Die erste Unverschämtheit begeht der Film gleich zu Beginn, wenn er das Vorbild benennt, nachdem dieses Remake entstanden ist - George Cukor's "The Women" von 1939.
Auch wenn aus heutiger Sicht die dort beschriebene Rolle der Frau veraltet wirkt, stellte der Film zu seiner Zeit eine Provokation dar. Die Tatsache, dass nur Frauen daran mitwirkten, ging in einer Branche, in der deutlich mehr Rollen an Männer vergeben wurden, weit über eine blosse Statistik hinaus. Zwar kreisten die Themen der Frauen im Film hauptsächlich um Mode, Schmuck und Männer, aber dabei sprühten die Protagonisten vor Intelligenz und Ironie. Der emanzipatorische Aspekt lag in der Möglichkeit sich ohne Rücksicht auf das Gleichgewicht zwischen Mann und Frau auszuleben. Auch wenn die Männer in der Frauen Munde lagen, gab es keinen männlichen Darsteller, der Sympathiepunkte beim Publikum hätte gewinnen können - darin lag die gestalterische Freiheit der Darstellerinnen.
Wenn es eine Rechtfertigung für ein Remake unter ähnlichen, wenn auch zeitgenössischen Vorzeichen gibt, dann dieser Film. Nicht weil er etwa so gelungen wäre, sondern weil er im Gegenteil demonstriert, wie klischeehaft und rückwärts gewandt die Frauenrolle im Hollywood der Jetztzeit betrachtet wird. Das Perfide an dieser modernen Interpretation der Frauenrolle, liegt in der sehr professionell und optisch gefällig erzeugten Oberfläche, die scheinbar das Bild von selbstständigen, emanzipierten Frauen zeigt, welche letztlich aber doch nur ihr Seelenheil in einer intakten Beziehung mit Kindern und einem weiblich geprägten Beruf finden. Konkurrenz für Männer kann so gar nicht erst entstehen.
Während das Original nicht nur ausschliesslich Frauen, sondern vor allem viele prägende Rollen anbot, konzentriert sich das Remake hauptsächlich auf zwei Darstellerinnen - Annette Benning als Sylvia Fowler und Meg Ryan als Mary Haines. Sämtliche andere Rollen, inclusive der Nebenbuhlerin Crystal Allen (Eva Mendes) kommen über Stichwortgeber nicht hinaus. Es wird schnell deutlich, worauf Regisseurin Diane Englich, die auch das Drehbuch an die Neuzeit anpasste, hinaus wollte - zwei möglichst gegensätzliche Frauenrollen gegenüber zu stellen.
Sylvia Fowler ist die Macherin. Sie hat weder Mann noch Kinder und konzentriert sich auf ihre Karriere, die sie ganz nach oben auf den Stuhl des Chefredakteurs eines Modemagazins brachte. Ihren luxuriösen Lebensstil kann sie selbst finanzieren, was sie mit entsprechender Kauflust demonstriert. Zudem verfügt sie über einen großen weiblichen Freundeskreis, als dessen stimmgewaltige Anführerin sie auftritt. Annette Benning bemüht sich zu Beginn des Films auch um eine gewisse sarkastische Härte, aber sie wird zunehmend demontiert. Zuerst muss sie sich von einer jüngeren Mitarbeiterin sagen lassen, dass ihre Ideen nicht mehr zeitgemäss sind, dann wird sie von ihrem (selbstverständlich männlichen) Chef ständig unter Druck gesetzt.
Schon an dieser Konstellation zeigt sich, dass für Frauen im Hollywood Film nur Frauenberufe zur Verfügung stehen. Annette Benning hätte auch die Leiterin eines Ingenieurbüros sein können oder gar eines Hedge-Fonds. Aber einen solchen betreibt bekanntlich schon Stephen, seines Zeichen der betrügerische Ehegatte der brav zu Hause lebenden Mary, die ihre eigene Karriere - als was? - natürlich als Modedesignerin - aufgegeben hatte und von ihrem Vater aus dessen Firma geschmissen wurde. Erniedrigt von den Eskapaden ihres Mannes verliert Mary zunehmend an Contenance, vernachlässigt ihr Töchterchen und gibt insgesamt eine traurige Figur ab, der auch ihre Freundinnen nicht helfen können. Im Gegenteil wird sie dazu noch von ihrer besten Freundin Sylvia enttäuscht, die - um ihren Job zu retten - der Presse Futter zur zerbrechenden Promi-Ehe gibt.
Doch sie kommt zurück wie Phoenix aus der Asche, nachdem Bette Midler kurz als Stichwortgeberin missbraucht wurde. So wie schon in "P.S. - I love you" die Hauptdarstellerin plötzlich zur begnadeten Schuhdesignerin wird, entwickelt sich Mary mit Unterstützung ihrer Mutter, die bisher (wahrscheinlich dank des reichen Fabrikanten-Ehemannes) nichts mit ihrer Erbschaft anfangen konnte, binnen kurzem zur erfolgreichen Designerin mit eigener Kollektion. Da ist dann auch das liebe Töchterchen wieder stolz auf Mami und der untreue Ehemann kommt auch wieder angekrochen (allerdings nicht, ohne vorher schön "bitte, bitte" zu sagen).
Wie verlogen diese Konstellation ist, zeigt sich in der Szene, in der sich die ehemaligen Busenfreundinnen Sylvia und Mary wieder vertragen, nachdem sie sich Monate nicht gesehen hatten. Während die fast die gesamte Zeit im Flachschuh-Schlabber-Look daher kommende Mary plötzlich modisch angestöckelt kommt, wirkt die bisher immer wie aus dem Ei gepellte Sylvia wie auf dem Weg zur nächsten Baustelle. Sylvia hat inzwischen begriffen, wie wichtig die Mutterrolle ist und ihre Karriere geschmissen, um sich nicht mehr verbiegen zu müssen - merkwürdigerweise hatte man ihr von dieser Art Ideal bis zu diesem Zeitpunkt nichts angemerkt. Und Mary beweist, das Erfolg sexy macht, und das man so auch eine jüngere Konkurrentin ausstechen kann, der leider neben einem gefälligen Äusseren nicht der geringste Intellekt zugestanden wird. Mary hat die Dreifaltigkeit aus Hure, Mutter und erfolgreicher Geschäftsfrau geschafft - Mann, was willst du mehr ?
Betrachtet man die klischeebeladene und vorhersehbare Story aus einem gewissen Abstand, könnte man an einen ironischen Rundumschlag auf Filme á la "Sex and the City" glauben. Damit läge man - modern interpretiert - ganz auf der Linie des Originalfilms, aber leider bleibt die Neufassung fast gänzlich humorlos und verkauft ihre Geschichte von Frauenfreundschaften und dem Glauben an sich Selbst, der Berge versetzt, mit an die Schmerzgrenze reichender Ernsthaftigkeit.
Letztlich tut man dem Film zu viel Ehre an, wenn man darüber spekuliert, ob das Baby zum Schluss wirklich der einzig männliche Part des Films ist (oder vielleicht doch ein Mädchen ist), denn damit rückt man den Film wieder in die Nähe des 1939er Originals, bei dem darüber sinniert wurde, ob auch die darin vorkommenden Hunde weiblich waren. Diesjährige Komödien wie "Zufällig verheiratet", "Sex and the City" oder "P.S. I love you" mit ihrem einseitigen Frauenbild kann man wenigstens getrost vergessen. "The Women - Von großen und kleinen Affären" ist dagegen ein Verrat an einer völlig anderen Denkweise, die den Originalfilm auszeichnete (1/10).