil man lieber noch mal die Zeit bis zur nächsten Sichtung aussitzt, als über etwas zu schreiben, was noch den Teenagerfilter von anno Tobak drauf hat und eventuell heute ganz anders ausschaut.

Gut, ich habe Ray Harryhausens dritte Sindbad-Produktion „Sindbad und das Auge des Tigers“ nie für den gelungensten seiner Filme gehalten, aber die kürzliche Sichtung einer schönen Farbkopie (ich kenne den Film usprünglich in s/w und mäßiger Qualität aus dem sog. Ostzonen-TV, folgen sie mir für weitere Anekdoten aus einer Zeit des geteilten Deutschlands...) hat mir dann aber nachdrücklich klargemacht, dass sogar das eine rosarote Erinnerung war.

Es ist – wenn ich generell so kühn sein darf – sein schlechtester Film. Es sind seine schlechtesten Tricks, es sind seine mäßigsten Creature Animations. Aber das soll nichts heißen, es ist auch generell ein schludrig gedrehter Film, mit schwachem Schnitt, desinteressierter Regie und einem hinreichend dämlichen Drehbuch, um das Werk bei „Schlefaz“ zu verwursten.

Dass inhaltlich eigentlich immer nur Variationen zu erwarten sind, ist keine Überraschung, denn schon die „Golden Voyage“ von 1973 war wenig mehr als eine mäßig kaschierte Plotkopie von „Seventh Voyage“. Im ersten war die Prinzessin verkleinert und man suchte nach einem Heilmittel, dann war der Großwesir entstellt und suchte nach Heilung und so ist es jetzt hier in Durchgang 3 ein Prinz namens Kassim, der ja endlich Kalif werden sollte, sich dann bei Kronenkontakt mit dem edlen Haupte in einen Pavian verwandelt.

Ich spoilere das mal so lässig, weil der Film ein ungeheures Geheimnis daraus macht. Es macht Puff, Rauchwolke, Gesichter verzerren sich, schmerzhafte Schreie und dann ist ihm was ganz Schlimmes widerfahren. Es ist furchtbar, grauenhaft, eine Strafe der Götter oder Allahs, es ist kaum zu ertragen, huhuhu. Eine blasse und latent mangelernäherte Jane Seymour (jaja, die aus „Leben und Sterben lassen“) veranstaltet einen vollen Emotionskarneval um die Tatsache, ohne das Ergebnis zu zeigen. Und dann bringt man irgendwann einen Käfig mit einem animierten Pavian auf Sindbads Schiff und nach einer Weile merkt seine rechte Hand (wie üblich keine Leuchte mit Schulbildung, aber engagiert und opferbereit), dass der Affe Schach spielen kann. Jo, Bro, meint Sindbad da lässig im Vorbeigehen, das wäre Kassim und er hätte schon zweimal gegen den Pavian verloren.

Man merkt schon das dramaturgische Geschick, mit dem Beverley Cross Harryhausens eigene Story zu einem Drehbuch aufgebaut hat, zuvor war ihr das bei „Jason und die Argonauten“ besser gelungen. Die Story war dünn und selbst die 90 Minuten, die Sam Wanamaker da lustlos zusammen klöppelt, sind mit der heißen Nadel gestrickt.

Irgendwem fällt plotwärts dann ein weiser Mann ein, der da helfen könnte, aber niemand weiß wo der lebt. Ach, doch, auf irgendeiner Insel, doch keiner weiß ob die existiert oder er noch lebt. Egal, wir haben ein Schiff und fahren da mal hin. Dort angekommen ist man auf einmal in Jordanien in der allseits bekannten Felsenstadt Petra, wo die Kumpels des weisen "Melanthius" die Seefahrer erstmal mit kleinen Steinbrocken bewerfen. Keine Ahnung, was das soll. Dann zeigt sich endlich der eigentliche Co-Star des Films neben "Sindbad" Patrick Wayne (dem Sohn des „Duke“): Taryn Power, der wohlgeformte blonde Spross der Hollywoodgröße Tyrone Power (und ja, tatsächlich, die Schwester von Romina Power, die mit einem gewissen Albano ein verdammt erfolgreiches Gesangsduo in den 70ern und 80ern formte, aber ist auch egal...). Taryn spielt ohne besondere Darstellerkunst „Dione“, die späthippieske Tochter des Weisen, der in der Folge recht viel naturwissenschaftlichen Zores absondern darf, von dem alle Seefahrer nur Bahnhof und Bratkartoffeln verstehen. Der wiederum wird als mürrischer Zausel von Patrick Throughton gegeben, nach Tom Baker in „Golden Voyage“ schon der zweite „Doctor Who“ in einer Sindbad-Produktion.

