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Sergio Corbuccis Western aus dem Jahr 1969 besitzt seit seiner Entstehung einen singulären Charakter, der verhindert hat, daß dieses Werk in Vergessenheit geraten ist . Ähnlich wie beim 4 Jahre zuvor gedrehten "Django" greift er hier als Erster auf Stilmittel zurück, die ihn deutlich aus der Masse der sogenannten "Spaghetti - Western" herausheben. Zum Einen siedelt er seine Geschichte im winterlich verschneiten Utah an, des Weiteren spricht der "Held" hier kein Wort (was auch zum Originaltitel "Il grande Silencio" führte) und nicht zuletzt verzichtet er auf ein positives Ende.

Selbst wenn dem Betrachter die Schlußsequenzen bekannt sind, verfehlen diese Bilder - begleitet von Morricones eindringlicher Musik - nie ihre Wirkung. Es ist fast schade, daß Loco (Klaus Kinski) zuletzt noch wenige Worte sagt, auch wenn Corbuccis Intentionen damit noch bestärkt werden. Alleine der Blick der Kamera auf Kinskis Gesicht, mit dem der Film endet, ist aussagekräftig genug.

Betrachtet man das Gesamtwerk Corbuccis fällt die Einmaligkeit der Leistung in "Leichen pflastern seinen Weg" noch stärker auf. Während seine sonstigen Western eher der comichaft stilisierten Coolness huldigen und trotz aller dreckigen Outfits nicht wirklich realistisch sind, ist er hier durchgehend völlig ernst. Außer kleinen Gimmicks mit der Darstellung der Schießkünste, werden die beiden Protagonisten Kinski und Trintignant keineswegs als sämtlichen Situationen gewachsenen Über-Ichs präsentiert.

Trintignant wirkt trotz seiner überlegenen Schießkünste verletzlich und ist durch seine Vorgehensweise, immer nur in Notwehr zu schießen, berechenbar. Zumindest für einen intelligenten Charakter wie ihn Kinski hier herausragend und fast zurückhaltend darstellt. Locos Aggressionen liegen ausschließlich hinter einer fast freundlich beherrschten Fassade, niemals läßt er sich provozieren und geht auch keinerlei unnötiges Risiko ein. Eine geniale Variante des üblichen vordergründigen Bösewichts. Man fragt sich, wie er zu dem Spitznamen "Loco" (der Verrückte) gekommen ist, denn außer dem Fakt, daß er massenhaft Leichen produziert, wirkt er in seinem Verhalten deutlich professioneller als sämtliche anderen Beteiligten, inclusive des die Stadt beherrschenden Bankiers - er ist im Grunde nur am geschäftlichen Erfolg interessiert.

Konsequenterweise verzichtet Corbucci hier auch auf sämtliche witzigen Sprüche - egal ob satirisch, cool oder sarkastisch gemeint. Allein Locos Aussagen, die er in völlig ernstem Ton von sich gibt , wirken durch die Diskrepanz zu seiner Tätigkeit sehr schwarz, allerdings nicht im humorigen Sinne. Auf Grund dieser Charakteristika bewahrt sich "Leichen pflastern seinen Weg" bis heute den Ruf als "Ausnahme-Western", ohne das sich Jemand fragt, wie es dazu kommen konnte und ob es sich bei diesem Werk tatsächlich um einen Western im eigentlichen Sinn handelt.

Betrachten wir doch ein paar Faktoren. 1969 war ein früher Höhepunkt des politischen Films erreicht, selbst in Hollywood bekamen junge Regisseure die Möglichkeit ,sozialkritische, "linke" Filme zu drehen. In Italien war die kommunistische Partei sehr stark, die "Roten Brigaden", ein Äquivalent zur deutschen RAF, wurden gegründet und es häuften sich Einstürze von Wohnbauten, bei deren Entstehung offensichtlich die Behörden bestochen worden waren. Engagierte Staatsanwälte, die versuchten den Filz aufzudecken, wurden in schöner Regelmäßigkeit ermordet. Der Glaube in den Rechtsstaat und die korrekte Arbeitsweise der Behörden war nachhaltig erschüttert.

