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Wundertüte Pixar – auch nach der erneuten Cooperation mit Disney erwartet man von der Animationsfirma natürlich Unglaubliches und noch unglaublicher ist, daß Pixar auch immer noch liefert.

Die Kreativabteilung geht immer noch bei der Wahl ihrer Stoffe extreme Risiken ein und das Größte im Fall von „Wall-E“ bestand sicher darin, einen Film zu drehen, dessen Hauptfigur ein kleiner Müllverwertungs- und Aufräumroboter ist, dessen Sprachchip so begrenzt ist, daß man sich der Dienste des Star Wars-Veteranen Ben Burtt versicherte, um die Roboterlaute so individuell wie möglich zu gestalten.

Ein weiteres Risiko bestand sicher darin, eine Story zu entwickeln, in der Roboter Wall-E das erste Drittel ganz allein (also dialogfrei) bzw. nur in Gesellschaft einer fiependen Kakerlake zu bestreiten hat, um daraus dann eine Liebesgeschichte zu formen, die auch noch einen abendfüllenden Film trägt.
Das funktioniert nur mit einem wirklich originellen Charakter und mit der rollen Müllpresse, die trotz vehementem Bestreiten aller Pixar-Kreativen dann doch nicht selten an „Nummer 5“ erinnert, ist nicht nur extrem lebendig animiert und mit vielen naiv-komischen Charaktereigenschaften (sprich: Persönlichkeit) ausgestattet, sondern strahlt vor allem Herz aus.

Dabei muß der Zuschauer von Anfang an erst einmal akzeptieren, daß die mechanischen Gesellen, die hier auftauchen, nicht nur alle irgendwie ein klein wenig Persönlichkeit haben, sondern auch zu einer Form von Emotion, zumindest aber zu Freundschaften und Gesellschaft in der Lage sind.

Der Film als Ganzes zerfällt dann auch erzählerisch in drei Akte, wobei von vorne nach hinten durchaus ein leichtes Qualitätsgefälle zu verzeichnen ist.
Das erste Drittel ist sicherlich am schwersten für den gängigen Animationsfan zu goutieren, ist aber das Meisterlichste, denn Wall-E kann in seiner Einsamkeit auf dem müllübersäten, verlassenen Planeten Erde in jeder Sekunde überzeugen.
Gleichzeitig entfalten die Macher die vielleicht überzeugenste negative Zukunftsvision unseres geschundenen Planeten: verdreckt, müllverseucht, trübe und im Abriß begriffen. Wie nahe diese Vision der Wirklichkeit ist, werden wir heutzutage wohl noch nicht entscheiden können, ein Mahnmal sind diese photorealistischen Szenen aber allemal.
Wall-E macht seinen Job in einer Megacity-Geisterstadt und preßt den Wohlstandsmüll in seinem Bauch in kleine Würfel, die er akribisch so übereinander stapelt, daß die Würfeltürme die Wolkenkratzer inzwischen überragen. Dabei wird er stets auch von einer Art kindlicher Neugier getrieben und sammelt alles, was ihm irgendwie interessant erscheint, um es in seinem Wohncontainer zu verstauen.

Das zweite Drittel entspinnt sich um den Roboter und die (weibliche) Sonde Eve, die auf der Erde abgesetzt wird, um sie zu scannen – und Wall-E verhält sich so anhänglich in seiner Einsamkeit, daß die gegensätzlichen Maschinen Freundschaft schließen, bis eben Eve Wall-E’s letzten Fund entdeckt: eine Pflanze.
Die verstaut sie wiederum in ihrem Bauch, um dann in Stasis zu erstarren – worauf Wall-E bei ihr ausharrt, bis sie abgeholt wird, um ins All zu starten.

Das letzte Drittel spielt dann am Ziel der Reise in einem Generationen-Ferienausflugsschiff von gigantischen Ausmaßen, in dem sich die Menschheit in eine Horde immobiler Klöpse verwandelt hat, dirigiert und organisiert durch eine Heerschar Roboter, die Wall-E auf der Suche nach seiner Freundin natürlich durcheinander wirbelt, wobei er letztendlich natürlich der Auflöser für einen Neuaufbruch der Menschheit sein wird.

Interessanterweise ist der Film besser, je privater und intimer er ist, das wilde Chaos des Schlußdrittels, das mit einer Reihe von filmischen Anspielungen verziert ist und eher bekanntere Schemata recycelt (den Freund vor dem Tode retten, die Unterstützung durch die Randexistenzen der Robotergesellschaft, Gefühl und Verstand gegen Befehle und Anordnungen, Phantasie gegen Trägheit), bringt da doch eher das Übliche, wenn auch trotzdem noch eine Vielzahl an Gags.

Wie überhaupt der ganze Film durchgängig komisch ist, der Humor sich aber eher aus den Persönlichkeiten und Gegensätzen entwickelt und ein ununterbrochenes Kichern provoziert.
Dennoch: am Ende menscheln die Maschinen ein bißchen zu viel, wird es zu märchenhaft, zu gewollt und vor allem zu einfach (die verfettete Menschheit läßt sich anstandslos motivieren) – man könnte es aber auch als grenzenlosen Optimismus in Sachen menschlicher Rasse verstehen.

Dennoch ist nach dem intelligent erzählten „Ratatouille“ „Wall-E“ der genaue Gegensatz, eine Geschichte, die einzig und allein von Wärme und Herz angetrieben wird und sich weitestgehend natürlich entwickelt. Ein Film zum Liebhaben, ohne dabei dem Vorwurf des Fremdschämens zu erliegen. Wall-E hat man schlicht und ergreifend gern – die Simplizität der Geschichte muß man im Lauf der Handlung einfach akzeptieren.
So gesehen ist „Wall-E“ sowohl der erste Pixar, der nicht nur nach Perfektion strebt, sondern auch ein wenig von innen warm leuchtet und strahlt, in meisterhaften Bildern, was kann man denn von einem Animationsfilm noch mehr erwarten? (9/10)

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