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Vor über einem Jahrzehnt gab der Däne Ole Bornedal dem Serienkillerhorror ganz neue Impulse mit seinem kleinen, aber immer noch feinen Film „Nachtwache“, doch nachdem er das Remake seines eigenen Films in den Staaten dank Studiointerventionen verharmlosen mußte und es kreativ so in den Sand setzte, hatte man hierzulande nicht mehr viel von ihm gehört.

Mit einem neuen Thriller, „Bedingungslos“ von 2007, kehrt er nun auch auf deutsche Leinwände zurück, doch das menschliche Drama dürfte nicht den gleichen Begeisterungssturm auslösen, zu sehr geht hier Form über Inhalt.
Was wiederum ziemlich unfair ist, denn „Bedingungslos“ ist inhaltlich eine beachtliche Modernisierung des klassischen „Film Noir“, der zwischen 1940 und 1960 seine große Blütezeit hatte.
Die langsame, aber unaufhaltsame Höllenfahrt eines Mannes, der mit seinem eigenen, überschaubaren und zufriedenen Leben nicht mehr zufrieden ist und sich an einem Wendepunkt für eine andere, leidenschaftliche Richtung entscheidet, bis er den Ablauf der Dinge nicht mehr kontrollieren kann.
Die Figur im Fokus ist der scheinbar glücklich verheiratete Familienvater und Polizeifotograf Jonas, der an einem schweren Autounfall beteiligt ist, der die just aus Hanoi zurückgekehrte Julia in ein Koma fallen läßt.
Julia hat ein dunkles Geheimnis, doch bevor dies an die Oberfläche kommt, ist das Kind schon im Brunnen, denn bei einem Krankenbesuch wird Jonas mit Julias Freund Sebastian verwechselt und klärt das Mißverständnis aus Faszination und simplen Reizen nicht auf, sondern steigert sich in die Rolle hinein, da Julia unter teilweiseer Amnesie leidet und sich nur bruchstückhaft an die Vorgänge im Urlaub erinnern kann. Doch gerade da liegt der Hund begraben – und die Achterbahnfahrt nimmt bald seinen Lauf, denn je mehr sich Jonas in die Beziehung zu Julia verstrickt, desto mehr verliert er sich zwischen den Identitäten, scheitert seine Ehe und gerät er selbst in Bedrängnis...

„Bedingungslos“ beginnt mit drei scheinbaren Liebesszenen, die keine sind, einem sterbenden Mann auf der Straße, einer sexlosen Nacht im Bett und einer Erschießung aus Liebe oder Besessenheit, doch das sind Schlüsselszenen für den späteren Verlauf. Und so muß auch der Zuschauer das Geschehen zunehmend erst einmal dechiffrieren, was ihm nicht leicht gemacht wird, da Bornedal mit einem verwirrenden Ansatz arbeitet, der auf den Identitätsverlust der Protagonisten hindeutet. Beziehungen zwischen den Figuren, Abläufe werden angedeutet, später erst breitflächig geschildert und im Hintergrund dräuen kurze Erinnerungsblitze oder Visionen des wirklichen Geschehens.
Bornedal arbeitet konsequent, immer wieder laufen Bild und Ton scheinbar asynchron, fließen Szenen ineinander über, lauscht man Dialog, während noch die letzten Aufnahmen der vorherigen Szene zu sehen sind. Parallelitäten der zwei Leben Jonas fließen immer mehr ineinander, werden gegenüber gestellt, bedingen sich zeitversetzt gegenseitig.

Aus der Amour fatale wird bald ein persönliches Drama, ein gefährlicher Krimi, ein menschliches Duell mit einer nicht anwesenden Figur, die über allem schwebt: Sebastian, der in Hanoi gestorben ist , dessen Echo aber über allem schwebt und der alles einreißen kann. Und es tut – als der Identitätentausch vollzogen ist.
Manchmal ist „Bedingungslos“ so brachial intensiv, daß es fast weh tut, wenn Jonas die Fetzen seines bisherigen Lebens um die Ohren fliegen und er auch das neue nicht unter Kontrolle hat, wie nach und nach ersichtlich wird.

Was aber eine spannende Tour de Force hätte werden können, kränkt an schwerwiegenden Kleinigkeiten. Da wäre erst mal die naturalistische Inszenierung, die an ein Fernsehspiel gemahnt, ganz auf Emotionen und Großaufnahmen setzend und damit in die Breite gespielt. Gedehnt wirkt die Erzählweise, zäh und menschelnd bisweilen, dann wieder hochdramatisch, aber nie im Fluß. Unterstützt wird das durch einen ungeschickt gewählten Soundtrack, der mittels ständigem Gitarrengeklämpel dem Zuschauer irgendwann den Nerv tötet. Und auch mit der Logik haperts öfters mal an allen Ecken und Enden, der zeitliche Ablauf der Vorgänge ist manchmal ebenso wenig nachvollziehbar wie verschiedene Ereignisse, die man hier schlecht aufzählen kann, ohne zuviel zu verraten. Immer wieder schleichen sich kleine Absurditäten ein, etwa wenn Jonas im Krankenhaus selbst von Angestellten sofort für den Freund gehalten wird und kurz darauf einer komplett nackt daliegenden Julia (im Koma, ohne Decke) den Schritt waschen soll, was wohl in keiner Klinik der Welt vom Pflegepersonal so flott einem Beinahe-Angehörigen zugeschoben wird.

Bisweilen ist die Konstruktion meisterhaft und der Film erfrischend bösartig, dann aber läuft er wieder leer oder schleppt sich dahin, wobei leider nicht filmisch geklärt wird, worin die Faszniation der verunglückten Julia für Jonas besteht und warum er für sie alles wegwirft. Zusammen mit den vielen Unstimmigkeiten senkt das den Schnitt leider nur auf 6,5/10.

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