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Ein tiefer Blick in das Herz der amerikanischen Seele, und was dort zu sehen ist, das ist nicht schön. Texas 1868: Drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs kommt Ethan Edwards aus dem Krieg zurück nach Hause. Nach Hause? Eine kleine Farm im Nirgendwo mit lauter Menschen die Ethan eigentlich mehr oder weniger fremd sind. Die ihre Alltagsgeschichtchen vor ihm ausbreiten als sei er mal nur eben übers Wochenende fort gewesen. Und die mit ihm genausowenig anfangen können wie er mit ihnen. Sein Bruder? Ein biederer Farmer. Die Schwägerin? Der einzige Mensch, bei dem Ethan bereit wäre sich zu öffnen; ganz offensichtlich haben die beiden schon immer eine besondere Beziehung gehabt. Die Kinder? Nun ja, es sind die Kinder seines Bruders, und Ethan ist der Onkel, aber die Mauern sind sehr hoch. Martin, das Findelkind? Martin ist ein Halbblut, und bekommt Ethans Hass auf Indianer frontal ab. Als die Nachbarn kommen und um Hilfe bei der Verfolgung von Viehdieben bitten, ist Ethan mehr als nur bereit, dieses Haus wieder zu verlassen. Doch es stellt sich schnell heraus, dass die vermeintlichen Viehdiebe Indianer waren, Komantschen, und dass die weißen Männer nur von Zuhause weggelockt werden sollten. Zuhause, das ist jetzt nicht mehr. Ethans Bruder und die Schwägerin sind tot, die Kinder verschleppt. Zusammen mit Martin und dem Nachbarn Brad, dem Verehrer der Tochter Debbie, geht es auf Indianerjagd. Eine Jagd, die in erster Linie eine Suche ist. Und die möglicherweise nie ein Ende haben wird. Eine Suche nach der Seele Amerikas. Eine Suche, die in die Finsternis führt …

Ein tiefer Blick in das Herz der amerikanischen Seele, und was dort zu sehen ist, das ist nicht schön. Ethan ist natürlich ganz klar die Hauptfigur, und ausgerechnet der ikonische John Wayne, dieses Bildnis von Männlichkeit, Patriotismus und das-Herz-auf-dem-richtigen-Fleck-haben, ausgerechnet dieser Mann spielt den von Hass zerfressenen Ethan Edwards. Dessen Vergangenheit nie benannt wird – Es wird nicht einmal angesprochen was in den drei Jahren seit dem Ende des Krieges war, aber man macht sich so seine Gedanken, immerhin kennt Ethan sich mit den Bräuchen von Indianern verdammt gut aus. Genauso gut wie mit dem Jagen und dem Töten. Ein Mann, dessen Gegenwart aus einer Suche besteht. Und der keine Zukunft hat, weil er das, was er sucht, nie finden wird. Sein Leben besteht aus Hass und Tod, er demütigt jeden der kleiner und schwächer ist als er (was so ziemlich jeder ist), und gleichzeitig ist er fokussiert auf ein einziges Ziel: Die Indianer, die die Kinder entführt haben, aufzustöbern und umzubringen. Und die Kinder zurückzubringen. Doch was wäre, wenn nach den vielen Jahren, die die Suche dauert, die Kindern längst halbe Indianer geworden sind? Müssen sie dann ebenfalls sterben? 
Ethan hat als einzigen Partner auf dieser Suche Martin, das Halbblut, und Martin bekommt vieles von Ethans Hass ab. Er wird nichtsahnend als Köder für einen Mörder verwendet genauso wie als permanenten Blitzableiter für Ethans Killerstimmung. Martin ist klein, er weiß um seine unbedeutende Existenz neben dem großen Ethan Edwards, dem vermeintlichen Vorbild, und nur allmählich lernt er sich freizustrampeln. Seine eigene Meinung zu vertreten. Und als Ethan ganz alleine eine Büffelherde töten will um den Indianern die Lebensgrundlage zu nehmen, da kann sich Martin sogar das erste Mal aktiv zwischen Ethan und den von ihm ausgehenden Tod werfen. Eine apokalyptische Szene, in der John Wayne alles menschenähnliche verliert und zu einer reinen Mordmaschine wird, dessen einziger Gedanke Tod Tod Tod ist. 

