The Chaser
Wow, was für ein Debüt, was für ein „HAMMER“-Film. The Chaser, einer der größten Kassenschlager der letzten Jahre, welche das koreanische Kino hervorgebracht hat. Ein Blockbuster, ohne destruktiven Effekteoverkill und oberflächlicher Fassade, dabei aber im höchsten Maße intelligent und nachhaltig mit Gesprächsstoff bestückt. Hier muss ich mich regelrecht zwingen nicht zu Spoilern, denn allein auf emotionaler Ebene hat mich lange kein Film so in seinen Bann gezogen, dass ich davon erzählen musste! Außerdem ein wichtiges Kriterium für diese Art Film, das sogenannte UNHAPPY END, wird hier geboten und darf allein dieser Tatsache wegen einfach nur beklatscht werden.
Die Story, ohne viele Nebenhandlungen bzw. Subplots, überrascht in Aufbau, Originalität und Authentizität. Hier werden gängige Muster über den Haufen geworfen und der Thrill nicht nur in die Plotentfaltung, sondern auch in die Charakterzeichnung, gespannt. Längst meint man das Ende zu kennen und wartet auf die erhoffte Erlösung, doch so einfach machen es uns der Regisseur und Drehbuchautor Na Hong-Jin und seine Charaktere dann doch nicht.
Inhalt: Ex-Cop und momentaner Zuhälter Joong-Ho (Kim Yun-Seok) kann nicht gerade sagen das seine Nutten profitabel arbeiten. Als wenn dies nicht eh schon genug wäre verschwindet seine Investition (Prostituierten) bis nur noch eine, nämlich Mi-Jin (Seo Yeong-Hie), da ist, wie vom Erdboden. Für Joong-Ho ist klar, die Nutten wollen ihn bescheißen und sind mit der Kohle abgehauen. Doch die Kundschaft ruft weiterhin an und so soll Mi-Jin, trotz kränklichen Zustands, anschaffen. So trifft sie auf ihren Kunden Young-Min (Ha Jung-Woo), ein scheinbar introvertierter junger Mann, der sie direkt zu sich nach Hause nimmt. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die letzte Nutte meldet sich ebenfalls nicht mehr und eine verdächtige Handynummer lässt Joong-Ho fest daran glauben, man will ihn übers Ohr hauen…
Achtung: Leider, wenn auch auf ein Minimum beschränkt, funktioniert die Besprechung nicht gänzlich ohne etwaige Spoiler, nur weiter lesen wer dies akzeptiert!!!
Ab hier eröffnet sich ein perfekt getimter Thriller, welcher sein primäres Ziel zu keiner Zeit aus den Augen verliert. Auch wenn dabei einige fragwürdige Zufälle nachhelfen müssen. Nur soviel noch: Ein Demonstrant bewirft den amtierenden Bürgermeister von Seoul, mit seiner eigenen Scheiße, und zwingt dadurch die hiesige Polizei den Pfad der Legalität zu verlassen, denn um ihr Versagen, beim beschützen des Bürgermeisters, wieder rein zu waschen, kommt dieser Fall um ermordete Prostituierte, gerade recht. Zumal sehr schnell ein Verdächtiger auf ihrer Wache sitzt. Doch dieser ist nur bedingt redselig und wirft nur erneut Fragen auf. Sicher ist nur er ist der Täter (dies weiß er selber und zu diesem Zeitpunkt auch der Zuschauer), doch Zeitdruck und fehlende Beweise, sorgen für inkompetente Fehler und noch mehr Druck von Oben. Joong-Ho, mehr ein A-Loch als ein netter Kerl von Nebenan, macht sich selber auf die Suche nach Indizien und nach Mi-Jin. Ein naiver Polizeiapparat, die kleine Tochter von Mi-Jin und der vermeintliche Serienkiller sind dabei nicht gerade hilfreich.
