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„ Last Superhero - oder Dennis Rodman meets Spider-Man"

„Aus großer Kraft entsteht große Verantwortung". Nichts könnte Hancock mehr an seinem Allerwertesten vorbeigehen als dieses Credo Spidermans. Ach ja, Hancock ist auch ein Superheld. Allerdings ein sehr unbeliebter.

Er hat notorisch schlechte Laune, ist unrasiert, trägt zerschlissene, verdreckte Klamotten und startet üblicherweise mit ein bis zwei Liter Bourbon in den Tag. Wenn er mal keine Lust hat in seinem heruntergekommenen Trailer zu nächtigen, muss auch schon mal eine Parkbank in Downtown L.A. reichen. Zwar hat er durchaus eine recht eindrucksvolle Erfolgsquote bei der Verbrechensbekämpfung vorzuweisen, die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt dabei aber meist zu Ungunsten Hancocks aus. Das liegt zum einen daran, dass Hancock (Will Smith) selten nüchtern zur Arbeit erscheint. Bei seinem schlingernden Anflug auf ein Fluchtauto kann schon mal der ein oder andere Brückenpfeiler bzw. ein 50 qm2 Autobahnschild zu Bruch gehen. Wird Hancock zu Hilfe gerufen, kann auch gleich die Straßenmeisterei verständigt werden, da der rüpelige Held bei der Landung stets den halben Asphalt aufreißt. Darüber hinaus schert er sich nicht einmal um die rudimentärsten Umgangsformen und Konventionen. Kraftausdrücke und Schimpfwörter sind der Hauptbestandteil seines ansonsten auf das allernötigste reduzierten Wortschatzes. Weder Rentner noch Frauen sind vor seinen flegelhaften Ausbrüchen sicher. Als er nach einem Feuerwehreinsatz sein nacktes Hinterteil kühlen will, verdrängt er kurzerhand eine Horde brav anstehender Kinder vom Eisstand. Kein Wunder, dass Hancock ein deutliches Imageproblem plagt.
Das erkennt auch der bis dato recht erfolglose PR-Agent Ray (Jason Bateman). Zum Dank für die Rettung seines Lebens - bei der Hancock allerdings einen ganzen Güterzug entgleisen ließ - bietet Ray dem mürrischen Superhelden eine umfangreiche Imageberatung an. Sein Vorschlag: Hancock soll zunächst eine Haftstrafe für die von ihm verursachten Millionenschäden absitzen und nebenbei an seinen Umgangsformen arbeiten. Der Plan scheint aufzugehen. Während Hancocks Abwesenheit steigt die Verbrechensrate in Los Angeles drastisch an. Die Menschen (und auch die Behörden) fangen an den pöbelnden Supermann zu vermissen.

Mit Hancock kommt eindeutig frischer Wind in das in den letzten Jahren doch recht eingefahrene Superheldengenre. Ob Batman, Spiderman, X-Men oder Superman, stets wird die immergleiche Geschichte erzählt. Die ob ihren außerordentlichen Fähigkeiten einsamen Helden durchleiden meist eine kurze Identitätskrise, um sich dann umso ernsthafter ihrer Bestimmung zu stellen.
Hancock ist ein ironischer, teilweise sarkastischer Gegenentwurf zu diesen insgesamt doch recht braven Weltenrettern. Versoffen, flegelhaft und bis ins Mark politisch unkorrekt, nimmt er das häufig biedere Genre gehörig auf die Schippe. In der ersten Filmhälfte zerlegen Regisseur Peter Berg und Hauptdarsteller Will Smith genüsslich das in den oben erwähnten Filmen etablierte Superheldenimage. Obwohl oder gerade weil man natürlich weiß, dass Hancock noch die Kurve zur Rechtschaffenheit kriegen wird, machen diese Szenen ungeheuren Spaß. Smith lässt ein wahres Feuerwerk an sarkastischen und pöbelhaften Sprüchen vom Stapel und gibt auch sonst ganz den Dennis Rodman der Superhelden.
In der zweiten Filmhälfte kippt der Film in Richtung emotionales Drama und kommt damit den parodierten Vorbildern wieder ein gutes Stück näher. Was auf den ersten Blick unausgegoren und Publikumsanbiedernd erscheint, funktioniert am Ende überraschend gut. Vor allem wenn man bedenkt, was in der letzten halben Stunde alles abgearbeitet wird. Da wird nicht nur Hancocks Herkunft und die geheimnisvolle Rolle von Rays Ehefrau Mary (Charlize Theron) aufgeklärt, sondern auch die Entwicklung und Selbstfindung des Flegelhelden ohne viel Pathos und Kitsch geradlinig und einigermaßen glaubwürdig vollzogen.

Darüber hinaus bietet Hancock eine Reihe von Schauwerten, die auch das Blockbuster-Publikum zufrieden stellen dürften. Die rasanten Actionszenen verkommen dabei keineswegs zum Selbstzweck, sondern treiben die Handlung voran bzw. dienen zur Charakterisierung des Titelhelden. Regisseur Peter Berg hat schon mit Operation Kingdom bewiesen, dass er Actionszenen geschickt in den Dienst der Story einbauen und dabei trotzdem neue Maßstäbe hinsichtlich Timing und Explosivität setzen kann. Lediglich das zur Beschreibung der Beziehung zwischen Hancock und Mary veranstaltete CGI-Gewitter in der Mitte des Films fällt hier ob seiner Überzogenheit negativ aus dem Rahmen.
Auch Hauptdarsteller Will Smith hat mit seine letzten beiden Werken - Das Streben nach Glück, I am Legend - deutlich gemacht, dass intelligentes Popcornkino kein unauflösbarer Widerspruch sein muss. Hancock kann ohne weiteres ausschließlich als unterhaltsame Actionkomödie konsumiert werden, bietet dem geneigten Betrachter aber mindestens ein zwei Ebenen mehr. Der Film erinnert dabei vor allem an Arnold Schwarzeneggers Actionfilmpersiflage Last Action Hero, die gleichzeitig Hommage wie auch augenzwinkernde Parodie auf das von ihm etablierte Genre darstellte. Der heutige Gouverneur von Kalifornien musste damals eine veritable Schlappe einstecken, da offenbar ein Gros seiner Fans wenig bis gar nichts mit den ironisch-bissigen Untertönen des Films anfangen konnte. Bleibt zu hoffen, dass Will Smith mit Hancock ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Den Hancock aus der ersten Filmhälfte würde aber auch das nur wenig kratzen.

(8/10 Punkten)
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