Ein tiefer Blick in das Herz der amerikanischen Seele, und was dort zu sehen ist, das ist nicht schön. Wir sehen den Hass auf die Ureinwohner. Wir sehen, dass die Menschen, die jetzt die Herrschaft in diesem Land haben, eigentlich gar nicht dorthin gehören, und dass sie dies auch spüren. Aber sie sind nunmal da, wo sollen sie sonst auch hin? Doch sie wissen, dass der Preis für dieses Leben immer der Tod sein wird, und dass er meistens mit Schmerzen verbunden sein wird. Wir sehen die Freiheit und die unglaubliche und atemberaubende Weite der Landschaft, wir sehen aber auch die Opfer des Krieges zwischen Weiß und Rot in Gestalt von jungen Mädchen, Märtyrerinnen des Terrors, die in der Gefangenschaft der Indianer längst den Verstand verloren haben. Wir sehen Menschen wie Reverend Captain Samuel Johnston Clayton, Priester und Captain der freien texanischen Bürgerwehr in Personalunion, der ganz selbstverständlich alle um sich herum kommandiert, sogar die Soldaten, und sich als aufrechter amerikanischer Bürger geriert: Er ist der Chef, und alle anderen haben zu folgen. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Nur Ethan, der widersetzt sich. Zum Preis der Einsamkeit und des Ausgestoßenseins zieht Ethan mit dem verhassten Martin durch die Wüste um den Tod zu suchen und zu geben. Der Stoff aus dem (amerikanische) Legenden sind, die heutige Gegenwart immer noch beeinflussend.

DER SCHWARZE FALKE ist ein großer und dunkler Film. Die Geschichte einer Obsession, durchsetzt mit Tod und Schmerz. Mutmaßlich um diese Wirkung zu mildern, immerhin befinden wir uns Mitte der 50er-Jahre, hat John Ford immer wieder Comic Reliefs eingebaut. Die vergebliche Liebesgeschichte zwischen Martin und Laurie. Den leicht verrückten alten Mose Harper, der auch von Harpo Marx hätte gespielt werden können. Die turbulenten Szenen bei der Hochzeit von Charlie und Laurie, die dem Film so eine leichte und „western-typische“ Note geben, und ihm damit viel von seiner Düsternis nehmen. Was vielleicht gut ist, aber ich würde den Film trotzdem gerne 10 Jahre später gedreht sehen, als kritisches und actionreiches Epos voller Tod und Gewalt. Was hätte Sam Peckinpah aus dem Stoff herausgeholt? Und vor allem würde ich DER SCHWARZE FALKE gerne im Kino sehen. Auf der ganz großen Leinwand, und am besten in VistaVision, dem Format, in dem er gedreht wurde. Wie John Ford diese gigantomanische Landschaft in Relation setzt zu den winzigen Menschlein; wie er immer wieder ganz klar zeigt, dass die lächerlichen Händel der Menschen nichts sind gegen diese überwältigende Schöpfung, das ist zutiefst und nachhaltig beeindruckend. Filme sind fürs Kino gemacht, und dieser hier ganz besonders.

Aber auch im Heimkino zieht diese Geschichte den Zuschauer in ihren Bann. Werden Emotionen geweckt und Identifikationsfiguren erschaffen und wieder abgerissen. Wird eine weite Geschichte gesponnen, die mit den Gefühlen des Zuschauers spielt wie ein Kind mit einem Ball. Neben den James Stewart-Western von Anthony Mann ist DER SCHWARZE FALKE das beginnende Ende des US-amerikanischen Edelwesterns und seine allmähliche Überleitung in den zynisch-brutalen Italo-Western, eine betörende Symphonie aus großartigen Gefühlen und intensiven Schmerzen. Betörend, großartig, intensiv, schmerzhaft – Ja, so würde ich DER SCHWARZE FALKE beschreiben …

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