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"The Chaser" ist der meistgesehenste koreanische Film der ersten Hälfte des Jahres 2008. Der Film von Regiedebutant Na Hong-jin kam wie aus dem Nichts und lief mehr als 16 Wochen in den koreanischen Kinos seit seinem Start am 14. Februar. Mehr als 5 Millionen Zuschauer sahen den Thriller und machten ihn zum derzeit zweiterfolgreichsten koreanischen Film des Jahres hinter Kim Ji-woon`s Western "The Good, The Bad and The Weird". Im April gewann er drei Preise bei den "Baeksang Art Awards" als Bester Film, Bester Regisseur und Bester Hauptdarsteller. Einen Monat später füllte der Film das Midnight Screening in Cannes und begeisterte 3000 Zuschauer, die noch Minuten nach dem Film applaudierten und die Macher mit stehenden Ovationen feierten. Die meisten Preise gewann "The Chaser" allerdings bei den 45. "Grand Bell Awards" im Juni: Insgesamt fuhr man 6 Preise ein, so viel wie kein anderer Film an diesem Abend: Bester Film, Bester Regisseur, Beste Kamera, Beste Produktion und Hauptdarsteller Kim Yoon-seok räumte mit dem Preis als Bester Hauptdarsteller sowie dem Popularitätspreis gleich zweimal ab. Auf dem 16. "Chunsa Film Awards Festival" in Incheon Anfang September gelang einmal mehr der Gewinn des Preises für den Besten Regisseur sowie ein Preis für die Besten Hauptdarsteller für Kim Yoon-seok und Ha Jung-woo.

Regisseur Na Hong-jin, der zuvor lediglich den Kurzfilm "A Perfect Snapper Dish" inszenierte, schrieb fünf Jahre am Drehbuch und modifizierte das Szenario über 30 Mal, bis er 2006 endlich das fertige Exemplar der Produzentin Kim Soo-jin von Bidangil Pictures vorlegen konnte. Kim versuchte ein Jahr lang vergeblich, Investoren vom Potential des Filmes zu überzeugen, doch es sah stets schlecht aus. Gründe dafür waren u.a., dass keine Top-Stars im Film mitspielen und zudem der hohe Gewaltgrad des Films - ein Umstand, den die meisten Investoren heutzutage vermeiden wollen. Durch Zufall traf sie einen alten Bekannten ihrerseits, Kim Seon-yong, der kürzlich die neue Investmentfirma Vantage Holdings gründete. Nach vielen Monaten der Rennerei war es nun soweit: Es wurde ein Investor gefunden und das Casting konnte beginnen...

Kim Yoon-seok, der letztes Jahr einen Grand Bell Award als Bester Nebendarsteller für seine furchterregende Performance in Choi Dong-hun`s Gambling-Thriller "Tazza: The High Rollers" (2006) gewann, spielt den Hauptcharakter Jung-ho, ein Ex-Cop, der mittlerweile als Zuhälter agiert. Kim gelang der Einstieg ins Geschäft durch diverse TV-Serien und Filme wie "Ollala Sisters" (2002), "The Big Swindle" (2004) oder auch "Sisily 2km" (2004). Bereits früh konnte er unter Beweis stellen, welch ein großartiger Schauspieler er ist, doch es dauerte eine Weile, bis er richtig entdeckt wurde. Seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm übernahm er tatsächlich erst 2007 in Lee Joon-ik`s Musikdrama "The Happy Life", bevor er in "The Chaser" zu Größerem aufstreben konnte. Hier liefert er eine der beeindruckendsten darstellerischen Leistungen der letzten Jahre ab. Direkt zu Beginn bringt sein Charakter Jung-ho alles andere als Sympathiepunkte beim Publikum ein: Eines seiner Mädchen wurde von einem Freier verprügelt, doch anstatt sich um sie zu kümmern, kassiert er von dem Schläger lieber Geld. Allerdings weiß man nie genau, wie er auf verschiedenste Situationen reagieren wird, sodass ein gewisser Überraschungs- und Spannungsgrad alleine in dieser Hinsicht erreicht wird. Interessant ist vor allem in der ersten Hälfte, wie humorig der Film dank ihm ist. Er regt sich herrlich über andere Leute auf und flucht in bester koreanischer Art und Weise vor sich hin, wie z.B. in einer Szene, in der sein Gesprächspartner am Telefon einfach auflegt. Im Laufe des Films ändert sich sein Auftreten allerdings und auch wenn er beim Zuschauer niemals um Mitleid fleht, muss man mit ihm im Schlussdrittel einfach mitfühlen.

