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Während der sogenannte Normalbürger, der Durchschnittsmensch wie Du und Ich es morgens nicht aus dem Bett schafft oder zumindest sich davor scheut, den Gang in den Tag deswegen hinauszögert, weil die Faulheit ihn festhält, oder die Unlust, die Müdigkeit oder schlichtweg der Gedanke an Ruhe und Geborgenheit in den eigenen vier Wänden, haben die Personen in Lawrence Laus Besieged City ganz andere Probleme. Der Protagonist im Mittelpunkt des Geschehens, Derjenige, der mit eigenen Augen und aus Erzählungen Anderer die Welt für uns erkundet und uns begleitet, möchte sogar mutwillig des Frühs aus dem Haus. Aus der beengten Wohnung eines gleichförmigen Hochhausgebäudes innerhalb von Tin Shui Wai, der City of Sadness, in der sich die Mehrstöcker wie ein Ei dem Nächsten gleichen und die glatte, unpersönliche und abstrakt-modern technisierte Betonfassade die Blicke und Stimmen und Schreie dahinter verschließt. Er möchte auch des Nachts hinaus aus der zugebauten Wohngegend, den Dächern und Wänden der Armen, in seinen Träumen durch das Gras laufen, das freie Feld, an ein Gewässer heran in die unbeschwerte und unabhängige Zwanglosigkeit, nur um dort ebenso von einem schlagartig einfallenden Alb erschreckt zu werden wie beim Aufwachen auch in der Realität.

Denn in der Gegenwart, dem Hier und Jetzt vor seinen Augen, direkt vor seiner Wohnungs- und Haustür, beim ersten Öffnen am Morgen fällt die Wirklichkeit ein. In dem gegenüberliegenden Appartement findet eine Geiselnahme aus verschmäht geglaubter und so niemals existierender Liebe statt, die Polizei sowie aufgebrachte Mitbürger weilen und wühlen im progressiven Sarkophag herum, nur um wenige Augenblicke den ersten Toten des Tagesbeginns zu registrieren.

Um einen Sterbefall geht es auch in der Geschichte, der Aufbereitung des allumfassenden Überblickes jugendlichen Lebens in diesem Ungetüm von Stadtteil, der von außen hin gar nicht so fürchterlich hungrig auf das Verschlingen heranwachsender Existenz, sondern vielmehr als Vorderfront zeitgenössisch aktiver Materie erscheint. Zwar schweift in einer schilffarben changierenden Renaissance der Fotografie Gavin Liews regsame und für Independent-Terrain äußerst edle Kamera immer wieder über den im Horizont lauernden Gebäudekomplexen hinweg und scheint mit dieser bestimmenden Haltung auch ausdrücklich auf die Ursache all der ausgebreiteten Misstände hinzudeuten und "Seht her" sagen zu wollen, kann in diesem Etikettierungsansatz allein aber keine konkreten Rückschlüsse beziehen.

Die Gegend wirkt etwas eingeschnürt oder auch -gezwängt, auf das tote Bestehen mechanisiert, belagert, wird aber nicht plakativ als schuldig heruntergekommener Moloch voll Schmutz und Abbruch gezeichnet. Das dissoziale Verhalten entsteht aus einer Anlage-Umwelt-Formel, in der die Gesellschaft sich deswegen vernichtet, weil die adoleszierenden Jugendlichen es entweder nicht anders von ihren Eltern vorgeführt bekommen, oder schlichtweg bedenken- und rücksichtslos Jeder gegen Jeden statt miteinander agiert. [Director's statement:] "They think tomorrow is the end of the world. They do whatever they want today. Selfishness is man's original sin, yet they don't love themselves."
Im Mittelpunkt vom Übergang von dem Besonderen auf das Allgemeine stehen dabei drei Geschwisterbeziehungen, die alle kurz nach dem Verlust der Unschuld auch schnell den persönlichen Aderlass durchmachen müssen. Zwei sich jeweils nahe Verwandte, die erst dann erkennen, wie das eigene Fleisch denkt und fühlt, wenn es zu spät ist und deren Blutsbande von Geburt an noch lange keine Gewähr auf Loyalitäten ist.
"Kin of the victim and killer side by side, what a sight. Makes for an interesting story.":

