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Wenn ein Regisseur in Hollywood im Moment offensichtlich gar nichts falsch machen kann, dann scheint das Guillermo del Toro zu sein. Der Mann hat einfach einen Lauf.
Seiner Liebe zu Comics, Horror und Fantasy verhaftet, verliert er sich einfach nicht in selbstreferenziellen Spielereien, sondern zaubert einen überbordenen phantastischen Film nach dem anderen aus dem Hut, wobei er es tunlichst zu Nutzen macht, daß seine Budgets mit jedem Erfolg ein Stückchen aufgestockt werden.
Und dabei sind es niemals effektüberladene leere Blockbuster, sondern die Filme vibrieren immer ein wenig neben der Spur und machen Platz für die ureigenste Handschrift eines Nicht-Amerikaners, der das festgetretene Laub auf den ausgetretenen Wegen immer wieder aufwirbelt.

„Überbordend“ ist auch ein guter Terminus für „Hellboy 2“, einer Comic-Fortsetzung, bei der Del Toro diesmal sich selbst neue Impulse verleiht und nicht wie bei der „Blade“-Franchise ganz neue Wege einschlägt.
Hier erkennt man den eigenen Vorgänger noch recht gut wieder, auch wenn Veränderungen nicht aus dem Weg gegangen wird.
War „Hellboy“ nur eine humorvoll-launische Spielerei mit Adventure- und Mystery-Motiven auf dem Gebiet lovecraftschen Horrorvorbildern, so kippt „The Golden Army“ deutlich mehr in Richtung klassischer Fantasy, ohne die Zuschauer mit jetzt schon abgenutzten Quest-Motiven zu Todes zu prügeln. Stattdessen werden gewisse Elemente des ersten Films mit Anleihen bei der Kriegsphantasie „Pans Labyrinth“ und der klassischen Fantasy vermischt. Das wirkt noch losgelöster von üblichen Comic-Konventionen und hat vor allem Geschwindigkeit und Drive, ohne in Hektik zu verfallen.

Die Rahmenhandlung rund um den für das Gute und die Menschheit kämpfenden Hellboy und seine „in Flammen stehende“ Freundin Liz, als Agenten für das Bureau of Paranormal Research and Defense, setzt da an, wo der erste Teil aufgehört hat. Endlich ein Paar haben die beiden inzwischen mit gewissen Differenzen zu kämpfen, die eine weiterführende Beziehung nun mal so mit sich bringt.
Die Figur des Agenten Meyers, damals ein Bindeglied zwischen Zuschauer und Höllenwesen zur besseren Identifikation eingebaut, fällt schlicht und ergreifend weg, solche Hilfestellung haben die Fantasiewesen einfach nicht mehr nötig. Es ist sowohl narrativ als auch für die Hauptfiguren, Zeit erwachsen zu werden.

Und so entwickelt sich die Geschichte weiter: Hellboy und seine Freunde, zu denen wieder der Fischmensch Abe Sapien und ein nur in ektoplastischer Form vorschwebender Teamleiter namens Johan Krauss gehören (der aufgrund seiner deutschen Herkunft für Konfliktpotential sorgt), treten hier baldigst an die Öffentlichkeit, doch die Menschheit, für die Hellboy kämpft, erweist sich nicht als so dankbar wie gewünscht, statt Verbindungen werden eher die Unterschiede nach und nach betont, der Kreis muß nach innen wachsen – nicht zuletzt ist Liz auch noch schwanger, was allerdings der Hauptfigur die meiste Zeit verborgen bleibt. Und auch Abe hat sich zu einer Hauptfigur gemausert, die ihre eigenen Gefühle zu einem Fremdgeschöpf entdeckt, einer Elfenprinzessin.

Diese und ihre Sippe geben dann auch den Ausschlag für den Fantasyanteil der Story, denn in der Basis geht es um einen brüchigen Frieden zwischen den Fantasiewesen wie Elfen, Trollen und anderen Viechern und den Menschen, der jedoch durch einen verbitterten Prinzen (den Zwillingsbruder) in Gefahr gebracht wird, der eine mächtige mechanische Armee zur Neuentfachung des archaischen Krieges unter seine Kontrolle bringen möchte.