Inzwischen setzt sich der fahrige Handlungsstrudel fort, der quasi eins zu eins beim Vorgänger abgemalt wurde: der Weise weiß nichts, hat da aber mal was gehört, ach nee, jetzt fällt ihm was ein und ja, wir müssen ans Ende der Welt reisen, denn der Schrein der Arimaspi im Lande Hyperborea muss es sein.

Derweil verfolgt die miese, fiese, bölkende Zaubererin Zenobia, flott ernannte Bösewichtin dieses Films, die Seefahrercrew. Geholfen wird ihr von ihrem augenrollenden „Rafi“, dargestellt von Kurt Christian, der im Vorgänger noch den depperten Sidekick bei Sindbad gab, hier als Zeichen seiner durchgeführten Adoleszenz jetzt aber Vollbart trägt. Mit dabei ist auch noch ein goldener Stiermensch namens Minaton, aber der hat dann doch leider keine Funktion außer Rudern.

Es folgt dann das gewohnte Zwischenspiel an Bord des Schiffes (hier: Zenobia als Möwe verwandelt, dort Koura als Erschaffer des Homunkulus), der Rest ist Reise, Reise, Reise, unterbrochen nur von einem Intermezzo mit einem Riesenwalross, irgendwo im Nordmeer.

Bis zu diesem Punkt war Sindbad überragend ineffektiv, der Affe wird immer affiger und Melanthius fällt mit so grenzdebilen Handlungsentscheidungen auf, dass er glatt für die Gegenseite arbeiten könnte – u. a. lässt er die beste Möglichkeit liegen, der bösen Zenobia den Hahn zuzudrehen, weil er sich irgendwas gedacht hat, naja, war so mittel.

Zwischendurch kann man natürlich versuchen, sich an Jane Seymour zu ergötzen, die hier die Prinzessin gibt, immer Sindbad am Hals hängt und kurz vor dem Abdriften in totale Hysterie ist. Sie ist offenbar als halbe Blaupause zu Caroline Munro entstanden, die ihre Hupen in „Golden Voyage“ so geschickt in ein Obergewand einschnüren ließ, dass ab 1973 Generationen von 13jährigen im Falle einer Wiederholung die Luft wegblieb. Nur hat Miss Seymour weder die Oberweite noch auch nur ansatzweise einen orientalischen oder geheimnisvollen Look und es erscheint gänzlich unverständlich, dass Sindbad sie ehelichen möchte, aber immerhin trägt sie – egal wo – fransig-luftige Tempelgewänder und ein tief ausgeschnittenen Silberoberteil. Reicht irgendwie.

Hyperborea hat Ray dann in anderen Fantasyvorlagen abgemalt, eine Enklave der grünen Fauna am eisigen Arsch des Planeten, gespeist aus irgendeiner Kraftquelle in großer Pyramide in dem versteckten Tal hinter dem Alibi-KingKong-Tor.

Das sorgt dann im Finale (nach viiiiiel Latscherei und schlechten Dialogen und dem konstruktiven Anschluss eines Troglodyten) für eine besondere Kaskade an WTF-Momenten: eigentlich haben Sindbad und Co landwärts so gefühlt zwei Tage Vorsprung, doch im Eiskanal von Hyperborea nimmt Zenobia dann einen anderen Tunnel, fährt an ein paar gut gekühlten Hyperboreanern vorbei und kommt doch glatt direkt unter der Zielpyramide raus.

