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Basierend auf der Novelle "Triad Father" von Li Chunen entwickelt Regisseurin Sylvia Chang in ihrer elften Arbeit ein Werk mit ganz eigenem Augenmaß; eine reizbare Geschichte, die sowohl Biographie aus besonderem Blickwinkel als auch umfassend komprimierte Milieuschilderung, Konversationsstück, Ehedrama und Gesinnungslesart, mit Einbildungskraft statt Genauigkeit sein möchte. Zudem spielt der Film als feinnerviges Bühnenweihfestspiel nur vorgeblich, nur andeutungsweise in der realen und stattdessen in einer ganz eigenen, einer höchstpersönlich phantasierten Welt, die der unseren zuweilen so ähnlich ist, dass sie parallel dazu ablaufen könnte. In vielen anderen Momenten aber die Formen, die Größen und die Verhältnisse aus allen vorstellbaren Schranken hebt.

Im Guten wie im Schlechten bewahrt man sich mit dieser bewunderungswürdig unkonventionellen und gleichzeitig zutiefst kitschigen, mit Biegen und Brechen auf seine eigene Ansichten von Stärkung, Trost, Zuversicht, Pietät, Hoffnung, Dankbarkeit und Liebe verformten Darstellung und Erörterung das gewisse Fluidum des Unabsehbaren. Die Handlung läuft in sicheren und damit auch vorstellbaren Bahnen ab, bekommt aber entscheidende, nicht immer bedachtsame, aber wenigstens prägnante Pointen entweder beschrieben oder auch verschrieben. Die Vollkommenheit in Kleinigkeiten trifft auf eine sture Eindringlichkeit, mit der unnötige und in ihrer Darbringung auch seltsam absonderliche Effekte in der Bildsprache ebenso durchgängig benutzt werden wie das Geheiß auf eine unmissverständliche Parteilichkeit gegenüber Moral und Religion. Ein Postulat der vermeintlichen Vernunft, ein Werk der puritanischen Zergliederung, der schöngeistigen Frucht, dass seinen sittlichen Endzweck von historisch reflektierenden Gefühlen leiten lässt.

Regisseurin Chang porträtiert diese äußeren und inneren Veränderungen mit Gewissenhaftigkeit, Talent und langer Übung, versteift sich aber auf ihren labilen Inbegriff von Mentalitäts- und Glaubenswahrheiten und lässt die Puppen an den Seidenfäden der Marionettenschnur ziemlich herumschlackern, um das das Bestreben, sein Dasein zu verschönern, zu verfeinern und bis zur Perfektion zu veredeln auch dem Letzten Argwöhnischen in der hintersten atheistischen Ecke einzutrichtern. Dabei scheitert man eigentlich bereits mit Schritt Eins in der Fremdsteuerung vom Walten der übersinnlichen Macht: Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

Lee Tin-yun [ Louis Koo ] ist ohne einen Vater, der sich frühzeitig nach China abgesetzt hat, bei seiner Mutter Ying [ Nora Miao ] aufgewachsen; eine Heilkundlerin und Chiropraktikerin, die ihren Lebensunterhalt mit der ärztlichen Schnellversorgung der Triadenkämpfer der Nachbarschaft aufgebessert hat. Frühzeitig in Kontakt mit der black society gekommen und von lautmalerisch verklärenden Heldensagen imponiert ging auch Tin-yun, der sich nunmehr den Namen "Tiger Lee" zugelegt hat, schnell den vorgezeichneten Weg, zusammen mit seinen engsten Freunden Big Eyes [ Max Mok ], Big Mouth [ Lam Suet ] und Chicken [ Derek Tsang ]. Nach Jahren des Aufstiegs zu einer lokalen Größe, aber immer mit Konkurrent Big Head [ Conroy Chan ] und Officer Lau [ Guo Jing-Lin ] vom Organized Crime & Triad Bureau auf den Fersen, durchlebte Tin-yun eine Zeit der unsteten Rastlosigkeit, die zwar zu Nichts außer Statussymbole führte, ihn aber bis zum Treff mit Mabel Chan [ Rene Liu ] dennoch vollkommen ausfüllte. Erst die junge Frau, angehende Anwältin mit bürgerlich gutsituierter Familie, verschafft ihm einen Einblick in die legale Welt, und in die der Liebe. Schnell schwanger und Mutter geworden muss sich Mabel allerdings ebenso wie Tin-yun entscheiden, wer von Beiden sein bisheriges Leben soweit zurückstecken und sich dem Anderen anpassen kann, dass nicht nur sie, sondern auch das Neugeborene, die kleine Haiyi [ Liu Yihan ] die Chance auf eine glückliche Zukunft haben.