Die Suche nach den Kronenbruchstücken an verborgenen Orten wie dem kreaturenübersäten „Markt der Trolle“ gibt Del Toro dann auch ausreichend Gelegenheit, die Hunde ganz von der Leine zu lassen. Hier wird nicht im großen Stil mit CGI gearbeitet, sondern noch mit der Hand und Kostümen gearbeitet, ganz old style und old school, alles Andere ist Dreingabe.
Und auch die wahnwitzigen Geschöpfe, am besten sicherlich ein alptraumhafter Todesengel, der seine Augen auf seinen Flügeln trägt, erschlagen nicht das Handlungskonstrukt, denn hier wird keine Pause gegönnt, jeder Effektsturm hat seine erzählerische Berechtigung im Gesamtkontext.
Trotzdem wird der Horroranteil etwas heruntergetönt, der widerwärtige Angriff der alles zerfressenden Zahnfeen zu Beginn spielt sich stärker in der Vorstellungskraft der Zuschauer ab, als Del Toro wirklich vor die Kamera zerrt und später haben auch die häßlichsten Viecher durchaus ihre gefühlvolle oder humorige Seite, die sie menschlicher erscheinen lassen als jeden normalen Menschen hier.

Wenn man nölen möchte, muß man schon ein wenig suchen.
Zu beanstanden wäre sicherlich die sich ein wenig voneinander abgrenzenden Elemente von Fantasyherzschmerz und sitcomähnlichen Love-Interest-Humor, die albern wirkende Elfensprache und der wenig steigernde Aufbau – stattdessen rollt der Film in einer Lawine von Farben, Formen, Welten und Geschöpfen atemlos von einer Sensation zur anderen und nur das „Herz“ aller Beteiligten rettet hier von vorne bis hinten die Story, die von ihren humanen Aspekten lebt und atmet. Das Gefühl, von der Fülle erschlagen oder leicht übersättigt zu werden, bleibt aber dennoch.
Was zudem fehlt, ist eine noch typischere Bedrohung, die sich zum Ende hin steigert, der Einsatz der goldenen Armee am Schluß ist dann doch zu sehr offensichtliche PC-Spielerei.

Perlman, Blair und Doug Jones sind über die volle Laufzeit jedoch in absoluter Höchstform und die Sequenz, in der Hellboy und Abe besoffen zu Barry Manilow „Can’t smile without you“ singen, dürfte wohl eine der lustigsten des gesamten Kinojahres sein.
Und wie Del Toro zwischendurch schon Akzente für einen apokalyptischen und wohl wesentlich düsteren dritten Teil setzt, hat schon Klasse.

Was man dem Publikum vorher mit auf den Weg geben kann, ist die Empfehlung, möglichst multitaskingfähig zu sein. Es genügt nicht, hier den üblichen Sommerblockbuster, doof, aber amüsant zu erwarten.
„Hellboy 2“ hat diese Elemente bisweilen, aber in der Summe seiner Teile ist er deutlich mehr. Er bedient mehrere Genres, bietet Action, Humor, Fantasie, Tricks und unglaubliche Dekors, bietet gute Charaktere mit Tiefe und rollt daher wie ein knackebunt-düsteres Mirakel, als wäre der Regisseur jetzt endgültig im Rausch durchgeknallt, habe aber irgendwie alle Zügel in der Hand behalten und fast alles richtig gemacht, außer den Erwertungen nach dem ersten Teil zu entsprechen (und auch das kann man als richtig erachten).
„The Golden Army“ ist von vorne bis hinten eine überbordende Pracht, wild und wundervoll und es wird ein besonderes Publikum brauchen, um das von vorn bis hinten zu schätzen zu wissen.
Aber dafür wird man den Film im TV immer und immer wieder gern einschalten und ein Reibach in der DVD-Auswertung kann man jetzt schon garantieren. Der übliche Del Toro: Phantastik für Fortgeschrittene. Tolkien kann sich schon mal warm anziehen. (8,5/10)

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