Weil es an einem Eingang mangelt, ordert die Fiese ihren Stiermann an, doch einfach mal unten einen der Riesenklötze aus der Pyramide zu löffeln (mit etwas magischer Unterstützung). Der macht das auch so gut, dass er prompt dabei abstürzt und sich unter dem Klotz selbst begräbt. Und du glaubst es nicht: hinter dem zufällig gewählten Stein ist auch sofort ein hilfreicher Gang. Als dann endlich Sindbad und Co ankommen, hat diese Handlung die komplette Bau- und Magiekunst der Hyperboreaner komplett kurzgeschlossen, wie Melanthius mal frechweg behauptet, ohne uns zu begründen, wie er an diese Weisheit kommt.

Witzig daran ist, dass man die ganze Zeit einem schräg konstruierten magischen Schlüssel, der Indiana Jones in den Wahnsinn treiben würde, mit sich rumgetragen hat, den Melanthius nun frustriert in die Botanik pfeffert. Call this a MacGuffin.

Über den Showdown in der vereisten Pyramide könnte man so manches schreiben, in erster Linie ist es dann wieder eine fade Kopie des Tempels aus „Golden Voyage“, wieder ein Wasserbecken mit Lichteffekten magischer Art, welches, trotz Kurzschlüsse, für Heilung sorgt.

Besonders lächerlich an dieser Kulisse wirken übrigens die eingefrorenen Statuen und Wächter, die wohl eisüberzogen aussehen sollen, aber offenkundig kunstvoll unter Plastikfolie verstaut wurden.

Naja, Kassim wird geheilt, Rafi reitet Attacke und fällt tödlich die Treppe runter und Zenobia verwandelt sich aus Rachsucht in einen Säbelzahntiger. Der wird wiederum vom Troglodyten angegriffen (war nicht was im letzten Film…?) und Sindbad wartet solange hübsch mit Eingreifen, bis Zenobia sich müde gekämpft hat.

Puh, das ist schon ne harte Kiste, vor allem weil das alles auch noch durch supermiese Tricks beeinträchtigt wird. Ja, Harryhausens Creatures sind nicht die Besten hier: die Höllendämonen vom Beginn gehen noch so, der Bienen-Wespen-Moskito (das Skript kann sich nicht entscheiden) ist eckig, der Pavian annehmbar und eckig. Das Walross wird erfolgreich durch einen Schneesturm kaschiert animiert, der Troglodyt ist solide Kunst, aber der Säbelzahntiger ist ein nachlässiger Plüschie.

Das Allerschlimmste sind aber die optischen Tricks: hier und da mal ein schönes Matte Painting für den entfernten Hintergrund, aber sonst geradezu infam schludrige Matte-Arbeit mit unpassenden Fotos oder Gemälden als Hintergründe. Um die Darsteller, vor die Hintergründe kopiert, kann man die sich abhebenden Ränder nicht nur sehen, sondern fast schmecken. Originalszenen und Stock Footage sind schlecht aufeinander abgestimmt und alles wirkt, als hätte man weder die Zeit noch das Budget für Sorgfalt gehabt.

Mag das alles einen Achtjährigen noch ausreichend unterhalten, dürfte das für ältere Semester eine herbe – und auch recht dröge – Abwechslung sein, bei der man ständig auf die nächste Harryhausenschöpfung wartet, weil sie die gestelzten Märchendialoge unterbricht. Der „Sense of Wonder“ fehlt dieser Dynamation-Trickparade leider bereits ganz, den Darstellern Charisma, den Tricks Zeit und Ruhe und den Dialogen Leben. Insofern ist die Chose nur für Komplettisten genießbar, außer, ja außer man hat sich als Achtjähriger schon in den Film verliebt oder es ist eh egal, weil Harryhausen. Dann ist es gut. (4/10)













Details
Ähnliche Filme