Das Godfather der Triaden- oder sonstwie Gangsterfilme, dass das überwachende Oberhaupt in der Kaste der Kriminellen, den Verantwortlichen für die Geschäfte und Belange der so genannten Ehrenwerten Gesellschaft, hier der Hak Se Wui bezeichnet, wird in diesem Zusammenhang für den God the Father ausgetauscht. Anders als das Abbild einer Familie, die über die Jahre hinweg trotz aller Schwierigkeiten, der privaten Animositäten und der obwohl gemeinschaftlicher Liebe auch gegensätzlicher Ziele dennoch und umso stärker zusammenhalten, wird vor allem zu Beginn und Ende der zweistündigen Erzählung das Wesentliche aller Verehrung Gottes gepredigt. Das Gesetz in uns, der Begriff des höchsten Gutes, die Bestimmung der Religion in Absicht auf diesem gemäßen Verhaltens; der hiesige Gangster, der aus dem Fegefeuer seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit erst durch seine Mutter, dann seine Frau, seine Tochter, aber eigentlich durch den Hergott zu einem besseren Menschen mit innerlicher Ergriffenheit wird, zieht sich wie ein Leitfaden durch die oberflächlich betrachtete Genregeschichte von Aufstieg, Fall und Ausstieg eines Verbrechers im Anzug. Fatalistische Konsequenzen und Bangen um Seelenheil.

Das ist klassisches Drama und hausgemachter Extremfall, Konsumtrend und Unikat, ein verfehltes, grammatisch ungelenkes Nachbild und das Besondere mit Herz. Mehr unterrichtend als rührend. Man zelebriert die Harmlosigkeit, fängt aber mehrmals schwermütig das herbe Klagen im baptistischen Symposium an. Eingeleitet mit Albträumen der Flucht vor der Zivilisation [ = Haifischbecken ], die wie die Protégé Drogenerlebnisse mit Kinderhand gezeichnet erscheinen wird eine philosophische Vernunfterkenntnis, wechselnd zwischen objektiver Anschauung und subjektiver Spekulation artikuliert. Dabei varriiert man in der Rahmenhandlung selbständig Erzählmotive konventioneller Situationen von Intrige und Gegenintrige: Tin-yun wird von den Älteren und Oberen in der Rangordnung erst unter Schützender Hand, dann unter einschränkender Aufsicht genommen und schließlich, als er schon den Ausweg sucht in der Election zum örtlichen kingpin bestimmt. Statt einer kritischen Analyse dieser Begebenheiten, die abseits des Familienstandes immerhin den einzig bestimmenden Faktor der Personenzeichnung ergeben sollen, wird sich viel mehr auf eine möglichst rudimentäre, mit differenzierter Konstellationskomik, drastischem Charakterhumor und karikaturhafter Typisierung angereicherten Entwurf abgegeben, der schon fast einer Demontage im Mißverständnis gleichkommt. Besonders die Anfangsjahre des Trios um Tin-yun sind mehr durch sichtlich auf schrecklich getrimmte Frisuren und ebensolchen Klamotten sowie den Scherzen darum diagnostiziert; eine etwaige Romantische Komödie mit dem Eintreffen von Mabel Chan wird durch allzu laienhaftes, bemüht persistentes Schauspiel samt Grimassen des leading couples beizeiten vernichtet.

Dass die zentrale Besetzung mit der im Drehbuch [ von Sylvia Chang, Susan Chan und Woo Yan-Wai ] reglementierten sprachlichen Idiosynkrasie eben nicht überzeugend genug klar kommt, und die beflissene Filmemacherin sich trotzdem auf die Beiden verlässt, während Leute wie Ti Lung, Kent Cheng und Michael Chan Wai-man auf die entlegene Randebenen abgeschoben werden, ist von Vornherein und bleibt bis zum Ende ein saurer Trugschluss. Hinzu kommt das direkte Ansprechen in die Kamera, die Salbaderei in Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur und die Schmerzgrenze des religiösen Wertesystems, in dem Tin-yun von seiner Frau, nachdem sie ihm im Kreissaal schon gegen seinen Willen ein Eheversprechen abgezwungen hat, auch noch in die Kirche administriert wird. Er ist als Mann nach der Geburt nicht nur in seiner bisherigen Arbeitswelt, sondern quasi überall fehl am Platze der Heiligen und der Seligen. Seltsam auch die andere Seite der unverdrossenen Halbe Männer – Halbe Frauen Emanzipation: Sie verbleibt nicht etwa in der Kanzlei – in der sie ihrem ersten Auftreten zufolge eh nicht hingehört – , sondern wird in der theologischen Bestimmung der Identität zu einer privilegierten Hausmagd, wo sie zusammen mit Auntie Ying in vervollkommnender Frauenbewegung beim Wolle Aufrollen zu sichten ist. Na Halleluja.

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