In den 1980ern produzierte Steven Spielberg reihenweise Blockbuster fürs (jugendliche) Massenpublikum, förderte dadurch Regisseure und landete Hits wie Robert Zemeckis‘ „Zurück in die Zukunft“, Joe Dantes „Gremlins“ oder Tobe Hoopers „Poltergeis“, doch der von Barry Levinson gedrehte „Young Sherlock Holmes“ war einer seiner kommerziellen Misserfolge.
So wurde dann auch nichts aus der angedachten Reihe um die Jugendjahre des Meisterdetektives, wie die Vorlage von Arthur Conan Doyle erzählt aus der Perspektive von John Watson (Alan Cox), der hier als Jugendlicher mit Vorliebe für Naschwerk in einem Londoner Internat auf Sherlock Holmes (Nicholas Rowe) im Teenageralter trifft. Der tut sich nicht nur als brillanter Denker hervor, sondern ist auch ein effektiver Fechter und ein Ladies Man, zumindest wenn es um die Gunst von Elizabeth Hardy (Sophie Ward), die Tochter des pensionierten Lehrers und Holmes‘ Mentors Rupert Flaxwatter (Nigel Stock) geht. Chris Columbus, der die Drehbücher einiger Hits aus der Spielberg-Factory schrieb, legt ein Script vor, das den Jungdetektiv bereits mit einem gewissen Maß der charakteristischen Arroganz und Verschlossenheit ausstattet, diesen aber nicht unsympathisch erscheinen lässt.
Parallel zum Kennenlernen des dynamischen Detektivduos geht im Umfeld allerdings noch eine Mordserie von statten, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen ist: Mit einem via Blasrohr abgefeuerten Dorn werden die Opfer mit einer Droge infizierte, die Halluzinationen erzeugt und sie in den Tod treibt, was offiziell nach Selbstmord oder Unfalltod aussieht. Das gibt ILM Raum für reichlich tricktechnische Muskelspiele, wenn Figuren aus Kirchenfenstern, Ornamente, Essen und alles was, was fies mutieren kann, auf die armen Tröpfe einstürzt (natürlich nur in deren Visionen) und dabei auch mal die Grenze zum Fantasy- oder Horrorkino überschreitet, etwa bei Visionen auf einem Friedhof, die Zombiehände und ein Begräbnis bei lebendigem Leibe beinhalten.
Im Gegensatz zu dem Polizeibeamten Lestrade (Roger Ashton-Griffiths) stellt Holmes einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen her, doch keiner will ihm zuhören. Als auch jemand aus Holmes‘ Nähe zum Opfer der Mörder wird, ermitteln er und Watson auf eigene Faust…
Was für ein Mix aus Genres: Jugendfilm, Detektivkrimi, Abenteuer, gespickt mit den oben genannten Fantasy-Horror-Visionen, das ist schon ein wilder Ritt. Doch „Young Sherlock Holmes“ geht erfreulicherweise nicht in dieser explosiven Mischung unter, sondern behält seinen Detektivplot im Vordergrund. Eine komplizierte Verschwörung, die einen ägyptischen Kult miteinschließt, wartet auf Aufklärung, Puzzleteilchen werden dem Zuschauer angeboten und Hinweise zusammengepuzzelt, wobei man auch Holmes‘ Kombinationsgabe nicht missen muss, die noch nicht so extrem ausgearbeitet ist wie im Erwachsenenalter und daher auch (kleine) Fehlleistungen erlaubt. Auf die Identität des Hauptübeltäters gibt der Film vielleicht etwas zu deutliche Hinweise und etabliert zudem recht wenige Verdächtige, was das Miträtseln nicht ganz so spannend wie bei manch artverwandtem Film macht, aber als spannende Kriminalgeschichte für die meisten, wenn auch nicht alle Altersklassen funktioniert „Young Sherlock Holmes“.