Anders als heute wollte man sich damals noch nicht fatalistisch mit diesem Gedanken zufrieden geben. Engagiert versuchten gerade die Künstler die Bevölkerung aufzurütteln - der italienische Western-Regisseur Damiano Damiani wandte sich zeitweise ausschließlich dem politischen Film zu mit Werken wie "Der Tag der Eule" oder "Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert". So ist auch Jean-Luis Trintignant als Hauptdarsteller in dessen einzigem Western nachvollziehbar, denn er war einer der wichtigsten Darsteller des politischen Films dieser Epoche. Kurz danach drehte er "Z" zusammen mit Yves Montand unter dem Regisseur Costa-Cavras, der sich zeitlebens mit dem Kampf gegen reaktionäre Systeme auseinandergesetzt hat.

Tatsächlich gibt es ein Referenzwerk, daß sich in vielerlei Hinsicht mit "Leichen pflastern seinen Weg" vergleichen läßt - "Das Netz der tausend Augen" von 1974. Auch hier spielt Trintignant den nahezu stummen Einzelgänger, der zwar sprechen kann, aber im gesamten Film keinerlei Auskunft über seine Vergangenheit oder irgendwelche Intentionen gibt. Ähnlich wie Silence ist er ein zwiespältiger Charakter, dessen Haltung zum Gesetz nicht eindeutig ist und der aus eigener Intention tötet. Der gesellschaftskritische Ansatz ist natürlich offensichtlicher, denn der Staat wird deutlich in seiner Allmacht gezeigt - als eine rücksichtslos politische Gegner folternde Institution.

Doch Corbuccis Intention geht in die selbe Richtung. In "Leichen pflastern seinen Weg" ist der normale Bürger dem Staat ebenso hoffnungslos ausgeliefert, nicht ohne Grund läßt Corbucci Loco zum Schluß verdeutlichen, daß dieser im Sinne des Rechtsstaates gehandelt hat. Und wer jemals das Ende von "Das Netz der tausend Augen" gesehen hat, die Bilder der Leichen vor Augen und die großartige Musik Morricones dazu hört, der hat fast den Eindruck eines Zitates. Auch hier verlassen die "Staatsdiener" zum Schluß den Ort des Geschehens.

Die meisten Referenzwerke des politischen Realismus dieser Zeit enden tragisch, sie wollen aufrütteln und nicht einmal die Illusion der Hoffnung zulassen. Doch fast alle dieser engagierten Werke sind heute in Vergessenheit geraten, nicht zuletzt auch "Das Netz des Tausend Augen" - ihre politische Botschaft ist zu offensiv ,das Stilmittel der sehr ruhigen Erzählweise und des wenig plakativen Geschehens (die Anzahl der Opfer ist im Vergleich zu "Leichen pflastern seinen Weg" verschwindend gering) besitzt heute nur noch für Wenige Attraktivität.

So kann man die Entstehung von Corbuccis Meisterwerk als eine glückliche Fügung ansehen, als eine seltene Kombination eines beliebten Genres mit einer politischen Thematik. Corbucci wendet eine sehr ruhige Erzählweise an, läßt sich viel Zeit für Details und längere Sequenzen, die nur von Morricones Musik untermalt sind und befindet sich damit mitten in der Tradition der europäischen Autorenfilmer, weshalb es nicht überrascht, daß Westernfreunde immer wieder von Längen in der Handlung sprechen.

Aus heutiger Sicht ist gerade die zurückhaltende politische Botschaft ein Vorteil, denn so bleibt sein Film ein zeitloses Werk über die Unterdrückung der Schwachen im Namen des Rechts, daß dazu noch mit der Auseinandersetzung zweier charismatischer Charaktere über ein hohes Spannungspotential verfügt und mit seiner bis zum Schluß konsequenten Erzählweise in Erinnerung bleibt. Da verzeiht man auch gerne ein paar optische und inszenatorische Schwächen.

Sein Ende aber ist - entgegen der landläufigen Westernmeinung - nicht wirklich überraschend, sondern im Zeitkontext nur konsequent. Deshalb aber nicht weniger beeindruckend (9/10).

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