Das diese Ereignisse während der ersten Hälfte der Laufzeit von THE CHASER abgehandelt werden verdeutlicht in erster Linie das angenehm hohe Tempo, und das obwohl sich die reale Action auf Verfolgungsjagden zu Fuß durch Vorstadtregionen von Seoul, beschränkt. Geschickt werden Details verraten. Dabei lässt Regisseur Na Hong-Jin seinen Figuren gleichzeitig ungewöhnlich viel Zeit sich zu entfalten. Freilich unterliegen diese genrespezifischen Klischees, doch sind diese nicht arg überzeichnet worden. Der vermeintliche Held hat ganz offensichtlich mehr Dreck am stecken als er uns wissen lässt und sein Kontrahent wohl nicht nur ein physisches Problem. Klar die Konstellation Zuhälter und Tochter einer seiner Nutten, auf der Suche nach der Mutter, hat was von einem Buddymovie, zumal einige dieser Momente zum schmunzeln anregen. Doch der Wandel vom miesen Geldmacher zum, von Gewissensbissen geplagten Opfer, musste einfach stattfinden. Die Suche gestaltet sich als langwierig und ereignisreich, die beiden kommen sich näher und nur eine dabei gewonnene Schlüsselinformation und der daraus resultierende Schmerz (wohl auch eine der emotional intensivsten Sequenzen des ganzen Filmes) sorgen dafür das das Ganze nicht in einer triviale Vater-Tochter-Beziehung mündet. Genialer Zug vom Autor, wird in diesem Moment der Antiheld zum Helden, und das obwohl er schroff ist und alle halben Meter rumfluchen tut. Fast könnte man meinen er sei auf Rache aus, zumal die operierende Polizei ihn vor allem beim verhören des Täters zu einer Marionette macht und er nicht gerade zimperlich zur Sache geht.
Apropos zimperlich. Plakative Splatterorgien‚ à la SAW und Konsorten, gibt es nicht zu sehen, viel mehr überlässt die Kamera das meiste der Fantasie. Doch ganz ohne Material kommt sie dann doch nicht aus. Allein durch die spontane Entstehung besagter Situationen, wirken die Gewaltszenen, einfach nur roh und brutal, wie es selten zu sehen ist. Kaltschnäuzig und emotionslos rast der Hammer durch die Luft und zieht beim wiederholten ausholen rote Blutfäden hinter sich her. Das lässt niemanden kalt und ruft eine breite Palette an Empfindungen, beim zuschauen, hervor.
Die Darsteller sind durch die Bank brillant, vor allem Ha Jung-Woo als zynischer Täter ist eine Wucht, vermittelt er doch seiner Figur eine pervers-liebliche Ader, bei der man fast in Versuchung gerät Mitleid zu haben, nur um im nächsten Moment ganz Klar vom Gegenteil seines Anliegens überzeugt zu werden. Ein stimmiger Score, welcher vor allem die flotten Sequenzen fast rockig untermalt, bricht sich im Stil um auch sehr unaufdringlich zu begleiten.
Ganz ohne Kritik, wenn diese auch den Genuss des Filmes in keinster Weiser schmälern kann, kommt THE CHASER aber auch nicht aus. Da wären zum einen die unglücklichen Zufälle im Film, welche für ein weiterkommen allerdings wichtig waren und zumindest sorgfältig platziert wurden. Wirken diese manchmal doch arg konstruiert. Auch das auftauchen der Polizei zur rechten Zeit am rechten Ort, ohne einen vorherigen Hinweis, fällt negativ auf. Weiterhin wird die Situation des Überfalls um Mi-jin’s Tochter nicht aufgeklärt und lässt den Zuschauer mit einem Stirnrunzeln zurück. Doch sind dies Kleinigkeiten in einem sonst durch die Bank stimmigen Drehbuch. Die Ausstattung und Inszenierung dagegen ist überragend. Von steril, überladen bunt und stellenweise auch morbide, werden optisch einige Stile genutzt um Atmosphäre zu kreieren. Wilde Schnittmontage musste einem übersichtlichen Erzählstil weichen und lässt den Zuschauer jederzeit den Überblick behalten.
Fazit. Ein absoluter Geheimtipp wird THE CHASER wohl bleiben, da er trotz hoher Qualität auf allen Ebenen einer solchen Produktion, gegenüber dem ähnlich gelagerten Nachschub aus Hollywood, kommerziell gesehen keine Chance haben wird, da Verleiher wohl zu distanziert über eine Kinoauswertung denken. Fans des Genres und des asiatischen Kinos dürfen sich aber getrost die Finger lecken, da solch Knaller so schnell nicht wieder das Licht der Zelluloid-Welt erblicken wird.
9 von 10