Nur die Jüngsten dürften bei der Mischung etwas abgeschreckt werden, denn wie auch andere Spielbergproduktionen zu jener Zeit ist man hier bei einem PG-13 alles andere als zimperlich. In einem Tempelsetting geht es auch nur etwas zahmer als in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ zur Sache und diverse Tote sind im Verlauf der Handlung zu beklagen. Trotzdem funktioniert „Young Sherlock Holmes“ als Spaß für diverse Altersklassen, bietet auflockernden Humor, einen kleinen Schuss Coming-of-Age und für die Holmes-bewanderten Zuschauer immer wieder Verweise auf die Vorlage: Im Verlauf der Handlung erhält Holmes Mantel, Meerschaumpfeife und Deerstalker-Mütze, die Phrase „Elementary, Watson“ fällt und Holmes‘ Nemesis Moriarty wird auch eingeführt, wenn auch erst nach dem Abspann. Noch dazu erklärt „Young Sherlock Holmes“, wie aus dem durchaus emotionalen Jungen der kühle Logiker ohne Interesse an Frauen wurde, womit der Film durchaus eine reizvolle Weiterentwicklung der Figur liefert, auch wenn er auf keine Originalstory Arthur Conan Doyles zurückgeht.
Doch auch wenn „Young Sherlock Holmes“ durchaus vergnüglich und kurzweilig ist, so scheint Barry Levinson, sonst eher der Mann für zwischenmenschliche Dramen, nicht hundertprozentig mit dem Abenteuerstoff zurechtzukommen, der sich öfters mal auf grob gepinselte Nebencharaktere verlassen muss: Holmes‘ Rivale an der Schule, Dudley (Earl Rhodes), ist ein arroganter wie intriganter Fatze und sonst nichts, die Lehrer gibt es nur in respektvoll-engagiert oder verpeilt-ignorant und auch Holmes‘ Mentor Waxflatter ist in erster Linie eine Ansammlung von Verrücktes-Genie-Stereotypen. Dagegen kann Levinson mit seiner Hauptfigurentrias aus Holmes, Watson und Elizabeth wesentlich besser arbeiten und emotionale Momente hervorzaubern, die das Abenteuer erden, denn so ganz der Mann für dicke Schauwerte ist der Regisseur nicht: In den Visionen laufen die Effektspezis zwar zu Hochtouren auf, doch London riecht hier stets nach Studiokulisse und gerade beim Vergleich der Tempelszene mit ihrem Pendant aus „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ wird klar, dass Spielberg selbst das Exotische und Spektakuläre ansprechender abzulichten weiß als Levinson, wenngleich der auch bei diesen Szenen immer noch gute Arbeit leistet.
Nicholas Rowe hat mit der Rolle des Meisterdetektivs eine ziemliche Hypothek aufgenommen, ist der Herausforderung aber durchweg gewachsen und überzeugt als Schlaukopf Junior. Alan Cox wird manchmal etwas sehr auf die Rolle des Sidekicks mit süßem Zahn reduziert, kann aber noch Akzente setzen und auch Sophie Ward schlägt sich hervorragend in der weiblichen Hauptrolle. Anthony Higgins überzeugt als Fechtlehrer mit Charisma, Roger Ashton-Griffiths als Lestrade wirkt dagegen manchmal eine Nummer zu ignorant und trottelig, während der Rest der Nebendarsteller seine Rollen recht gelungen verkörpert.
Man kann sich manchmal des Gefühls nicht erwehren, dass das große Spektakel Barry Levinson nicht so liegt, denn manches Set und manches Studiokulisse hätte unter anderer Regie vermutlich opulenter gewirkt. Auch sein Gespür für Zwischenmenschliches kommt nur bei den drei Hauptfiguren zum Tragen, doch ansonsten ist „Young Sherlock Holmes“ ein phantasievolles, spannendes und ideenreiches Detektivabenteuer mit famosen Tricks und einer interessanten Ausarbeitung der Jugend des Meisterdetektivs. Hätte gern fortgesetzt werden dürfen, wie auch geplant, wäre der Film kein Flop geworden.