Gerade dies ist die große Stärke des Films. Der Film wird getragen von den Charakteren, den Situationen und Dialogen. "The Chaser" protzt nicht mit bombastischer Action oder lautem Feuerwerk, sondern ist in der Lage, den Zuschauer auf nahezu bodenständige Art zu fesseln. Neben Kim Yoon-seok überzeugt Co-Hauptdarsteller Ha Jung-woo als brutaler Serienmörder Young-min auf gleicher Ebene. Auch er war bei den 45. "Grand Bell Awards" als Bester Hauptdarsteller nominiert und dies vollkommen gerechtfertigt. Ha debütierte im Low Budget-Film "The Unforgiven" (2005) und trat in den beiden Kim Ki-duk-Filmen "Time" und "Breath" auf. In "The Chaser" ist er grandios. Young-min ist absolut unberechenbar in seinen Aussagen und Reaktionen, so spielt er kurzfristig doch den netten Mann von nebenan, bevor er zum blutrünstigen Monster mutiert. In einer Szene schildert er dem Polizisten detailliert, wie er seine Opfer "fachgerecht" zerlegt. Dies jedoch in aller Selbstverständlichkeit und mit einer unbeschreiblichen Kaltschnäuzigkeit, dass einem Augen und Ohren glühen. Ha Jung-woo`s Mimik trägt einen großen Teil seiner drastischen Darstellung, vor allem im Vernehmungszimmer, wenn er auf sehr direkte und nicht minder intime Fragen antworten muss. Diese Szene gehört meiner Meinung nach übrigens zu den Besten des Filmes, da sie eine unheimliche Intensität besitzt, verstärkt durch Ha`s fantastische Darbietung.

"The Chaser" verzichtet auf unnötige Nebenhandlungen - und beschäftigt sich nur im Mittelteil ein wenig mit der Inkompetenz der koreanischen Polizei, was der Spannung nur in geringem Maße Abbruch verleiht. Doch Regisseur Na fügt sie clever ein und so geht beim Zuschauer niemals das Interesse verloren. In diesem Part sind u.a. oben genannte Szenen vertreten, sowie viele kleine, herrliche Szenen, die die sonst so ernste und düstere Atmosphäre des Films auflockern. Die große Spannung zieht der Film aus der Frage, was Young-min nach seiner Freilassung tun wird, falls Mi-jin (exzellent gespielt von Seo Young-hee) noch am Leben ist. Ist sie noch am leben? Ist sie geflohen? Wird er sie doch noch bekommen? Oder wird er von Jung-ho im letzten Moment noch "erwischt"? Viele Fragen, die vor allem im letzten Drittel einen dichten Spannungsbogen aufziehen. Ab diesem Zeitpunkt toppen sich Na, Kim und Ha gegenseitig. Der Film legt noch einen Zahn zu und steigert sein Repertoire an Klasse abermals: Die Darsteller laufen zur absoluten Höchstform auf, die Spannung steigt ins Unermessliche, die Emotionen dringen weiter zum Publikum durch. Die letzten 30-40 Minuten sind meisterhaft. Wenn man darüber nachdenkt ist es schwer zu glauben, dass Regisseur Na Hong-jin zuvor nur einen Kurzfilm gedreht hat. Seine Inszenierung ist hochroutiniert wie gleichermaßen faszinierend, betrachtet man sein hervorragendes Talent.

Dass der Film auf technisch hohem Niveau angesiedelt ist, fällt dann beinahe schon in den Bereich der Selbstverständlichkeit, trotz geringen Kosten von knapp 4 Millionen Dollar (wovon er fast das zehnfache wieder einspielte). Lee Sung-je`s Kamera fängt das verregnete Seoul bei Nacht wunderbar ein. Es regnet viel im Film, was sehr zur Atmosphäre des Films beiträgt und als recht intelligenter Schachzug des Regisseurs daherkommt, dem Film visuelle Rafinesse anzuhängen. 90% des Filmes spielen zudem bei Nacht. Untermalt wird das Geschehen von einem effektiven, jedoch nie überbordenden Soundtrack von Kim Jun-seok, der besonders im letzten Drittel zu den Szenen passt wie die Faust aufs Auge. Gänsehaut ist garantiert. Zarte Gemüter sollten mit diesem Film vorsichtig sein, da er einige sehr brutale und blutige Szenen bietet.

Man könnte noch viel mehr über diesen Film schreiben, doch so läuft man der Gefahr auf, Schlüsselszenen zu verraten. Und trotzdem gibt es viel zu sagen über diesen erstklassigen Thriller, der zu den besten in Korea gehört. Sonderlich viel zu kritisieren gibt es nicht, abgesehen von ein paar Zufällen zuviel, die im Kontext aber doch wieder passen und zum Nervenkitzel eine gehörige Portion beitragen. Vielleicht wird der Film bei dem ein oder anderen nach dem ersten Schauen nicht direkt zünden (wie bei mir), doch spätestens nach einer zweiten Ansicht überzeugt Na Hong-jin`s Werk vollkommen. Es ist ein erstaunliches Kinodebüt, fantastisch gespielt, blendend inszeniert und mit Garantie der Nachhaltigkeit bestückt. Viele Szenen und Dialoge wird man nicht mehr vergessen. Der Erfolg an den Kinokassen sowie die große Anzahl an Preisen sind gerechtfertigt, Fans und Kritiker überschlagen sich mit lobenden Meinungen, ebenfalls zurecht. Hollywood hat es gemerkt und bereits die Rechte für ein Remake gesichert. Zunächst erstmal erscheint allerdings die deutsche DVD zum koreanischen Original Mitte Dezember 2008, welche man sich nicht entgehen lassen sollte. 9/10

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