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"Fleisch" ist ein Film, der offenbar in erster Linie Spannung erzeugen will, aber - typisch für deutsche Filme der Nachkriegszeit - haftet ihm auch etwas Lehrhaftes an. Es geht um Organklau an unbedarften Reisenden. Als zwei dieser Reisenden sehen wir zu Beginn des Films nun Jutta Speidel und Herbert Herrmann als frischgetrautes Ehepaar, die ein Zimmer in einem Motel am Stadtrand beziehen und dort von einer seltsamen älteren Dame empfangen werden. Vorher dürfen wir aber auch noch in einer nahezu psychedelischen Szenerie Zeuge der Vermählung werden, wozu leicht angekiffte Gitarrenmusik zu hören ist. Im Motel angekommen, erzählt Jutta der alten Tante erst mal aufgekratzt, dass sie "ein Kraut, ein Fritz, ein Fraulein" sei, um sich nach deren Verschwinden in einer recht freizügigen Szene mit Herbert im Bett zu lümmeln. Auch hierzu nette Musik. Am Horizont taucht ein Krankenwagen auf und mit ihm das Böse. Die beiden Turteltäubchen laufen dem Verderben geradezu entgegen. Wie von Geisterhand alarmiert, warnt Jutta, hier heißt sie übrigens Monica, den naiven Herbert - zu spät, die Spritze ist schon in der Schwarte versenkt und Herbert wird von zwei zwielichtigen Krankenpflegern abgeschleppt. Jutta begibt sich auf die Flucht vor den Entführern. Doch mit der Hilfe des Brummis Bill (Wolf Roth) kann sie sich schließlich auf die Suche nach ihrem Angetrauten machen...

Der Film beginnt mit starken Bildern und tranceartiger Musik; hypnotische Lichtreflexe werden von der Kamera eingefangen, der Taumel des jungen Glücks wird in atemlosen Aufnahmen festgehalten. Die Hochzeit, die Bettszene, besonders die Entführung des Ehemannes gehören zu den starken Momenten des Films, da ihnen ein Hauch von Irrealität anhaftet. Man möchte mit Monica zunächst nicht glauben, was da - scheinbar grundlos - passiert. Wenig später beginnt der Film dann aber ruhiger und konventioneller zu verlaufen. Die Konfrontation zwischen einigen Brummis und den Krankenpflegern verleiht dem Geschehen kurzfristig eine gewisse Härte, die aber bald wieder abflaut, denn bei der Organentnahme-Klinik selbst wurde sehr zurückhaltend verfahren; man vergleiche "Traitement du choc" mit Annie Girardot und Alain Delon. Mit massenweise schwabbelnden Organen sowie ausgehöhlten Körpern wartet "Fleisch" trotz des kernigen Titels nicht auf. Auch eine eigentliche Anti-Figur wird nicht aufgebaut - Monica trifft bei ihrer gewagten Mission auf überraschend wenig Widerstand und bekommt schließlich noch Hilfe von einem netten Polizisten, auf den sie infolge ziemlich unglaubwürdiger Zufälle trifft. Das Ende will ich jetzt nicht verraten, aber mir persönlich hat es nicht besonders gefallen. Für einen "Lehrauftrag" des Films ist es nicht aufrüttelnd genug, im Rahmen eines auf Spannung ausgerichteten Films bietet es etwas zu wenig Dramatik, auch wenn recht spektakulär ein Auto zu Schrott gefahren wird.

Insgesamt ein sehenswerter, spannender deutscher Film mit den guten Hauptdarstellern Jutta Speidel, die zwar etwas überdreht, aber sehr engagiert spielt, und Wolf Roth, der überzeugend den kantigen Lastwagenfahrer mit gutem Herzen herüberbringt. Herbert Herrmann wirkt in seiner etwas substanzlosen Rolle ziemlich blass, und Charlotte Kerr als Ärztin bleibt sehr kühl und gibt ihrer Rolle keine klare Richtung. Tedi Altice gibt als kauzige Motel-Hexe eine ausgezeichnete Vorstellung ab.

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