Pixars neuntes Leinwandabenteuer geht ein großes Wagnis ein, indem es einen Roboter als Identifikationsfigur ausgibt, welche nur wenige Worte formen kann.
Dahinter steckt knallharte Kalkulation, eine genau berechnete Mischung aus Anspruch und Unterhaltung, die besonders in der ersten Hälfte hundertprozentig aufgeht, sich im letzten Drittel aber allzu sehr konventionellen Erzählmustern unterwirft und dabei seine liebenswerte Hauptfigur fast aus den Augen verliert.
Die stärksten Szenen bietet der Streifen in seinen stillen Szenen, die sich fast ausschließlich zu Beginn finden. Wall-E ist der letzte Müllsortier-Roboter auf einer Erde, die er nur noch mit wenigen Kakerlaken teilt. Seit rund 800 Jahren arbeitet er in völliger Einsamkeit, nur das singende Liebespaar aus „Hello Dolly!“ auf einer alten VHS visualisiert seinen Wunsch nach Nähe.
Bis der elegant weiße Roboter Eve per Raumschiff auf der Erde landet, um Anzeichen für Photosynthese zu finden. Völlig losgelöst von der Erde heftet er sich an Eve und landet in einem intergalaktischen Vergnügungspark, in dem die Menschen zu rollenden Konsumidioten degeneriert sind.
Pixar und die Stille. Das will zunächst nicht zusammenpassen und doch funktioniert es aufgrund detailverliebter Feinheiten und der unvergleichlich dichten Inszenierung.
Lange Kamerafahrten über Häuser unter Smog, Müllberge bei denen haargenau auf den Einfluss von Licht und Schatten geachtet wird und mittendrin Wall-E, der wie das Ebenbild eines überaus einsamen Menschen portraitiert wird, sich in sein gut sortiertes Schneckenhaus zurückzieht und der natürlichen Sehnsucht nach Nähe hingibt.
Als Eve landet, ist es die Parabel des Tollpatschigen, der im Umgang mit Damen selten etwas richtig macht.
So versucht er sie mit einem Zauberwürfel zu beeindrucken, zeigt ihr Knisterfolie und stößt in seiner Ungeschicklichkeit alles um, was irgendwie umfallen kann.
Das ist streckenweise so niedlich wie herzergreifend, wenn man bedenkt, dass der komplette Ausdruck der Figuren auf Augen und Sounduntermalung liegt, was der Crew von Pixar in einer exzellenten Umsetzung gelingt.
Bis zu dem Zeitpunkt, als sich Wall-E ans Raumschiff klammert, um Eve nicht wieder zu verlieren, könnte ich dem Streifen prompt die volle Wertung von 10 Punkten geben, doch dann verfällt man zu sehr in allzu bekannte Muster.
Die Kritik an Konsum, Luxus und Lifestyle kommt knüppeldicke, indem die Menschen nur noch von Robotern durch die Gegend gekarrt werden und nicht mehr in der Lage sind, auf zwei Beinen zu stehen, selbst der Commander kann kaum mehr seine Kaffeetasse halten, informiert sich aber zumindest über vergangene Schönheiten der Erde.
Das alles wäre zu verzeihen, doch das Hin und Her um die gefundene Pflanze, das Überlisten diverser Roboter und das Ausschalten des an „2001 – A Space Odyssey“ erinnernden Bösewichts bringen zwar bunte Action, lässt aber das vorher so wunderbar eingesetzte Feingefühl fast völlig vermissen.
Trotz diverser Anspielungen auf Star Wars, Star Trek oder Pixars eigener Vorgänger.
Erst in den letzten Szenen kommt dieses Feingefühl zurück und wieder dominiert die Stille und nochmals zeigen zwei animierte Roboter, wie man tiefe Emotionen mit einem Minimum an Ausdrucksmöglichkeiten auf den Punkt bringen kann.
Schwächelnd im Weltraum, aber groß innerhalb der Umsetzung vertraut irdischer Gefühle, und deshalb, vor allem fürs reifere Publikum eine deutliche Empfehlung.
7,5 von 10