Der kurz vor dem Examen stehende und anders als seine Mitschüler dafür auch fleißig lernende Ling
[ Tang Tak-Po ] wird mitten in der Schulstunde von einem Polizisten mit einer verheerenden Nachricht aus dem Unterricht geholt. Sein jüngerer Bruder Jun [ Wong Yat-Ho ], der vor einiger Zeit das Elternhaus verlassen hat, wird nicht nur wegen Mordes angeklagt, sondern befindet sich nach einem anschließenden Selbstmordversuch auch im Koma. Ling, der zwar das regelmäßige Mobbing von Jun sowohl in der Schule als auch daheim durch den spielsüchtigen und prügelnden Vater mitbekommen, aber nie eingegriffen oder wenigstens unterstützend gewirkt hat, wird durch die plötzliche Konfrontation mit dessen Vergangenheit im Nachhinein einbezogen. Zwar hat er die ganze Zeit die Sicht abgewendet, steht nun aber direkt im Visier der lokalen Jugendgang um Chu Hin [ Johnathan Cheung ] und dessen Bruder Ocha [ Ling Hoi-Yin ], die nicht nur den von Jun verursachten Tod von Chus Freundin Panadoll [ Wong Hau-Yan ] rächen, sondern auch deren verschwundene Drogenlieferung von dem einzig Übrig Gebliebenen zurück wollen. Als Ling sich notgedrungen auf der Suche nach Informationen macht, stößt er auf die Clique seines Bruders, bestehend aus Block [ Lee Yat-Sing ] und Eggy [ Juzzo Nam ], und zugleich auf Panadolls Schwester Yee Wah [ Joman Chiang ], die deren Kleinkind aufzieht.

Die Erzählung als Update aktueller Befindlichkeiten [und hypokritisch versteckte Bewunderung des Kolorits] erschließt sicherlich keine neuen Wege, weder in der Gestaltung, der Verarbeitung noch der Erledigung des humanen oder des gesellschaftlichen Problems und stellt auch keine pädagogisch unmittelbar lehrreiche Diagnose dar, die kurz vor Abspann noch ein Bündel präventiver und repressiver Methoden schnürt. Sondern funktioniert in seinem Steckbrief alltäglicher physischer oder vielmehr psychischer Gewalt eine erstaunlich geschmeidig wirkende Zweitinstallation altbekannter Probleme; alleinig mit dem Zweck, darüber noch einmal zu unterrichten oder gar zu richten. Regisseur Lau kehrt mit dem Sujet nach einigen Abstechern des starbesetzten Unterhaltungskinos wie zuletzt My Name is Fame [ 2006 ] zurück zu seinen eigentlichen Wurzeln und dem Anliegen darin; dem Aufzeigen der auswachsenden Folgen von mangelnder sozialer und erzieherischer Kompetenz, welches bereits in Gangs [ 1988 ] und Queen of Temple Street [ 1990 ] skizziert und mit Spacked Out [ 2000 ] plus Gimme Gimme [ 2001 ] vorläufig abgeschlossen war.

Schon die Kapiteleinteilung als strotzend angebrachte Aufschrift des moralischen Gemäldes historischer Gattung gibt mit seinen aussagekräftigen Titeln die Grundzüge der achronologisch und in wechselnden Perspektiven formulierten Intermezzi bekannt; in seinen konträren, parallelen oder auch kausalen Positionen befindet man sich komplett im toten Winkel: Dysfunctional Family. Teen Gang. Drug Use - Date Rape. Incest. Violent Death. Payback.

Diese ressourcenorientierte Herangehensweise, die sich als Sozialkrimi standardmäßig wie nach dem Lehrbuch für die Anfängerübung im Multiple Choice Verfahren durch die Impulse für Motivforschung, Beratung und Therapie pflügt, ist neben dem Verzicht, den Details individueller Gründe auf die Spur zu gehen, dann auch die größte Schwäche des ansonsten durchaus anschaulich und auf eine seltsame Art durch beschirmt ausgesonnene Zusätze auch visuell anregend auf dem heutigen Stand der Diskussion gebrachten Werkes. Erinnerungen an das "Übliche", ein Kreislauf der Gewalt, der mit Fetischisierungen im Neonlicht wohl wissend um die verlockende Faszination in einer Ästhetik des Grauens eingefasst wird. Eine absonderlich grelle Oberfläche mit nennenswertem Statusdenken, aber trotz weitgehend überzeugendem Schauspiels seiner Laiendarsteller ohne Tiefgang.

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