Flüchtlingsleben.
Jeanne und ihre Eltern sind politische Flüchtlinge. Früher wohl in RAF-Kreisen oder ähnlichem tätig gewesen, flüchtet die Familie von einem Land Europas ins nächste, immer mit dem Ziel vor Augen, sich mit neuer Identität endlich ein normales Leben aufzubauen. Die 15-jährige Jeanne leidet natürlich darunter. Ihr Leben ist auf das Nötigste beschränkt, ein adäquates Sozialverhalten nicht vorhanden. Sie hat nur ein paar Altkleider zum Anziehen und einen Discman mit etwas Musik. Bis sie sich in Portugal in einen deutschen Jungen verliebt: Sie wird zunehmends hin und hergerissen zwischen ihrer Familie und einem normalen Leben. Sie beginnt, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen.
Im Verlauf der weiteren Flucht kommt es zu immer mehr brenzligen Situationen für die "Untergrundler", doch auch Heinrich, den Jungen, sieht Jeanne wieder, woraufhin die Situation zu eskalieren droht...
Wenn man sich etwas für die Filme abseits des Massenstroms interessiert, dann kommen einem des öfteren Flüchtlingsgeschichten unter. Auch das ist im Prinzip eine, nur eben nicht von Ausländern oder dergleichen, sondern von deutschen Staatsfeinden. Interessant hierbei ist, dass der Film fast komplett aus der Perspektive des Mädchens erzählt wird; wie sie im Flüchtlingsleben zurecht kommt, wie ihre Eltern sie erziehen und unterrichten, wie sie sich ständig verstecken muss. Nur sehr wenig kommt heraus über die Hintergründe ihres Lebens, was aber gerade den Reiz des Filmes ausmacht. Es herrscht ständig Anspannung und Vorsicht. Keinem kann getraut werden. Konflikte entstehen, während man am Existenzminimum lebt. Der Film ist also durchaus spannend.
Hinzu kommt, dass die Schauspieler ihre Sache wirklich gut machen, und vor allem Julia Hummer das Mädchen brilliant verkörpert. In ihrem Verhalten spiegelt sich ihre Situation wider. Permanente Nervosität und Aufmerksamkeit, aber auch Neugier, Sehnsucht und unterdrückte Lebenslust. Die Eltern stehen dabei auch in ständigem Konflikt zwischen ihrem Tun und ihrer Verantwortung Jeanne gegenüber. Und Heinrich? -Er ist der einfache, prollige nette Kerl, der sich in das falsche Mädchen verliebt hat, er ist der Angelpunkt der Geschichte.
Der Film selbst bleibt durchgehend ruhig erzählt, mit einigen hektischen Passagen. Wenige Schnitte, viele stille Einstellungen und die passive Erzählhaltung, welche nur aktiv wird, wenn Jeanne handelt, verschaffen dem Zuschauer einen Zugang in Lebensumstände, die man selbst nur schwerlich begreifen kann.
Und so vergeht die Zeit beim Ansehen wie im Fluge, man "driftet" mit der Flüchtlingsfamilie mit und versinkt in ihre Welt bis zu dem nachdenklichen, "tragisch-optimistischen" Ende. Solche Geschichten sind unter anderem die Stärken des deutschen Kinos. 9/10.