Büße für die Sünden deines Landes
Gleich vorweg: „Senseless“, basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Stona Fitch, ist wohl das fieseste und gleichzeitig realistischste Stück Film, das ich seit langem gesehen habe. Der Film von Simon Hynd ist ein kleines Meisterwerk, dass ich wohl nie zu Gesicht bekommen hätte, wenn ich nicht am diesjährigen FFF darüber gestolpert wäre.
Im Grunde ist „Senseless“ eine Parabel über Terrorismus, Folter, Verblendung und unsere degenerierte Internetkultur und damit genau das, was „Untraceable“ gerne geworden wäre. Aber im Gegensatz zum lahmen auf der „Saw“- und „Hostel“-Welle reitenden Diane Lane Pic weiß „Senseless“ vor allem durch seine unter die Haut gehende Story und seine exzellenten Schauspieler und weniger durch zum Selbstzweck verkommene Gewaltszenen zu überzeugen. Ungeachtet dieser Tatsache ist der Film an einigen Stellen so realistisch und böse, dass dem geneigten Betrachter das Blut in den Adern gefriert.
Ich weiß wirklich nicht wie ich dieses Filmerlebnis adäquat beschreiben soll. Auf jeden Fall zieht der Film den Betrachter spürbar nach unten und animiert gleichzeitig zum Nachdenken.
Der junge Amerikaner Elliot (unglaublich intensiv: Jason Behr) wird in Europa von einer radikalen Organisation entführt. Nach einigen Tagen Gefangenschaft wird ihm offenbart welches grausame Schicksal ihm die terroristische Gruppe zugedacht hat. Stellvertretend für die Sünden aller Amerikaner (und des American Way of Life im Besonderen) soll er bestraft werden. Diese Bestrafungen werden per Livestream ins Netz übertragen, wobei die Zuschauer die Möglichkeit erhalten mittels Geldbeträgen eine Fortsetzung der Folter oder die Freilassung von Elliot zu erwirken. Wie man sich vielleicht vorstellen kann ist die Gruppe der Folterbefürworter deutlich größer als jene der Befürworter seiner Entlassung. Bevor es jetzt mit Käsereibe, Bügeleisen, Löffel und Lötstab zur Sache geht wird das Opfer psychologisch auf die Torturen eingestellt und über die Wichtigkeit seiner Rolle in der Mission der Entführer aufgeklärt. Elliot soll all seine 5 Sinne einbüßen und seine Mitschuld an den Ungerechtigkeiten rund um den Globus gestehen und damit so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf die Mission der Gruppe lenken.
Let the suffering begin.
Wer an dieser Stelle den Eindruck gewonnen hat, dass es sich bei „Senseless“ um einen weiteren Vertreter der allgegenwärtigen Folterpornos handelt oder gar einen Abklatsch des bereits erwähnten Durchschnittsschockers „Untraceable“, der sich bekanntlich einer ähnlichen Thematik bedient, liegt in beiden Fällen komplett daneben. „Sensless“ bietet zwar durchaus Szenen, die zum schlimmsten gehören das ich je gesehen habe, diese wenigen Augenblicke machen aber nur einen Bruchteil der Filmhandlung aus. Noch verstörender als die Foltertorturen der Hauptfigur sind nämlich jene Sequenzen, die die schmerzhaften Tage nach einer ertragenen Folter, die Gespräche über die derzeitige Stimmung der Öffentlichkeit seinem Leiden gegenüber und die psychischen Folgen für Elliot zeigen.
Besonders schlimm an der Geschichte ist, dass die Terroristen bedingungslos an ihre Mission glauben und vor nichts zurückschrecken. An dieser Stelle ist nicht nur ihr sadistischer Anführer gemeint sondern auch jene Mitglieder, die tatsächlich daran glauben, dass Elliots Leiden nicht nur ihrer Sache dienlich ist, sondern auch ihm selbst dabei hilft sein Leben zu ändern. Das Ganze ist so unbeschreiblich fesselnd, dramatisch und spannend in Szene gesetzt, dass man bis zur letzten Minute wie gebannt auf die Leinwand starrt.
Noch schlimmer wird die Wirkung von „Senseless“ dadurch, dass man sich als Zuschauer durchaus vorstellen kann, dass eben diese Situation wirklich eintritt. In Zeiten, in denen sich jedes Kind mit Internetanschluss live Enthauptungen von bemitleidenswerten, entführten Journalisten ansehen kann und Seiten wie www.rotten.com zu den bekanntesten Internetpages zählen, sind wir wahrscheinlich weniger als einen Schritt von eben diesem Szenario entfernt.
Mir ist der Film wirklich unter die Haut gegangen und die Schlusscredits haben mich sehr nachdenklich aus dem Saal entlassen. Wie würde man selbst reagieren, wenn man im Internet über solch eine Seite stolpern würde? Sie ignorieren, um den Tätern im Hintergrund keine Bühne zu bieten (aber wer weiß was dem Opfer dann für ein Schicksal angedacht ist)? Gegen ihn/sie bieten um etwas zu beobachten, was man noch nie zuvor gesehen hat? Oder versuchen einen Wildfremden mit dem eigenen Geld zu retten?
„Senseless“ weiß somit nicht nur auf Grund der fünf (in ihren Folgen für den Hauptcharakter) sehr harten Gewaltszenen, sondern vor allem wegen der geschliffenen und pointierten Dialoge und der aktuellen Thematik zu überzeugen. Inwieweit bin ich als Einzelperson für die Geschicke meines Landes verantwortlich und inwieweit unterstütze ich die Verbreitung gewalttätiger Videos im Internet dadurch, dass ich sie mir nur ansehe!?
Das Ende des Films entlässt den Zuschauer schließlich mit einem so bitteren Gefühl, dass man gar nicht so richtig weiß was abgelaufen ist.
Fazit
"Senseless" mit „Hostel“ oder ähnlichen Folterpornos zu vergleichen wäre höchst unpassend und hieße Äpfel mit Birnen gleichzusetzen. Der Film von Simon Hynd ist fesselnd inszeniert und perfekt umgesetzt. Meiner Meinung nach müssen sich ab jetzt alle Filme dieser Thematik an „Senseless“ messen.
Somit gilt: Unbedingt ansehen, staunen und sich überraschen lassen.
Nachsatz
Da der Film erst vor kurzem fertig gestellt wurde, lief er am FFF 2008 statt als 35mm Kopie als Blue Ray, was dem Filmvergnügen jedoch keinen Abbruch tat. Wann der Film somit aber regulär im Kino oder auf DVD anlaufen wird ist folglich noch unklar.